Und dann der Regen - También la lluvia

Zwischen Kunst und Revolution

Kinostart: 29.12.2011 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der junge, spanische Regisseur Sebastián (Gael García Bernal) ist mit einem ehrgeizigen Projekt ins bolivianische Cochabamba gereist: Er will dort einen Film über die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus drehen, allerdings will er sie so erzählen, wie sie sich wirklich zugetragen hat: nämlich als Geschichte der grausamen Unterdrückung und Ausbeutung, der christlichen Missionierung und des Genozids an der indigenen Bevölkerung durch Spaniens Krone und die katholische Kirche. Der Film ist für Sebastián eine Herzensangelegenheit, die er seit Jahren verfolgt. Und nun hat er in dem Indio Daniel endlich den idealen Darsteller für die Rolle des Hatuey gefunden, jenes Häuptlings, der 500 Jahre zuvor massiven Widerstand gegen die spanischen Eroberer leistete. "Den wirst du nie in den Griff bekommen!", versucht ihn der Filmproduzent Costa (Luis Tosar) von Daniel abzubringen. Eine Warnung, die sich als Vorsehung erweisen soll. Doch Sebastián ist sich sicher: Daniel ist der perfekte Hatuey.

Wasserkrieg von Cochabamba

Tatsächlich erweist sich die Zusammenarbeit mit Daniel schwierig. Nicht, dass dieser nicht kooperativ oder schauspielerisch untalentiert wäre, im Gegenteil – er hat einfach ganz andere Probleme: Die Trinkwasserversorgung in Cochabamba ist privatisiert und in der Folge sind die Preise drastisch angestiegen. Wasser ist so zu einem unerschwinglichen Gut für die mittellose indigene Bevölkerung der Gegenwart geworden. Ihre Versuche, Regenwasser aufzufangen oder aufwändig Leitungen von weit entfernten Wasserquellen zu legen, werden vom Militär unterbunden. Ein ziviler Aufstand ist die Folge, Daniel ist einer der Anführer.

Dem spanischen Filmteam wäre der "Wasserkrieg von Cochabamba", der sich Anfang des Jahres 2000 wirklich in Bolivien ereignete, vermutlich relativ egal, würden die Dreharbeiten nicht maßgeblich durch Daniels Engagement beeinträchtigt: Mal erscheint er blutig geschlagen, mal überhaupt nicht, weil er inhaftiert wurde. Der Drehplan kann nicht eingehalten werden, entsprechend viel Druck übt Produzent Costa, der selbst unter großen wirtschaftlichen und zeitlichen Zwängen steht, auf Daniel aus: Er versucht, ihn mit hohen Geldsummen zu bestechen und für den Film zu verpflichten. Daniel ist aber nicht bestechlich. Er identifiziert sich mit seinem Volk, dessen Geschichte und Not. Die sozialen Unruhen eskalieren zu einem Bürgerkrieg und die spanischen Filmemacher sind gezwungen, sich zum realen Geschehen zu positionieren.

Über Gold, Geld und Wasser

Der spanischen Regisseurin Icíar Bollaín und dem Drehbuchautor Paul Laverty, der seit Jahren eng mit Ken Loach ("Bread and Roses", "The Wind That Shakes the Barley", "It's a Free World") gelingt mit "Und dann der Regen - También la lluvia" etwas ganz Seltenes: Obwohl hochkomplex durch das Verknüpfen zweier historischer Ereignisse mit einer fiktiven Film-im-Film-Geschichte, ist das Gesamtwerk in jedem Moment stimmig. Nie verheddert sich die Erzählung in den vielen möglichen Fallstricken der Dramaturgie. Bereits die erste Szene entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwerlich entziehen kann: Zum offenen Casting sind Hunderte von Einheimischen in der Hoffnung gekommen, einen Job zu ergattern. Dort gibt es das erste Mal Ärger mit Daniel, der sich kämpferisch dafür einsetzt, dass alle, wie zuvor versprochen, eine Chance bekommen. Produzent Costa will das Casting aufgrund des Massenansturms beenden, wie er eben das ganze, sehr aufwändige Filmprojekt aus Rentabilitäts- und Effizienz-Gründen immer nach vorne treibt. Begleitet wird der Streit von einem symbolträchtigen und sehr imposanten Bild: Ein Helikopter mit einem riesigen Kreuz für die Dreharbeiten fliegt über die Szenerie. Ein zentrales Motiv für den Film – oder eben auch für die seit Jahrhunderten westlich-christlich geprägte und dominierte Welt. In der Schlüsselszene von Sebastiáns Kolumbus-Film wird der durch Daniel verkörperte Hatuey an ebendiesem Kreuz verbrannt.

