The Ides of March - Tage des Verrats

Der Preis der Macht

Kinostart: 22.12.2011 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

George Clooney hat nicht nur seinen Vater unterstützt, als dieser 2004 für die Demokraten um einen Sitz im Repräsentantenhaus kämpfte. Er gehört auch selber zu den Hollywoodstars, die sich einmischen – ob durch Filme oder öffentliche Äußerungen. Selber hat Clooney allerdings keinerlei Ambitionen, den Job mit US-Präsident Barack Obama zu tauschen. Dabei hätte er durchaus manch eine Qualität, die ihm in einer Mediendemokratie und der damit verbundenen Polit-Show nützlich sein könnte und bei vielen Politikern vermisst wird: Mühelos wickelt Clooney Leute ein und schafft es mit blendendem Gewinnerlächeln und smartem Auftreten, dass ihm seine Zuhörer an den Lippen hängen. Dass er als Präsidentschaftskandidat eine ziemlich gute Figur machen könnte, zeigt Clooney auch in "The Ides of March - Tage des Verrats" – seiner vierten Regiearbeit nach so unterschiedlichen Filmen wie dem konzentrierten Pressefreiheitskammerspiel "Good Night and Good Luck" oder zuletzt der Sportkomödie "Ein verlockendes Spiel".

In den Mühlen der Macht

Mit dem alten Rom, Cäsar und Brutus, hat der Film allerdings nur insofern zu tun, als dass es darin um politischen Verrat geht. Basierend auf Beau Willimons Theaterstück "Farragut North" siedelt Clooneys Film seine fiktive Geschichte in den letzten Tagen vor einer entscheidenden Präsidentschaftsvorwahl in Ohio an, wobei er selbst nur eine – entscheidende – Nebenrolle in dem Politthriller spielt. Die Ereignisse entspinnen sich vielmehr um den jungen politischen Berater Stephen Meyers (Ryan Gosling), der für das Wahlkampfteam des demokratischen Gouverneurs und Präsidentschaftskandidaten Mike Morris (Clooney) arbeitet. Meyers ist ein so aufstrebender wie idealistischer Karrieretyp, der aber nicht nur für seinen Job brennt, sondern auch für die politischen Ideale, die sein Kandidat verkörpert: Morris will ein anderes Amerika, so wie einst Obama. Als Meyers in eine Falle des demokratischen Gegenkandidaten tappt und später noch von Morris' Affäre mit der jungen Mitarbeiterin Molly Stearns (Evan Rachel Wood) erfährt, gerät er zwischen die innerparteilichen Fronten und muss dabei erfahren, dass Freundschaft und Loyalität keine Werte mit Bestand sind, wenn es um Macht, Einfluss und Karriere geht.

Dabei wird ein intelligentes und kompakt konstruiertes Spiel um Lügen und Intrigen, Affären und Fehltritte in Gang gesetzt, das zunehmend an Eigendynamik gewinnt und Erinnerungen an US-Politthriller aus den 1970er-Jahren wachruft. Auf zunehmend absorbierende Weise beleuchtet Clooney, wie betrogen, erpresst und hinter den Kulissen der Parteien giftige Deals gemacht werden, um vor der (medialen) Öffentlichkeit Einigkeit und Loyalität zu demonstrieren. Dabei ist "The Ides of March" bis in die Nebenrollen hinein glänzend besetzt: Philip Seymour Hoffman spielt den mit allen Wassern gewaschenen Kampagnenmanager, ein souverän verschlagener Paul Giamatti verkörpert einen Mitarbeiter des Gegenkandidaten und Marisa Tomei ist als Reporterin der New York Times zu sehen, die auf ihre Art die Strippen zieht und dem jungen Stephen das Leben schwer macht. Vor allem aber Hollywood-Smartie Ryan Gosling, dem derzeit mit Filmen wie "Blue Valentine" oder "Drive" (ab 26. Januar 2012 im Kino) ein starker Auftritt nach dem anderen gelingt, brilliert als ambitionierter Polit-Berater. Konfrontiert mit moralischen Entscheidungen, ob er seinen Überzeugungen treu bleibt oder seine Seele verkauft, oszilliert sein Spiel zwischen Naivität und Kalkül, Verzweiflung und Rücksichtslosigkeit.

Politik ist ein schmutziges Geschäft

Clooney hat "The Ides of March" in einer Kampagne der Demokraten angesiedelt – also dem Lager, dem er eigentlich politisch sehr nahe steht, und der Partei, für die er sich in der Vergangenheit immer engagiert hat. Es soll hier schließlich nicht um Schuldzuweisungen an den politischen Gegner gehen, sondern darum, wie sich begeistertes Engagement in einem pragmatischen Zynismus auflöst. Politik ist eben – was als Essenz durchaus ein wenig schlicht anmutet – ein reichlich schmutziges Geschäft und der Blick, den "The Ides of March" auf den Politikzirkus wirft, entsprechend desillusionierend.

Wenn am Ende von Clooneys Film viel unter den Teppich gekehrt und über bittere Kompromisse eine vermeintliche Win-Win-Situation hergestellt wird, muss das für die meisten Beteiligten mit einem hohen Preis bezahlt werden. Nicht nur Meyers verliert im Laufe der Geschichte seine politischen Idealbilder und landet schließlich in der ernüchternden Realität. Auch auf dem hoffnungsvollen Präsidentschaftskandidaten, der anfangs wie einst Obama während seines Wahlkampfs die Massen in fast schon ekstatische Aufbruchstimmung versetzen konnte, liegt nach 120 Minuten ein Schatten: Zum Schluss klingen Morris' Worte nur noch wie abgedroschene Phrasen. Und Clooney schafft es, die Ausstrahlung des Gouverneurs verblassen und sein Lächeln zur leeren Pose werden zu lassen. Das allein ist schon eine Leistung.

(The Ides of March) USA 2011, Regie: George Clooney, Buch: Beau Willimon, George Clooney, Grant Heslov, mit Ryan Gosling, George Clooney, Evan Rachel Wood, Paul Giamatti, Marisa Tomei, Philip Seymour Hoffman u.a., 97 min, Kinostart: 22. Dezember 2011 bei Tobis

Fotos: ©Verleih

Sascha Rettig ist Filmjournalist und lebt in Berlin.



Mehr Infos zu "The Ides of March - Tage des Verrats"

Die offizielle englische Filmwebseite
Die deutsche Webseite zu "The Ides of March - Tage des Verrats"
Filminfos in der Internet Movie Database
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FilmTipp von Vision Kino
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