An der Grenze des Abendlands
Die Idee ist so simpel wie bestechend: Im Dunklen sieht man klarer. Nachdem die Sonne untergegangen ist, macht sich "Abendland" auf den Weg durch Westeuropa. Der Filmessay von Nikolaus Geyrhalter führt uns in die Kinderabteilung eines Krankenhauses, in dem ein Frühchen zu Bett gebracht wird, in einen aseptischen Sitzungssaal, in dem eine Unterkommission des Europäischen Parlamentes tagt, in ein Festzelt auf dem Oktoberfest, wo sich schwer beladende Kellnerinnen durch besinnungslos feiernde Massen drängen. Besucht werden ein Dresdener Krematorium, ein römisches Flüchtlingscamp, ein englischer Fernsehsender und eine Berliner Altenpflegeeinrichtung. Und schließlich besucht Geyrhalter mit seiner Kamera den Wiener Flughafen und eine Schießanlage der Polizei in Wittlich, eine Demonstration gegen den Castor-Transport. Er war auf dem Petersplatz in Rom, wo der Papst eine Rede hält, und in einen Erotik-Klub in Prag, wo sich nackte Frauen für ein Publikum im Internet räkeln. Geyrhalter reist an die Grenze zur Ukraine und an die nach Marokko, also dorthin, wo die Festung Europa verteidigt wird. Und immer wieder rückt der Filmemacher Überwachungskameras ins Bild, die Grenzen überwachen und Menschen beobachten, die unser Leben, ohne dass wir davon wissen, in seinen geordneten Bahnen halten – auch und gerade in der Nacht.
"Abendland" beobachtet all das mit allergrößter Ruhe, mit nahezu klinischer Genauigkeit. Die klaren, einfachen Bilder, die Geyrhalter eingefangen hat, bilden Tableaus von nachgerade symbolischer Aussagekraft. In langen Einstellungen und völlig ohne Off-Kommentar zeichnet der Filmemacher das Bild eines satten, selbstzufriedenen Kontinents, der sich und seinen Lebensentwurf gegen Gefahren von außen abzuschotten versucht. Ein Bild unseres Kontinents am Beginn eines neuen Jahrtausends, so hellsichtig, wie es wohl tatsächlich nur in der Ruhe der Nacht zu erkennen ist.
Thomas Winkler
Abendland, Dokumentarfilm, Österreich 2011, Regie: Nikolaus Geyrhalter, Buch: Maria Arlamovsky, Nikolaus Geyrhalter, Wolfgang Widerhofer, 94 min, Kinostart: 22. Dezember 2011 bei Real Fiction
Foto: Verleih
Kommentare
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)
Dein Kommentar
Kommentar schreiben
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)