Treeless Mountain

Ein Sparschwein voller Hoffnung

Kinostart: 1.3.2012 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Von einem Tag auf den anderen verändert sich alles für die Schwestern Bin und Jin. Männer räumen die schicke Neubauwohnung in Seoul leer und die Mutter bringt sie zur Tante in eine Kleinstadt. Dort will sie ihre Töchter zwar bald wieder abholen, doch warum das alles so plötzlich geschieht, davon erfahren die Kinder nichts. Stattdessen drehen sie nun ein dickes rotes Plastiksparschwein in den Händen. Ein paar Münzen klimpern darin. Wenn das Schwein voll sei, käme die Mutter zurück, so ihr Versprechen. Bis dahin sollen die Schwestern artig sein, dann bekämen sie von der Tante Münzen geschenkt, dann sei das Schwein bald gefüllt.

Eine eigenwillige Vermessung des Zukünftigen. Dabei hatte die sechsjährige Jin in der Schule gerade gelernt, wie man die Zeit abliest. Doch mit der Schule ist jetzt Schluss. Jin muss nun auf Bin aufpassen, die nichts anderes tragen will als ihr himmelblaues, mit Kunstpelz besetztes Prinzessinnenkleid. Es wird Winter, und die Mädchen vermissen die Mutter und ihr bisheriges Leben. Immer öfter haben sie Hunger, denn die Tante trinkt. Sie ist die Schwester des Vaters. Anscheinend hat er sich abgesetzt und wird nun von seiner Frau gesucht. Doch das bleibt eine Vermutung, denn "Treeless Mountain" ist ein angenehm wortkarger Film.

Mit der schmerzhaften Erfahrung des Verlassenseins beginnt für Jin das jähe Erwachsenwerden. Die südkoreanische Regisseurin So Yong Kim potenziert diesen unbarmherzigen Prozess nicht mit gefühligen Bildern, sondern beobachtet nüchtern die beeindruckend natürlich agierenden Mädchen. Wie sie Löcher in die Luft starren, einen verdorrten Ast auf einen Schutthügel pflanzen, als könnte daraus je ein Baum werden. Sie fangen und grillen Heuschrecken, um sie als knusprige Snacks zu verkaufen. Lernen, dass sich große Münzen in viele kleine Cents verwandeln lassen. Im Nu ist das Sparschwein voll. Doch die Mutter kommt nicht wieder.

"Treeless Mountain" will keine Erklärungen, für Transparenz sorgt eine minimalistische Filmsprache. Die tragische Geschichte indes hat die 1968 in Pusan geborene So Yong Kim ihrer eigenen Kindheit abgetrotzt. "Ich fing an, den Film zu schreiben, um verlorene Erinnerungen festzuhalten, auch als Brief an meine Mutter." Ihr Film ist jedoch keine plakative Vergangenheitsbewältigung, denn die außergewöhnlichen Hauptdarstellerinnen prägen die Geschichte intuitiv mit ihren Eigenheiten. Spannend, wie sie die Komplexität ihres Lebens begreifen.
Cristina Moles Kaupp

(Namooeobsneun San) USA, Südkorea 2008, Buch & Regie: So Yong Kim, mit Kim Hee-Yeon, Kim Song-Hee, Lee Soo-Ah, Kim Mi-Hyang, Park Boon-Tak u.a., OmU, 89 min, Kinostart: 1. März 2012 bei Arsenal Distribution

Foto: © Arsenal Filmdistribution



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