Sohnemänner

Muddi is wech

Kinostart: 19.4.2012 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Wo is meine Muddi?!" Edgar (Peter Franke) kann es nicht fassen: Sein Sohn Uwe hat Mutter Hilde (Renate Delfs) aus dem Hamburger Altersheim entführt – ausgerechnet in den Schwarzwald. Uwe (Marc Zwinz) ist der Meinung, bei ihm und seinem Lebensgefährten sei sie besser aufgehoben. Dahinter steckt der stille Vorwurf an den Vater, sich nicht genug um die alte Dame zu kümmern. Um das aber herauszufinden, muss auch Edgar den Weg in den Süden antreten. Wo doch jeder weiß: Einen alten Baum verpflanzt man nicht! Der überzeugte Hanseat und Großstädter, selbst schon 65, gerät in eine schwule Spießeridylle, wo man seinesgleichen als Fremdkörper betrachtet. Hier im Süden, wo das Bier seltsam süß schmeckt und niemand weiß, wie der FC St. Pauli gespielt hat, gilt Edgars urbanes Lotterleben als geradezu asozial. Und niemand sagt ihm das deutlicher als der entfremdete Sohn. Aus genau diesen Gründen ist Uwe von Hamburg weggezogen, in die beschauliche Welt grüner Wälder, schnuckeliger Holzhäuser und gut geführter Altersresidenzen, die "Sonnenhof" heißen und auch so aussehen.

Wer nun glaubt, "Sohnemänner" wolle aus altbekannten Nord-Süd-Streitigkeiten gut gelaunt Kapital schlagen, irrt sich gewaltig. Zwar hat sich Regisseur Ingo Haeb schon als Drehbuchautor von Filmen wie "Die Schimmelreiter" als Spezialist für hanseatische Komik bewiesen. Doch den vielleicht besten Dialogschreiber hierzulande reizen vor allem die unbequemen Themen – sein Regiedebüt "Neandertal" handelte von Glanz und Elend der Hautkrankheit Neurodermitis. Genauso innovativ und klischeefrei widmet sich sein neuer Film dem Drama des Älterwerdens, zugespitzt in der Frage nach dem richtigen Umgang mit pflegebedürftigen Verwandten. Wer sagt, dass wir uns um unsere Eltern kümmern müssen? Was tun, wenn sich die Sache einfach nicht mehr aufschieben lässt? Dann steht man wie Edgar und Uwe vor Konflikten, die nicht nur die knorrige Oma Hilde ("Oben stimmt bei mir noch alles!") betreffen, sondern das eigene Leben.

Schaut man etwas genauer hin, versteckt sich hinter den fein und originell gezeichneten Figuren eine sehr deutsche Geschichte. Edgar, das in den Mangel hineingeborene Nachkriegskind, hatte nie einen Vater, kaum eine Schulbildung. Sein Lebensstil als freigeistiger Rock'n'Roller mit Moped und Lederjacke, aber ohne jede Verantwortung, war stets weniger Rebellion als Überlebenstaktik. Sohn Uwe hat das nie verstanden und rächte sich mit einem bürgerlich-kultivierten Habitus, der das übliche Muster von Vater-Sohn-Konflikten auf den Kopf stellt. Die fast dokumentarisch wirkenden, sehr unterhaltsamen und zugleich schmerzhaften Wortgefechte der beiden deuten diesen historischen Hintergrund nur an; doch genau aufgrund solcher unterschwelliger Konfliktlinien ist "Sohnemänner" ein echter Heimatfilm, der mehr über das Land verrät, als den Protagonisten bewusst ist.
Philipp Bühler

Sohnemänner, Deutschland 2011, Buch & Regie: Ingo Haeb, mit Peter Franke, Marc Zwinz, Renate Delfs, Bernd Schütz, Vera Teltz, Leon Köhler u.a., ab 6, 103 min, Kinostart: 19. April 2012 bei Aries Images

Foto: © Aries Images



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