Mit neuen Augen: Abenteuer Berlinale

Das Berlinale-Schulprojekt

15.2.2012 | Schüler/innen der Romain Rolland Oberschule und des John-Lennon-Gymnasiums in Berlin | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Katharina Stütze, 10a, war zum ersten Mal auf der Berlinale. Sie sah von Rebecca Thomas "Electrick Children", den Eröffnungsfilm des Wettbewerbs "Generation 14plus" – ein mitreißendes Regiedebüt im Haus der Kulturen der Welt. Lest ihren sensiblen "Sensationsbericht":

Am Freitag den 10. Februar hatte ich das Glück, gemeinsam mit meiner Klasse die Berlinale besuchen zu dürfen. Spätestens beim Anblick vieler Menschen setzt bei mir immer die Aufregung ein, und so hatte ich, während ich an den Seiten meiner Freundinnen den Weg zum Eingang schritt, das Gefühl, Teil von etwas ganz Großem zu sein. Ich wollte schon immer einmal die Berlinale besuchen und sei es nur, um dem Ruf einer echten Berlinerin gerecht zu werden.

Filme aus aller Welt, Menschen aus aller Welt

Jährlich reisen Menschen aus sämtlichen Teilen der Welt nach Berlin, um an diesem Ereignis teilzuhaben, und ich hatte mir die tollsten Dinge ausgemalt bei dem Gedanken an den Besuch einer Vorstellung. Gerade deshalb überraschte mich auch die Nüchternheit des Ganzen, über die auch die vielen Menschen nicht hinwegtäuschen konnten. Auch der berühmte rote Teppich wirkte – besonders ohne die Stars, die wir leider verpasst hatten – unerwartet schlicht. Erst nach kurzem Beobachten fiel mir auf, dass die räumliche Wirkung eher auf Seriosität hinauslief. Überzeichnete Dekoration wäre hier fehl am Platz gewesen, auch wenn ich in dieser Hinsicht viel mehr erwartet hatte.

Wir beobachteten die anderen Menschen, mit denen wir langsam immer enger zusammengedrängt wurden. Menschen jeden Alters, und uns alle verband ein gemeinsames Erlebnis. Ein Interesse und ein Film war es, der uns alle hier zusammenbrachte, und das war auf eine unbestimmte Art aufregend. Wir alle warteten auf die Saalöffnung, aber dieses Anstehen gehörte irgendwie dazu und wurde zu einem wichtigen Teil der ganzen spannungs- und erwartungsgeladenen Atmosphäre.

In fiebriger Erwartung

Als die Absperrungen geöffnet wurden, legte jeder sämtliche Berührungsängste ab. Erwachsene drängelten teilweise ebenso hemmungslos wie junge Leute. Der Saal übertraf dann aber doch meine Erwartungen. Durch die markante Form wirkt er sehr modern, er ist groß und offen, durch das helle Holz aber auch warm. Wir suchten uns oberhalb des Saals Plätze, aus dem einfachen Grund, dass unten schon besetzt oder reserviert war, was sich aber in keiner Weise nachteilig auswirkte, denn die Sicht ist aus sämtlichen Ecken des Saals ausgezeichnet.

Nach einer zweistimmigen Eröffnung in deutscher und englischer Sprache und einer Vorstellung der Jugendjury begann dann auch schon der Film. "Mein erstes Kino ohne Werbung", wurde mir von rechts noch ins Ohr geflüstert, dann mussten wir uns konzentrieren, um den Film in englischer Originalsprache zu verstehen.

Endlich: Film ab!

Der Film nannte sich "Electrick Children" und handelt von einem in einem Mormonendorf aufgewachsenen Mädchen, das nach dem Hören eines Rocksongs schwanger wird. Leider ist sie in ihrer Familie die Einzige, die an eine göttliche Befruchtung glaubt, weshalb sie in die nächstgelegene Stadt flüchtet, um den Sänger des Liedes zu finden und um einer Zwangsheirat zu entgehen. Der Film behandelt das Thema Teenagerschwangerschaft unter ganz anderen Gesichtspunkten, als zu erwarten gewesen wäre. Der Konflikt des Kinderkriegens im zarten Alter von fünfzehn Jahren spielte für die Protagonistin zu keinem Zeitpunkt des Films eine Rolle.

