Traumfabrik Kabul

Porträt einer Kämpferin

Kinostart: 19.4.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Anfang dieser Woche begannen die Taliban mit ihrer "Frühjahrsoffensive" in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Eine eindringliche Warnung an den Westen, dass noch lange keine Normalität in Afghanistan eingekehrt ist. Mit dieser Realität ist Saba Sahar jeden Tag aufs Neue konfrontiert. Sahar war die erste afghanische Frau, die eine Zulassung als Filmproduzentin erhielt. Seitdem dreht die ehemalige Polizistin Filme für das Volk. Filme, die – verpackt als Martial-Arts-Action und Familienmelodramen – eindeutige Botschaften aussenden: von der Unterdrückung der Frauen und von gesellschaftlichem Unrecht. Mit diesen Filmen ist Sahar zu einer Art Popstar Afghanistans aufgestiegen. Menschen auf der Straße erkennen sie. Für ihre Filme aber muss sie weiter kämpfen. Mit ihrem mobilen Kino bereist sie entlegene Regionen, um von der Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen zu berichten. Saba Sahars Alltag ist aufreibend. Einmal sitzt sie im Auto und erzählt, wie sehr sie sich Frieden für Afghanistan wünsche. Und dann bricht sie kurz in Tränen aus.

So nah kommt Sebastian Heidinger Saba Sahar mit seiner Dokumentation "Traumfabrik Kabul", gerade weil er versucht, so wenig wie möglich zu intervenieren. Unbeteiligt folgt das Drehteam Sahar auf ihren Wegen, vom Deutschen Entwicklungsdienst zum Basar, den sie nur mit einer Burka betreten darf, bis zum Hauptquartier der EU-Polizei EUPOL in Kabul. Sie braucht Unterstützung für ihre Filme, finanzielle wie logistische, aber die Versprechungen des Westens klingen halbgar. So ist sie meist auf sich allein gestellt. Ihr Gesicht wirkt hart und kämpferisch. Ihre Kleidung – meist Anzüge, das Kopftuch locker geschwungen, die Sonnenbrille ins Haar geschoben – muss auf afghanische Männer allein schon optisch als Affront wirken.

Heidingers Distanz ermöglicht einen etwas anderen Blick auf den afghanischen Alltag, als es die westlichen Leitmedien zu leisten imstande wären. Der Titel seines Films ist etwas zynisch, denn die Träume des alten Hollywood-Kinos spielen in "Traumfabrik Kabul" natürlich keine Rolle, auch wenn er immer wieder Ausschnitte aus ihren Filmen einstreut. Es geht um den Traum von einem friedlichen Afghanistan.
Andreas Busche

Traumfabrik Kabul, Dokumentarfilm, Deutschland, Afghanistan 2011, Regie: Sebastian Heidinger, Buch: Sebastian Heidinger, Nils Boekamp, mit Saba Sahar u.a., ab 6, 83 min, Kinostart: 19. April 2012 bei arsenal distribution

Foto: © arsenal distribution



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