Die Eiserne Lady

Porträt einer Kämpferin

Kinostart: 1.3.2012 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die alte Frau mit Kopftuch huscht durch ein dunkles London. Sie läuft durch die Straßen, kauft in einem kleinen Supermarkt eine Tüte Milch und bleibt dabei völlig unerkannt. So unbemerkt und unbeschadet wie zu Beginn von Phyllida Lloyds "Die Eiserne Lady" hätte sich diese Frau in den 1980er-Jahren sicher nicht durch die englische Hauptstadt bewegen können. Es handelt sich schließlich um Margaret Thatcher, die während ihrer Amtszeit als Premierministerin zwischen 1979 und 1990 nicht nur unbeliebt, sondern in weiten Teilen der englischen Bevölkerung regelrecht verhasst war. Selbst heute, wo die mittlerweile 86-Jährige mit schwerer Altersdemenz ihrem Lebensende entgegendämmert, löst die Erinnerung an sie und ihre Politik noch immer sehr gemischte Reaktionen aus: mal große Bewunderung, mal heftige Ablehnung.

Das Private, nicht das Politische

Die radikalen Veränderungen, mit denen sie das bei ihrer Amtsübernahme wirtschaftlich extrem angeschlagene Großbritannien gegen alle Widerstände umkrempelte, lieferten dafür mehr als genug Gründe. Mit ihrem liberalen Reformkurs nahm sie keine Rücksicht auf sozial Schwache und Benachteiligte und verringerte deutlich den Einfluss der zuvor sehr starken Gewerkschaften. Sie setzte auf die Deregulierung und Freiheit der Märkte, strich Industrie-Subventionen und privatisierte reihenweise Staatsbetriebe wie auch lokale Versorgungsunternehmen. Dass sie Ende der 1980er-Jahre die sozial ungerechte, weil einkommensunabhängige Kopfsteuer einführte, rief massive Proteste in der Bevölkerung hervor und trug mit dazu bei, dass Thatcher 1990 zurücktrat. Die Folgen der Ära des so genannten Thatcherismus sind in Großbritannien bis heute spürbar.

Einen Film über Lady Thatcher zu machen, ohne sie im Kontext ihrer Politik zu betrachten, ist schon fast ein Kunststück. Doch im Biopic von Phyllida Lloyd, die bisher vor allem als Regisseurin der Musical-Verfilmung von ABBAs "Mamma Mia!" in Erinnerung geblieben ist, spielt all das – wenn überhaupt – tatsächlich nur eine Nebenrolle. Die Drehbuchautorin Abi Morgan, die auch das Drehbuch zu "Shame" schrieb, hat nämlich in "Die Eiserne Lady" den Schauplatz lieber über weite Strecken ins Private verlegt. So nähert sich der Film der umstrittenen, von Meryl Streep verkörperten Persönlichkeit von der menschlichen Seite an. Dafür blickt er aus der Perspektive der alten, dementen Thatcher zurück und ruft, während sich in zahlreichen Rückblenden Gegenwart und Vergangenheit ineinander verzahnen, einige ihrer prägnantesten Lebens- und Karrierestationen ins Gedächtnis.

Von der Krämerstochter zur Premierministerin

Der Film zeichnet den politischen Aufstieg der Tochter eines Lebensmittelhändlers nach, zeigt, wie sie ihren späteren Mann Denis Thatcher (Jim Broadbent) kennen lernte und sich in der konservativen Tory-Partei hocharbeitete: zur Parlamentarierin, zur Parteichefin und letztlich zur Premierministerin. In einer kurzen Episode mit gloriosem Ausgang etwa wird der Krieg um die Falklandinseln 1982 abgehandelt, währenddessen Thatcher persönlich den Hinterbliebenen der gefallenen Soldaten Kondolenzbriefe schreibt. Und obwohl sie eigentlich erklärte Gegnerin der Deutschen Einheit war, erweckt Lloyds Film fast den Eindruck, als hätte sie im Alleingang für den Fall der Berliner Mauer gesorgt.

Relativ viel Raum wird zudem Thatchers Familienleben eingeräumt: Wiederholt erinnert sie sich an ihren Sohn als kleinen Jungen, wie er einst am Strand herumspielte, und nicht wie er später als Waffenhändler und Putschist in Afrika in Erscheinung trat. Eine zentrale Rolle spielt in "Die Eiserne Lady" allerdings die Beziehung und die Liebe zu ihrem Mann Denis, der 2003 verstarb und hier wiederholt in Thatchers verwirrter Vorstellungswelt als Geist auftaucht. Doch wie fühlte sich dieser Mann in seiner lebenslangen Nebenrolle? Welche Bedeutung hatte Thatchers politische Arbeit auf die Ehe? Darauf gibt der Film keine wirkliche Antwort.

Margaret Thatcher als Frau der Tat

Nicht nur in dieser Hinsicht bleiben hier einige Fragen offen. Auch Thatchers Charakter selbst wird nur in groben Stichworten umrissen. Als harte Frau der Tat und Kämpferin, die kompromisslos, durchsetzungsfähig und mit klarer Überzeugung ihren Weg geht, wird sie auf den Sockel gehoben, während der Film jede kritische Auseinandersetzung mit der Tragweite ihrer politischen Entscheidungen vermeidet – und gerade über diese Mutlosigkeit stark ins Schlingern gerät. Die durch Thatchers Politik ausgelösten, manchmal fast bürgerkriegsähnlichen Proteste werden lediglich in wenigen Szenen dazwischengeschnitten.

Gegen all diese Unzulänglichkeiten stehen allerdings hervorragende Schauspielerleistungen: von Jim Broadbent etwa als jovialer, gutmütiger und duldsamer Mann an Thatchers Seite und von Olivia Colman als besorgte Tochter. Vor allem aber ist Meryl Streep als Eiserne Lady wieder einmal überragend und verschwindet teils komplett in ihrer Rolle und hinter dem dicken Alters-Make-Up. Sie hat (in der Originalfassung) die stimmlichen Eigenarten, die Körperhaltung und die Mimik Thatchers mit beeindruckender Genauigkeit nachempfunden und macht bei diesem Auftritt – im Grunde Thatcher nicht unähnlich – fast alle um sich herum zu Stichwortgebern. Für ihre Leistung wurde sie am vergangenen Wochenende mit dem Oscar® als beste Hauptdarstellerin belohnt. Doch auch wenn Streep den Film mit ihrem Ausnahmetalent veredelt, kann sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Die Eiserne Lady" über Margaret Thatcher letztlich weniger zu sagen hat als der entsprechende Wikipedia-Eintrag zu ihrer Person.

(The Iron Lady) Großbritannien 2011, Regie: Phyllida Lloyd, Buch: Abi Morgan, mit Meryl Streep, Jim Broadbent, Alexandra Roach, Harry Lloyd, Olivia Coleman, Anthony Head, u.a., ab 6, 105 min, Kinostart: 1. März 2012 bei Paramount

Foto: © Concorde Filmverleih

Sascha Rettig ist Filmjournalist und lebt in Berlin.



Mehr Infos zu "Die Eiserne Lady"

Die englische Filmwebseite
Die deutsche Webseite zu "Die Eiserne Lady"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Die Eiserne Lady" auf filmz.de
FilmTipp von Vision Kino
Filmbesprechung auf kinofenster.de
bpb.de: Thatcherismus




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