Great! Thanks!

Nach dem Film wurde dem Urteil "Ist doch nur Kino" sofort entgegengewirkt, indem die Schauspieler/innen und Regisseure/innen auf die Bühne gebeten wurden und nach kurzem Interview auch Fragen aus dem Publikum beantworteten. Es baute sich eine persönlichere Atmosphäre auf. Leider war mir keiner der Darsteller bekannt und ich kann auch nicht sagen, ob dieser lockere Umgang auch mit Berühmtheiten in anderen Filmen der Berlinale möglich ist, aber er hat mir sehr gut gefallen und wird mir in bester Erinnerung bleiben.
Wir gehen den verschneiten Weg zum wartenden Auto, werfen noch einen letzten Blick auf das hell erleuchtete Gebäude und steigen ein. Wir lassen die vielen Menschen hinter uns und nehmen eine Menge guter Erinnerungen mit nach Hause. Ich bin sehr froh, dabei gewesen zu sein!

Katharina Stütze (10a), Romain Rolland Oberschule

Hier eine weitere Stimme zu "Electrick Children"

Johannes Oertel vom John-Lennon-Gymnasium: "Das ist ein Film, der mich wirklich sehr bewegt hat."

"Never have I ever" ("Ich habe noch nie") ... einen Hamburger gegessen. Ich habe noch nie ein Telefon oder ein Handy benutzt", sagt Rachel (Julia Garner). Die Fünfzehnjährige lebt fernab der modernen Zivilisation in einer Mormonen-Kolonie in Utah, USA. Diese Dinge, die für Jugendliche der westlichen Welt als normal und selbstverständlich gelten, sind für Rachel unwirkliche Dinge aus einem fremden Kosmos.

Rock me!

Eines Tages entdeckt sie im Keller ihres Hauses ein Band im Kassettenrecorder mit dem Song "You keep me hanging on the telephone". Ganz was anderes als die frommen Kirchenlieder! Kurze Zeit später ist Rachel schwanger und überzeugt, durch den Song die unbefleckte Empfängnis des Herren erfahren zu haben. Nicht so aber der Mann ihrer Mutter und Oberhaupt der Kolonie, der ihren eigenen Bruder verdächtigt, diesen kurzerhand aus der Gemeinschaft ausstößt und für Rachel eine Hochzeit arrangiert. Rachel und ihr Bruder fliehen. Jetzt sucht sie in Las Vegas nach einem rätselhaften roten Mustang und dem Musiker, der die Kassette mit "Hanging on the Telephone" besungen hat.

Der Film beschreibt eine Reise, eine Sinnsuche, um einen Weg zu finden, sich von den fundamentalistischen Dogmen zu lösen und dennoch die Religion zu erhalten. Ob dies funktioniert, kann oder will die Regisseurin scheinbar nicht öffentlich preisgeben, denn die Frage aus dem Publikum, ob sie noch immer gläubige Mormonin sei und wie sie es geschafft habe, sich aus der festen Glaubensgemeinschaft zu lösen, möchte sie nicht beantworten, dankt aber für die Frage.

Johannes Oertel

Eine lustige Bestandsaufnahme: die Berlinale-Kurzfilme aus der Sicht eines dreizehnjährigen Jungen

