Owen und Abby werden Freunde
"Du riechst irgendwie seltsam", sagt der Junge zu dem Mädchen, das mit ihm auf dem Klettergerüst im Innenhof der ärmlichen Wohnanlage sitzt. Es ist Winter, es ist kalt, im gelblich-blauen Licht, das über allem liegt, werden Atemwolken sichtbar. Das Klettergerüst ist schneebedeckt, doch das Mädchen trägt keine Schuhe und scheint die Kälte nicht zu spüren. Vor kurzem erst ist es in die Nachbarwohnung eingezogen, nach Einbruch der Dunkelheit und in Begleitung eines erschöpft aussehenden älteren Mannes, der sein Vater sein könnte, aber nicht ist. Es ist März 1983 in Los Alamos, New Mexico, als die beiden Kinder Owen und Abby einander begegnen. Im Fernsehen bezeichnet US-Präsident Ronald Reagan in einer historisch gewordenen Rede Russland als das "Reich des Bösen". Nicht ahnend, dass das Böse, will man es denn so nennen, auch im eigenen Hinterland sein Unwesen treibt.
Abby und ihr Ernährer
"Let Me In" von Matt Reeves ist ein Vampirfilm mit Kindern, doch nicht für Kinder. Und er bedient auch nicht die gängigen Erwartungen an das Genre, indem er die Figur des untoten Blutsaugers romantisiert, so wie das derzeit etwa die "Twilight"-Saga mit der (inzwischen nicht mehr ganz so) keuschen Leidenschaft zwischen Bella Swan und Edward Cullen unternimmt. "Let Me In" steht in einer anderen, älteren Tradition. Filmhistorisch gesehen hat Reeves Film mehr mit Friedrich Wilhelm Murnaus melancholisch-todessehnsüchtigem "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens" (1922) oder Werner Herzogs kongenialer Neuverfilmung "Nosferatu: Phantom der Nacht" (1979) zu tun, in der Klaus Kinski in der Titelrolle zu sehen ist. Auch Abel Ferraras "The Addiction" (1995) reiht sich hier ein, in dem Lily Taylor als Philosophie-Studentin ihrer Forschungsneugier ebenso wie ihrem latenten Selbstvernichtungstrieb (und damit Christopher Walkens Vampir) zum Opfer fällt. Es ist eine europäische, von abendländischen Denkmustern bestimmte Tradition, die – im Unterschied zur US-amerikanischen, popkulturell geprägten – die Figur des Vampirs nicht als Angehörigen einer mit Superkräften ausgestatteten Herrenrasse begreift, sondern die vielmehr im Vampir eine im mythischen, abergläubischen, volksreligiösen Kontext stehende Gestalt sieht: Dieser Vampir ist eine ebenso fluchbeladene wie verheißungsvolle Existenzform, die vor langer Zeit im Humanen gewurzelt haben mag, und deren an die Blutsauferei gekoppelte Unsterblichkeit fundamentale Fragen nach menschlicher Natur und göttlichem Funken aufwirft. Gegenüber den Action-Spielfiguren, die in den "Twilight"-, "Blade"- oder "Underworld"-Franchises auftreten, gibt "Let Me In" dem Vampir seine Würde und sein vergrübeltes Pathos zurück.
Owen hat keine Freunde
Es erstaunt daher kaum, dass es sich hier um das Remake eines schwedischen Films handelt: 2008 gelang Tomas Alfredson mit "So finster die Nacht" – entstanden nach einem Drehbuch John Ajvide Lindqvists und dessen gleichnamigem Jugendroman – überraschend ein internationaler Festivalerfolg. Der entging selbstverständlich auch Hollywoods Marktstrategen nicht, die – immer auf der Suche nach neuen oder wieder verwertbaren Filmstoffen – eine kulturell adaptierte, leichter zugängliche Variante des nordischen Arthouse-Hits für das Popcorn-Publikum in Auftrag gaben.
