A Letter to the Future

Eine Familie aus Kuba

Kinostart: 29.12.2011 | Stefan Stiletto | Kommentar schreiben | Artikel drucken

An Julio Torres erinnert nur noch ein kleines Foto. 1996 hat er Kuba verlassen und ist über Mexiko in die USA eingereist. Zurückkehren wird er nicht mehr, was seine Mutter Miriam überhaupt nicht verstehen kann. Sie liebt Kuba, nimmt ihren Enkel Diego mit zu Versammlungen und fordert mehr Pathos beim Aufsagen kubanischer Gedichte. Mit der schlechten Versorgungslage seit der Revolution auf Kuba im Jahr 1953 hat sie sich abgefunden und baut im Notfall auf die Solidarität der Nachbarn. Trotzdem glaubt sie an ihr Land und dass die Verhältnisse irgendwann besser werden.

Vier Generationen umfasst die kubanische Familie Torres, als der Brasilianer Renato Martins 2003 die Arbeit an seinem Dokumentarfilm beginnt. Eine Familie, die die politische Stagnation des Landes im Laufe der vergangenen 50 Jahre miterlebt hat und über deren Alltag und Lebenseinstellung er das Land und die Menschen beschreiben will. In vielen Interviews, die Martins 2003 und 2010 geführt hat, lässt er die Kubaner selbst zu Wort kommen, zunächst nur Familie Torres, schließlich auch andere Familien, die weitaus desillusionierter sind. Darin liegt bereits das große Problem des Films. Es gelingt ihm nicht, sich auf wenige interessante Figuren zu konzentrieren. Stattdessen dienen viele Mitwirkende nur als Stichwortgeber. Sie reden immer wieder über die Revolution, über das Embargo, die Armut, Fidel Castro und Che Guevara. Aber Martins hakt kaum nach. Spannende Aussagen, wie etwa jene von Miriam, dass Widerstand wichtig für die Entwicklung sei, verlaufen im Sand. Denn wo lehnt sie sich auf?

Es hätte dem Film gut getan, wenn er sich mehr auf Zufälle eingelassen hätte. Wie in jener Szene, in der plötzlich während eines Interviews das Licht ausgeht und alles im Dunkeln verschwindet. Gelassen nimmt der Interviewte die Situation, gehören Stromausfälle doch fast schon zum Alltag dazu. Warum also soll man sich auf Kuba deshalb aus der Ruhe bringen lassen? Hier kommt der Film der Haltung der Kubaner für einen kurzen Moment lang wirklich nahe. Ansonsten aber erschöpft er sich in Nebensächlichkeiten. So ist alles, was wir über Miriams Enkel Diego am Ende des Films erfahren, dass er seinen Freunden Schach beibringt. Was er mit den Ideen seiner Großmutter anstellt, die ihm als Kind kubanischen Patriotismus eingeimpft hat, wäre viel interessanter gewesen. Aber dieses Vorgehen ist symptomatisch für den gesamten Film. Der Brief an die Zukunft kommt daher leider zurück. Empfänger unbekannt.
Stefan Stiletto

(Carta para o Futuro) Dokumentarfilm, Brasilien, Portugal, Deutschland 2011, Buch & Regie: Renato Martins, OmU, 85 min, Kinostart: 29. Dezember 2011 bei Farbfilm Verleih

Foto: Verleih



Mehr Infos zu "A Letter to the Future"

Die offizielle brasilianische Filmwebseite
Die deutsche Webseite zu "A Letter to the Future"
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