Karl Markovics und Thomas Schubert
Seinen internationalen Durchbruch hatte Karl Markovics mit der Hauptrolle in Stefan Ruzowitzkys "Die Fälscher", der 2008 mit einem Oscar als "bester fremdsprachiger Film" ausgezeichnet wurde. Sein Drehbuch- und Regiedebüt "Atmen" lief auf über 50 Filmfestivals. Darin spielt der 17-jährige Laiendarsteller Thomas Schubert Roman, einen jugendlichen Mörder, der nach fünf Jahren Gefängnis entlassen wird. Roman nimmt eine Stelle bei einem Bestattungsinstitut an und macht sich auf die Suche nach seiner leiblichen Mutter. Mit fluter spricht er über Außenseiter und Normalbürger und seine nächste Geschichte handelt von "Gott und der Welt".
Nana Rebhan: Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Film?
Karl Markovics: Wie alle meine Geschichten entstand auch diese aus einem einzelnen Bild: Eine tote alte Frau liegt auf ihrem Wohnzimmerfußboden. Nach und nach entstand daraus die Geschichte.
Die Entwicklung des Films hat viele Jahre gedauert. Warum?
Weil ich als Schauspieler sehr beschäftigt war.
Wie haben Sie die Hauptfigur entwickelt? Gab es dafür Vorbilder?
Ich habe keine Vorbilder, nur "Hinterbilder"; Bilder, die hinter meinen Augen entstehen.
Können Sie mir etwas zu Ihrem sehr strengen stilistischen Konzept verraten?
Wir, Martin Gschlacht, mein Kameramann, und ich wollten den Bildern ihre Kraft, Wahrhaftigkeit und Autonomie bewahren, indem wir möglichst klare und meistens unbewegte Einstellungen drehten. Widescreen ist ein großer Raum, in dem das Auge des Betrachters Zeit braucht, sich umzusehen. Diese Zeit wollten wir den Zuschauern geben. Ich wollte Kinobilder, große Räume, keine pseudodokumentarische Handkamera, keine subjektivistische Sicht aus dem Blickwinkel meiner Hauptfigur, sondern eine Betrachtung derselben.
Wie eng haben Sie mit Ihrem Kameramann gearbeitet?
Wir haben vier Wochen Szene für Szene, Einstellung für Einstellung entwickelt, besprochen, verworfen, neu entwickelt, neu besprochen, in zwei Worten "sehr eng".
Markovics mit Kameramann Martin Gschlacht
Die Kamera setzt in jedem Bild einen speziellen Fokus. Warum?
Weil das schon das Drehbuch so vorgibt. Ich denke eine Geschichte von Beginn an in ihrer optischen Dimension. Jede Szene bekommt bereits im Script ihren Blickwinkel, Fokus, Vorder- und Hintergrund.
Welche Rolle spielt das Hallenbad für Sie?
Das Hallenbad kam erst im Zuge meiner Recherchen im Jugendgefängnis dazu. Es gab dort ein Anstaltsschwimmbad, und so entschied ich mich, es auch in meinem Film zu verwenden. Mir gefiel dabei die Möglichkeit, buchstäblich ein neues Element in die Geschichte zu bringen, das Wasser. Daraus entstand eine Art Triptychon. Dreimal kommt das Hallenbad vor, jeweils in drei unterschiedlichen Phasen von Romans Entwicklung. Das Hallenbad bietet eine Art Ruhepol, ein Ort, wo die Zeit still steht und Dinge sich neu formieren.
Wie lange haben Sie für den Film recherchiert?
Die Recherchen dauerten etwa ein halbes Jahr: Bestattung, Bewährungshilfe, Jugendstrafvollzug. Ich hatte das Glück, überall auf Menschen zu treffen, die mich vorbehaltlos unterstützten.
Wie realistisch ist Ihr Film?
Ich habe diese Welt, in der mein Film spielt, selbst erfunden. Insofern ist sie zu hundert Prozent realistisch.
Ihre Hauptfigur ist sehr wortkarg. Warum?
Roman ist in zweierlei Hinsicht stigmatisiert: Er ist ein Außenseiter unter Außenseitern – als Zuchthäusler unter Bestattern. Außenseiter begegnen anderen Außenseitern häufig mit noch größerer Distanz als "Normalbürger".
Wie war es für Sie, zum ersten Mal Regie zu führen?
Ich bin da angekommen, wo ich Zeit meines Lebens hin wollte, ohne mir dessen bewusst gewesen zu sein. Es wird nicht bei dem einen Mal bleiben.
Wie haben Sie mit den Schauspielern gearbeitet?
Die Arbeit mit Schauspielern gehört für mich mit zum Persönlichsten, was es überhaupt gibt. Ich erzähle auch nichts über meine Familie.
Wie haben Sie die Besetzung für Roman gefunden?
Wir haben Flugzettel verteilt, Annoncen in Zeitungen geschaltet, Radioaufrufe gemacht. 200 Jugendliche kamen an zwei Tagen zur ersten Runde. Thomas Schubert, der die Rolle schließlich bekommen hat, wollte ursprünglich nur seinen Freund begleiten, machte schließlich aber selber mit. Den Rest kann man auf der Leinwand sehen.
Welche ist Ihre Lieblingsszene und warum?
Die letzte der Visitationsraum-Szenen, wo der Justizwachbeamte Roman in den Alkomaten blasen lässt. Ein nackter Jugendlicher und ein uniformierter Erwachsener stehen einander gegenüber; doch nach und verschiebt sich das Ungleichgewicht von Macht und Ohnmacht, und am Ende stehen einander zwei Menschen auf Augenhöhe gegenüber – in all ihrer Ratlosigkeit, Neugier und Sterblichkeit.
Wie sind Sie zum Film gekommen?
Seit ich denken kann, beschäftige ich mich mit den Möglichkeiten der menschlichen Vorstellung. Die Schauspielerei war in gewisser Weise eine Vorstufe zu dem, was ich eigentlich immer machen wollte und tatsächlich ja auch als Kind schon getan habe: die Erfindung einer eigenen Welt.
Was ist Ihr nächstes Projekt?
Ich arbeite gerade an einem neuen Drehbuch, eine Geschichte über "Gott und die Welt".
Das Interview führte Nana Rebhan, die in Kambodscha überwintert und dort ihren nächsten Dokumentarfilm dreht.
Fotos: © filmstills-domenigg/epofilm
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