Die Berlinale war für mich immer ein uninteressantes Festival, vor allem weil man mit dreizehn eher auf Knall-Bumm-Peng Filme steht. Deshalb war ich auch nur mäßig begeistert, als ich hörte, dass ich mit meiner Klasse auf die Berlinale gehen würde. Als wir vor der Tür der Schwangeren Auster standen, gab es schon das erste Problem, denn unsere Klasse hatte es irgendwie geschafft, eine Karte zu verschlampen. Zum Glück tauchte sie dann doch noch auf. Nachdem wir ein wenig durch das Kino gehetzt wurden, fanden wir alle unsere Plätze in der ersten Reihe. Nach dem ersten Kurzfilm ging auf einmal der Vorhang wieder zu und nach zwei Sekunden ging er wieder auf. Das wiederholte sich nach jedem Film und immer wieder dachte ich: was für eine Stromverschwendung. Nach den Filmen gab es noch eine große Fragerunde, wo man eigentlich die Gedanken von jedem aus meiner Klasse lesen konnte: "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" Die Berlinale ist ein sehr interessantes Festival, doch nicht für jeden aus meiner Altersgruppe, weil die meisten Filme doch etwas tiefgründiger sind.

Lennart Blömers, Romain Rolland Oberschule

Armut und Hilflosigkeit der Maori in Neuseeland

Maren Eckhardt hat an "Maori Boy Genius" von Pietra Brettkelly besonders gefallen, "dass er real ist und dass Ngaa Rauuria Pumanawawhiti über eine längere Zeit begleitet wurde".

Doch der "Maori Boy" will etwas in seinem Leben erreichen. Er trennt er sich von seiner Heimat, seiner Familie, den Maori-Traditionen und reist in die USA. Er war noch nie auf einem anderen Kontinent, er weiß nicht, was in den USA auf ihn zukommt. An einer Eliteuniversität wird er angenommen, doch schnell zweifelt er an sich und seinen Fähigkeiten. Nach langem Überlegen fliegt er zurück nach Neuseeland, um dort wieder den Maori-Traditionen wie dem Stammestanz nachzugehen. Doch dann bekommt er eine einmalige und letzte Chance bei der Universität in den USA.

Forschungssubjekt Maori

Sein Professor will, dass er eine Arbeit über die politische Lage des Maori-Stammes verfasst. Der "Maori Boy" nimmt die Herausforderung an. Nachdem er die Arbeit bei dem Professor eingeschickt hat, ist dieser erstaunt über seine Leistungen und holt ihn zurück an die Universität, wo er Karriere macht.

Seine Familie ist sehr stolz auf ihn, denn so etwas hat es bei den Maori noch nie gegeben. Man leidet und freut sich mit Ngaa, man ist in diesem Moment in einer anderen Welt. Der Film zeigt, wie die Situation heutzutage in Neuseeland ist und wie der Stamm der Maori sich zu behaupten versucht und nach dem Ziel strebt, ein besseres Leben zu erreichen.

Maren Eckhardt, Romain Rolland Oberschule

"Crazy Dennis Tiger"

Chantal Manzke, 13, und Anita Fritsch, 13, haben die Kurzfilme 2 gesehen. Sie waren beeindruckt vom Mut des Hauptdarstellers in "Crazy Dennis Tiger". Die beiden meinen: In vielen Filmen ging es um Liebe, Gewalt, Musik und Perspektivlosigkeit. Die Mode der 90er, gekillte Schnecken und Ziegenbärtchen haben weniger gefallen. Thumbs up für Dennis' Mut, recycelte Monster und Plateauschuhe. Uns hat gefallen, dass es verschiedene Sprachen zu hören gab und englische Untertitel beim Verständnis geholfen haben. Insgesamt war das Programm interessant, abwechslungsreich und ungewöhnlich – genau richtig für pubertierende Teenager. Am Ende wurden manche Darsteller, Regisseure, Filmautoren und Kameraleute auf die Bühne geholt. Man konnte Fragen stellen und die Sache im Gespräch nach dem Kinobesuch schön ausklingen lassen.

Anita Fritsch, Chantal Manzke, Romain Rolland Oberschule

Irgendwie anders

Im Radio, in der Zeitung und sogar auf der Straße fällt in letzter Zeit immer dieses eine Wort. Berlinale. Ich habe mich gefragt: warum? Wir können doch auch sonst ins Kino gehen. Also musste ich mich dann doch auf den Weg machen, um herauszufinden, was den Reiz dieses Festivals ausmacht. Ich war zwei Tage hintereinander bei der Berlinale. Zweimal im Haus der Kulturen der Welt. Einmal privat und einmal mit meiner Klasse.

