George Smiley (Gary Oldman)
Agenten sterben einsam. Sie leben nicht zweimal, küssen keine Bond-Girls, fahren keinen Aston Martin und schlürfen auch keine Cocktails im Auftrag Ihrer Majestät. Es hat auch schon immer Filme gegeben, gegen die ein James Bond aussah wie seine eigene Parodie Austin Powers: Der desillusionierte Anti-Bond Harry Palmer etwa, gespielt von einem bebrillten Michael Caine, kam in seiner 1965 mit "Ipcress - Streng geheim" gestarteten Serie fast ohne Action aus. Ohne John le Carré allerdings, das muss man zugeben, wäre die trübe Realität der Geheimdienste bis heute wohl wirklich streng geheim: Genreklassiker wie "Der Spion, der aus der Kälte kam" (1965), "Das Russland-Haus" (1990) oder die BBC-Serie "Dame, König, As, Spion" (1979) stammen aus der Feder des britischen Bestsellerautors und Ex-Agenten.
Die Kinoversion seines Hauptwerks besticht durch exquisit muffige Brauntöne und eine stellenweise fast provozierende Langsamkeit – Regisseur Tomas Alfredson inszeniert die 1970er-Jahre so realistisch wie stilbewusst. Der Kalte Krieg liegt wie Mehltau auf der Handlung, in der Agent George Smiley (Gary Oldman) einen sowjetischen Maulwurf in Reihen des "Circus" aufspüren soll. So nennt sich hier der britische Auslandsgeheimdienst, eigentlich MI6. Etliche Aktionen liefen zuletzt schief: In Budapest wurde ein Agent niedergeschossen; immer wieder versickern im "Circus" wichtige Informationen, um beim sowjetischen KGB wieder aufzutauchen. Als Hauptverdächtige nennt MI6-Chef Control (John Hurt) eine Reihe Topspione, darunter Percy Alleline (Toby Jones), Bill Haydon (Colin Firth), Roy Bland (Ciarán Hinds) und Toby Esterhase (David Dencik). Nach einem alten Kinderreim gibt er ihnen Namen wie Dame, König oder As, zur Veranschaulichung hat er ihre Passbilder auf Schachfiguren befestigt. Smileys Problem: Sie sind alle so grau, unscheinbar, verschwiegen und undurchsichtig wie er selbst.
Ist Bill Haydon (Colin Firth) ein Doppelagent?
Daran wird sich im durchaus spannungsreichen Rest von "Dame, König, As, Spion" wenig ändern. Im sprichwörtlichen Netz aus Lügen, Intrigen, Loyalität und Verrat sind alle nur Schachfiguren, gelenkt von unsichtbarer Hand. Anders als im Zweiten Weltkrieg schützt man nicht mehr das Vaterland, den freien Westen, sondern die eigene Abteilung, die eigenen Interessen. Wer hier noch weiß, wofür er sonst noch kämpft, ist vermutlich der Maulwurf.
Smiley ahnt zumindest, gegen wen er kämpft: Ein sowjetische Spion namens Karla, den er einmal getroffen hat und insgeheim bewundert, zieht im Hintergrund die Fäden. Doch sie laufen zusammen im "Circus", ein labyrinthisches Gewirr von Gängen, Abhörräumen und Archiven, durch das die Agenten huschen wie Ameisen durch ihren Bau. Das Mobiliar stammt eher aus dem letzten Jahrhundert als aus den Siebzigern, nach futuristischem Bond-Design sucht man hier vergeblich – ein Geheimdienst ist kein Ort, wo man sich nach der letzten Mode richtet. Wer könnte diesen Ort verraten wollen, der doch trotz allem noch an das britische Empire erinnert, das man hier einst verteidigte?
John le Carré war von 1958 bis 1964 selbst beim MI5 sowie beim MI6. In seine Zeit fiel die Affäre um den britischen Doppelagenten Kim Philby, der 1963 aufflog und nach Moskau floh. Und so weiß Smiley, der in insgesamt acht seiner Bücher auftaucht, was zu tun ist: In konspirativen Treffen horcht er auf jedes Wort, ohne große Aussicht auf Erfolg befragt er ausrangierte Kollegen – er selbst wurde eigens aus der Rente geholt – und immer wieder seine eigene Erinnerung: Die schönsten Szenen zeigen die alljährliche Weihnachtsfeier des "Circus", wo man gemeinsam die sowjetische Hymne sang – schließlich kann hier jeder Russisch. In diesen Rückblenden allerdings erkennt man als Zuschauer, wenn man sehr gut aufpasst, auch die persönlichen Verhältnisse der Agenten untereinander. Jedem Verrat liegt auch ein privates Motiv zugrunde, die eine kleine Verletzung, die den Verrat begünstigt. Smiley selbst hätte seine Gründe. Er ist eine von Controls Schachfiguren.
Toby Esterhase (David Dencik) und Smiley
Der schwedische Regisseur Alfredson mag nach seinem Vampirfilm "So finster die Nacht" selbst die Seiten gewechselt haben, doch seine düstere Melancholie hat er sich bewahrt. Die übermäßig komplizierte Handlung profitiert davon, man muss in einem Agentenfilm auch nicht alles verstehen. Ein farbenfroher Trip nach Istanbul bringt zwischendurch sogar ein wenig Abwechslung vom trüben London. Doch John le Carrés Romane sind nicht nur berühmt für ihre hochkomplexen Plots und feinsinnigen Anspielungen. Sondern auch für ihre fein ziselierten Charaktere. Und für die hätte Alfredson vielleicht doch eine ganze Serie benötigt.
Einzig der stille Smiley, von Gary Oldman wunderbar desillusioniert und doch mit viel Herz gespielt, entwickelt so etwas wie Konturen. Die anderen bleiben blass, wirken trotz hochkarätiger Besetzung vielleicht nicht austauschbar, doch die Identität des Doppelagenten ist am Ende tatsächlich ziemlich egal. Graue Männer in einem grauen System, in dem der Einzelne nichts zählt – man darf es ruhig mal eine Schwäche nennen, wenn sich ein Film mit seinem Gegenstand verwechselt. Und so teilt "Dame, König, As, Spion" sein Publikum in zwei Blöcke, die alles ganz anders sehen, fast wie damals im Kalten Krieg: Für le Carrés treue Leser ist dieser visuell so meisterhaft gestaltete Thriller die perfekte Fototapete zum Roman, für alle anderen bleibt er ein einziges Rätsel. Man ist ein wenig geschüttelt, aber nicht gerührt.
(Tinker, Tailor, Soldier, Spy) Großbritannien 2011, Regie: Tomas Alfredson, Buch: Bridget O'Connor, Peter Straughan nach dem gleichnamigen Roman von John le Carré, mit Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, Mark Strong, John Hurt, Toby Jones u.a., ab 12, 127 min, Kinostart: 2. Februar 2012 bei StudioCanal
Fotos: ©Verleih
Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.
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