Der mit Drehbuchadaption und Regie von "Let Me In" betraute Matt Reeves bewies mit seinem Erstling "Cloverfield" Promotion-Geschick und beträchtlichen narrativen Einfallsreichtum, legte allerdings auch einen unnötigen Hang zum Krawalligen und ein erschütterndes Desinteresse an der Figurenzeichnung an den Tag. Umso erstaunlicher ist die Sensibilität, mit der Reeves' durchaus Mainstream-kompatible Neufassung den eleganten visuellen Stil und die elegisch-getragene Stimmung des Originals bewahrt. Insbesondere beeindruckt sein zartfühlender Umgang mit den beiden Charakteren Owen und Abby, dargestellt von den vielversprechenden jungen Schauspieltalenten Kodi Smit-McPhee ("The Road") und Chloë Grace Moretz ("Kick Ass"). Im Unterschied zu zahlreichen missglückten transkulturellen Übertragungsversuchen von der einen Filmsprache in eine andere überleben in "Let Me In" also nicht nur Eis und Schnee die weite Reise von Schweden nach New Mexico, sondern auch das heißkalte Herz der Geschichte.
Diener und Beschützerin?
Kälte bestimmt alles, sowohl in "So finster die Nacht" als auch in "Let Me In". Kälte bestimmt das Innen und das Außen: das Klima, den Umgang der Menschen miteinander, die Temperatur der Körper. Owens Eltern stecken mitten in der Scheidung. Die Mutter, immer nur als Schemen in der Nähe eines Weinglases zu sehen, betet viel. Der abwesende Vater ist bereits von einem simplen Telefongespräch mit seinem Sohn überfordert. In der Schule wird Owen von den anderen Jungen gequält. Er hat niemanden, der ihm beisteht. Der zierliche Junge, der von den anderen abfällig "Mädchen" genannt wird, und das blasse Mädchen, das kein Mädchen ist, die beiden Zwölfjährigen, von denen einer "schon seit sehr langer Zeit zwölf Jahre alt" ist – Owen und Abby, erkennen im jeweils anderen die eigene Einsamkeit, das eigene Verlassensein, die Abwesenheit von Wärme und Lebendigkeit. Und sie nähern sich einander an, obwohl sie einander fern bleiben sollten: "Ich kann nicht mit dir befreundet sein", sagt Abby zu Beginn zu Owen. Es ist wie eine Warnung, die ungehört verhallt, weil die Umstände sind, wie sie sind. Und weil Abbys vermeintlicher Vater, der als ihr "Ernährer" Opfer für sie sucht, Blut heranschafft und Spuren beseitigt, bei einem seiner Beutezüge ein Unglück widerfährt. Der örtliche Polizist mutmaßt Umtriebe eines satanischen Kultes und der Boden unter Abbys kalten Füßen wird heiß. Zugleich spitzt sich Owens Lage in der Schule zu, seine Peiniger erhöhen den Druck.
Dies alles wirft ein ernüchterndes Licht auf das Verhältnis von Owen und Abby, die mit einem Mal einander nicht mehr bloß ideellen Halt geben, sondern die auch existenziell aufeinander angewiesen sind. Wie viel Freundschaft steckt in einer Notgemeinschaft? Wie viel Freiwilligkeit in einer Zweckbeziehung? Wie lange wird es gut gehen? So lange, bis auch aus Owen ein erschöpft aussehender älterer Mann geworden ist? Der US-amerikanische Filmkritiker Roger Ebert schreibt in seiner Besprechung des Films: "To be a servant is the price for not being a victim." So sind sie ineinander verschlungen: das Mädchen und der Junge, der Vampir und das Opfer, die Beschützerin und ihr Diener – oder ist es umgekehrt? Und wenn sie nicht gestorben sind …
Let Me In, Großbritannien, USA 2010, Buch & Regie: Matt Reeves nach dem Film "So finster die Nacht", mit Kodi Smit-McPhee, Chloë Grace Moretz, Richard Jenkins, Cara Buono, Elias Koteas, Sasha Barrese u.a., ab 16, 116 min, Kinostart: 15. Dezember 2011 bei Wild Bunch
Fotos: Verleih
Alexandra Seitz
Kommentare
Dein Kommentar