Als ich das Haus der Kulturen der Welt betrat, wurde ich schon leicht nervös. Es gab kein Popcorn oder sonstiges, womit man sich die Zeit bis zum Einlass vertreiben konnte. Deshalb beobachtete ich die Eingangshalle und die Menschen. Es wurde überall in gedämpftem Ton gesprochen, einige machten sich Notizen, andere saßen nur da. Verschiedene Sprachen schwirrten durch die Luft, bis endlich die Regisseurin und der Hauptdarsteller auf der Bühne standen. Es war wunderbar, sofort in den Film eintauchen zu können ohne jegliche Werbung. Die Filme haben mich überrascht. Sie hatten etwas Besonderes, sie hatten Stil. Nach den Filmen saß ich wie benommen da und applaudierte mit. Noch so eine Eigenschaft, die die Berlinale ausmacht. Es hat etwas von einem Theaterbesuch. Und die Fragen am Schluss, die wir den Machern der Filme stellen durften, gaben dieser Veranstaltung eine ganz besondere Note. Es fühlte sich alles so persönlich an. Nicht wie im "normalen" Kino. Tickets kaufen, Popcorn kaufen, in den Film gehen, Werbung und den Film sehen und dann wieder raus. Ich hatte sogar am zweiten Tag das Glück, mit einigen Hauptdarstellern zu reden. Nach diesen zwei Tagen wage ich es nicht mehr zu denken, dass es einem "normalen" Kinobesuch ähnelt. Ich empfehle es jedem. Auch wenn der Film dann doch nicht so sein sollte wie gedacht, haben Sie diese wunderbare Mischung aus Kultur, Freizeit und Spaß erlebt.

Es ist anders. Irgendwie. Ich weiß nicht genau, ob es nur an diesen Aspekten liegt. Fragen Sie nicht. Überzeugen Sie sich selbst. Denn irgendwie anders ist doch immer gut, oder?

Laura Pinto de Carvalho, 14 Jahre, Romain Rolland Oberschule

"Ich war bei der 62. Berlinale!"

Wenn die Berlinale beginnt, werden Karten gekauft, Termine gemacht und Programme studiert. Doch was ist, wenn man nicht zur Berlinale geht? Hinzugehen lohnt sich doch allein schon, um Stars wie Meryl Streep oder Angelina Jolie zu sehen. Oder um einfach nur ein wenig Kultur abzubekommen. Welchen Grund gibt es eigentlich, nicht hinzugehen?

Karten gibt es manchmal schon ab drei Euro zu kaufen. Und was machen schon zwei Stunden innerhalb von zwei Wochen aus? Weit fahren muss man meistens auch nicht, da es viele Orte gibt, wo die Berlinale stattfindet. Schlimm ist es nicht, nicht hinzugehen. Aber es entsteht eine Bildungslücke, die größer wird, je öfter man die Filmfestspiele ausfallen lässt. Und wenn man kein Geld oder weniger als eine Stunde Zeit hat, setzt man sich vor das Kino und beobachtet die Leute, die rein- und rausgehen. Man hört zu, worüber sie reden, findet heraus, in welchem Film sie waren und wie sie den Film aufgenommen haben. Wenn man Glück hat, findet man sogar grob heraus, worum es in dem Film ging. In dem Film, der aus vielen verschiedenen Ländern sein könnte. In dem Film, den man vielleicht später nicht mehr findet und ihn deshalb nicht sehen kann.

Findet man also einen interessanten Film im Programm, sollte man die Chance nutzen, ihn mit vielen ebenfalls interessierten Menschen zu genießen. Und später sagt man dann zum Beispiel: "Ich war bei der 62. Berlinale!"

Yara Meyer, John-Lennon-Oberschule, Berlin

Fotos: Chantal Boujeddada und Maren Eckhardt

 



Die Sektion Generation auf der Berlinale




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