Blutrot ist die Flagge der Türkei, blutrot die Farbe der Leidenschaft und blutend rot sind die Schnittstellen am Puls der verzweifelten Sibel. Rausch und Verzweiflung, die Sehnsucht nach Leben, treiben die junge Deutsch-Türkin in den x-ten Selbstmordversuch und geben dem Film sein schier unaufhaltsames Tempo: Mit "Gegen die Wand" knüpft der 30-jährige, in Hamburg aufgewachsene Fatih Akin nach den eher gemäßigt-hübschen Produktionen "Im Juli" (2000) und "Solino" (2002) bei seinem wütend dahingerotzten Debütfilm "Kurz und schmerzlos" (1998) wieder an. Wie in "Kurz und schmerzlos", der Geschichte vom Erwachsenwerden und von der Freundschaft zwischen einem Türken, einem Serben und einem Griechen, scheint Akin seinen Stoff vor der eigenen Haustür auf der trashigen Seite der Hansestadt gefunden zu haben.
Aufbruch, Ausbruch
Lange ging Akin mit dem Stoff schwanger. Die Idee entstand, als ihn eine türkische Freundin fragte, ob er sie zum Schein heiraten wolle. So, wie das Mädchen Sibel im Film, die in einer solchen Heirat den letzten Ausweg sieht, um dem Druck ihrer traditionellen Familie zu entkommen. Auf der Pressekonferenz zu seinem Film während der diesjährigen Berlinale betonte Fatih Akin die Vorbildfunktion von "Gegen die Wand" für die deutsch-türkischen Erben der zweiten Generation: Mit seinem Film wolle er "die Last der Ehre" loswerden und zugleich eine Warnung aussprechen: "So kann es enden, wenn wir unsere Kinder nicht unterstützen!"
"Gegen die Wand" ist Aufbruch und Ausbruch aus der Gesellschaft, in die Liebe, die Leidenschaft und das, was manchmal Freiheit meint oder eben: "Ich will ficken", sagt Sibel, ausdrucksstarke Heldin und gleichnamig mit der Hauptdarstellerin Sibel Kekilli, zu ihrem frisch Angetrauten, "und zwar nicht nur einen, sondern viele!" Spricht's und lässt ihren Gatten Cahit, den abgehalfterten Szenefuzzi, an der nächsten Straßenecke stehen. Kennen gelernt haben sich die beiden in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses: sie mit aufgeschnittenen Pulsadern, er, weil er nach einer durchsoffenen Nacht in seiner Schrottkarre Gas gegeben hat: gegen die Wand.
"Gegen die Wand" zeigt ohne Kompromisse Existenzkampf abseits von Bausparvertrag und Familienrat. Und dennoch - bei aller Liebe-oder-Tod-Dramatik und schmerzendem Seelen-Striptease - gibt es eine Wendung zum bodenständigen Leben. Fatih Akin macht glaubhaft, dass Glück möglich ist - ohne die Wucht seines Films abzuschwächen. Die Geschiche funktioniert. Die brave türkische Zahnarzthelferin oder der strebsame deutsche Bankangestellte mögen sich in den beiden Outlaws nicht unbedingt wiederfinden. Birol Ünel verkörpert mit seinem Cahit bravourös den Albtraum aller standesbewussten Schwiegermütter. Und die Figur der Sibel spiegelt schillernd eine Lebensfreude, die um die dunklen Seiten des Lebens weiß.
Sibel Kekilli musste sich nach dem Erfolg des Films auf der diesjährigen Berlinale mit der Boulevardpresse - die auf ihrer Seite Drei täglich barbusige Mädchen abdruckt - streiten: Die 23-Jährige hatte zuvor mit Pornodrehs ihr Geld verdient. Na und? Wie viele treusorgende Ehemänner konsumieren mit oder ohne ihre Hausfrauen Pornos auf der Couchgarnitur? Was also soll in diesem Fall der Tanz um eine "saubere" Leinwand? Sibel sagte auf der Pressekonferenz: "Durch den Film hat für mich ein neues Leben angefangen." Da kann man nur sagen: Herzlichen Glückwunsch!
"Gegen die Wand" hat so ziemlich alles, was das Versprechen namens "großes Kino" ausmacht: eine spannende Story, internationale Drehorte, Herzschmerz - und nun also auch noch einen Skandal. Die Zeit der eher betulichen Integrationsfilme wie "40 qm Deutschland" ist endgültig vorbei!
Gegen die Wand, Deutschland 2003, Buch und Regie: Fatih Akin, mit Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Güven Kiraç, Meltem Cumbul, Cem Akin, Aysel Iscan, Kinostart: 11. März 2004 bei Timebandits
Foto: Verleih
Silke Kettelhake ist fluter-Redakteurin.
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