Innerhalb der einzelnen Erzählstränge bleibt der Film differenziert und nimmt sich sehr viel Zeit: Großartig auch die Szenen, in denen die Schauspieler für den Kolumbus-Film proben oder sich mit ihren Rollen auseinander setzen. Allerdings nimmt der Film zunehmend eine kritische Haltung zu den Künstlern ein: Obwohl den Filmleuten sehr wohl bewusst ist, welche Misere Kolumbus' Eroberungsreise in Lateinamerika ausgelöst hat, sind sie doch unfähig, auf die reale Situation vor Ort einzugehen. Es fallen Sätze wie "Der Aufstand geht vorbei, der Film bleibt für immer". Dabei zeigt sich: In Zeiten der akuten, existenziellen Bedrohung geht es nicht um die Kunst. Im Fall des spanischen Filmteams wirkt sie letztendlich selbstbezogen und eitel, bezogen auf die indigenen Laiendarsteller sogar ausbeuterisch.

Ganz großes Kino

Ausgerechnet Costa, wegen seines rigiden, auf die kostengünstige Finanzierung des Films fokussierten Kurses bis dahin eher der Buhmann, reagiert auf die sich zuspitzende Lage in Cochabamba. Zwar bedarf es der Bitte von Daniels Frau Teresa, um ihn dazu zu bewegen, aber er tut es. Das ist in gewisser Weise kitschig, aber auch so stimmig inszeniert, dass diese Entwicklung so ernst genommen werden muss wie der Rest des Films. Von Daniel bekommt Costa am Ende zum Dank eine kleine Flasche Trinkwasser geschenkt – dem wohl wichtigsten Rohstoff unseres Planeten. Ein versöhnliches Ende? Nur bedingt …

Neben Lars von Triers "Melancholia" ist "Und dann der Regen - También la lluvia" der zweite herausragende Film des Jahres – mit einer klaren, gleichermaßen zeitgemäßen wie universellen Aussage und einer sehr starken bildlichen wie auch erzählerischen und darstellerischen Ebene. Das ist, auch wenn dieser Satz abgedroschen ist: ganz, ganz großes, lebendiges und mitreißendes Kino, das man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte!

(También la lluvia) Mexiko, Spanien, Frankreich 2010, Regie: Icíar Bollaín, Buch: Paul Laverty, mit Gael García Bernal, Luis Tosar, Juan Carlos Aduviri, Karra Elejalde, Carlos Santos u.a., 103 min, Kinostart: 29. Dezember 2011 bei Piffl Medien

Fotos: Verleih

Stefanie Zobl ist Journalistin und lebt in Berlin.



Mehr Infos zu "Und dann der Regen - Tambien la lluvia"

Die offizielle Filmwebseite (spanisch, englisch)
Die deutsche Webseite zu "Und dann der Regen - Tambien la lluvia"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Und dann der Regen - Tambien la lluvia" auf filmz.de
Film-Tipp von Vision Kino
Filmbesprechung auf kinofenster.de
bpb.de: Bolivien: Vom Zusammenstoß zum Dialog der Kulturen?





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