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Jane Eyre

Eine Klasse für sich

Kinostart: 1.12.2011 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mia Wasikowska (Jane Eyre)

Mia Wasikowska (Jane Eyre)

Die Weltliteratur ist nicht arm an großen Mythen, doch die Brontës bildeten stets eine Klasse für sich. Alle drei Brontë-Schwestern – Charlotte, Emily und Anne – verfügten über maßloses literarisches Talent, verarbeiteten ihre mutmaßlich traumatische Jugend in bestürzend realistischen Fantasien und veröffentlichten ihre ersten Werke allesamt unter Pseudonym: Charlottes "Jane Eyre" erschien 1847 und nannte als Autor einen gewissen "Currer Bell" – ein merkwürdig geschlechtsloser Name. Zur viktorianischen Zeit schrieben Frauen keine Bücher, sie kochten Porridge und stickten Strümpfe, wie es im Buch heißt. Als Charlotte ihrem Vater davon erzählte und ihn bat, es zu lesen, wollte er sich nicht die Augen verderben. So will es die Legende, eine von vielen. Heute pilgern jährlich 70.000 Besucher zum Brontë-Museum in Hayworth, West Yorkshire, und kaufen dort Brontë-Teetassen, Schlüsselanhänger und T-Shirts – die Brontës sind Kult.

In der ausufernden Sekundärliteratur gilt "Jane Eyre" zum einen als erster feministischer Text, zum anderen als getarnte Autobiografie. Wie Jane, das von garstigen Verwandten aufgezogene Waisenkind, wuchs auch Charlotte ohne Mutter auf und geriet später in ein miserabel geführtes Waiseninternat, wo man sie zur Gouvernante ausbildete. Es ist dieser unsichere Status zwischen den Klassen, der beide zur kongenialen Beobachterin macht: Sie kennen das Elend der Mittellosigkeit ebenso wie die frühbürgerlich-aristokratische Etikette. Anders als Jane allerdings fand Charlotte keinen Mr. Rochester, in den sie sich verlieben konnte. Sie starb 1855, nur wenige Jahre nach ihrem schon damals gefeierten Welterfolg.

Sehnsucht nach Liebe und Selbstbestimmung

M. Fassbender (Mr. Rochester), M. Wasikowska

M. Fassbender (Mr. Rochester), M. Wasikowska

In der mindestens zwanzigsten Verfilmung der Leidensgeschichte erzählt Regisseur Cary Fukunaga das Geschehen in Rückblenden – ein gelungener filmischer Kniff. Ein als gotisches Schauermärchen ausgemalter Prolog zeigt Jane (Mia Wasikowska) auf ihrer Flucht aus Thornfield, dem Ort ihrer ersten Anstellung. Das düstere Herrenhaus hinter sich lassend, gerät sie bei peitschendem Regen aufs nächtliche Moor, bricht zusammen im Schlamm, macht sich bereit zu sterben. Erst auf die Rettung folgt der eigentliche Beginn der Handlung: eine Kindheit, gegen die so ein Tod im Moor seinen Schrecken verliert. Fukunaga inszeniert die alltäglichen Schläge und Beleidigungen in einem von bigotten religiösen Moralvorstellungen bestimmten Erziehungsapparat so körperlich, dass es weh tut. Und dabei hat er sogar gewaltig gekürzt. Dass Literaturverfilmungen als verstaubt gelten, lag nie an den Brontës.

Was in Thornhill geschah, kommt Janes Sehnsucht nach Liebe und Selbstbestimmung – die zwei charakteristischen Pole des Romans – schon näher. Als einfache Hauslehrerin kaum mehr als eine Dienerin, erwirbt sie den Respekt des schwierigen Hausherrn Edward Rochester (Michael Fassbender) und schließlich seine Liebe – oder er die ihre. Die langen Gespräche bei Kerzenlicht bilden das Herzstück des Films und erweisen sich als großes Schauspielerkino. Michael Fassbender, der große Verführer des neueren britischen Kinos, gibt Rochester als intelligenten und oft sarkastischen Gentleman, der in der gebildeten Jane endlich eine gleichwertige Gesprächspartnerin findet. Ihr geht es ähnlich, zugleich jedoch ist Rochester der erste attraktive Mann, dem sie in ihrem bescheidenen Leben überhaupt begegnet. Da heißt es vorsichtig sein. Zumal der zwielichtige Aristokrat unter seinem Dach Geheimnisse verbirgt, die seine niedere Angestellte immer wieder aus dem Schlaf reißen – und sie schließlich zur Flucht treiben.

Die nervenaufreibende Mischung aus Gothic-Elementen und viktorianischer Zugeknöpftheit ergibt eine Literaturverfilmung, die niemals altmodisch erscheint, ohne den Stoff zwanghaft zu modernisieren. Ihre mit einem zarten Grauschleier veredelte Fotografie bringt eine zeitlose Erzählung lediglich auf den optisch neuesten Stand.

Leidenschaft kämpft gegen Vernunft

J. Bell (St. John Rivers), M. Wasikowska

J. Bell (St. John Rivers), M. Wasikowska

Natürlich bleibt "Jane Eyre", auch als Film, ein klassischer Bildungsroman. Jane muss lernen, ihre Leidenschaft, ihr Verlangen nach Liebe und Geborgenheit zu zügeln. Mia Wasikowska ist großartig darin, diesen Kampf mit der Vernunft nicht zu eindeutig zu gestalten. Jeden Satz muss sie sich zweimal überlegen, um dem Mann ihrer Wahl nicht auf den Leim zu gehen. Doch dann kommt die Antwort umso schlagfertiger. Denn Brontës Heldin weiß letztlich immer genau, was sie will. Vor allem will sie von keinem Mann finanziell abhängig sein, sich die "Gleichwertigkeit" nicht bloß vorspielen lassen, weder von Rochester noch vom braven Kirchenmann John Rivers (Jamie Bell), der später ebenfalls um ihre Hand anhält. Auch wenn Fukunaga die christliche Motivation der Hauptfigur etwas unterschlägt: Sie bleibt die Frau mit dem moralischen Kompass, der den Männern offenbar abgeht. Hat sich daran viel geändert? Was Brontë ihrem Publikum vorschlägt, ist ein Feminismus mit Dutt und Häubchen, ohne Frage viktorianisch, aber noch immer aktuell.

Von Fukunaga hätte man nach dem lateinamerikanischen Flüchtlingsdrama "Sin Nombre" sicher anderes erwartet als ein derart urbritisches, herzzerreißendes und dabei immer wieder auch sehr komisches Melodram. Doch der Amerikaner mit japanisch-schwedischen Wurzeln ist nicht der Einzige, der dem Charme der Brontës erlegen ist. Auf dem Filmfestival von Venedig wurde bereits "Wuthering Heights" gezeigt, eine weitere Verfilmung nach dem ebenso berühmten Roman "Sturmhöhe" von Emily Brontë – der, nun ja, stürmischsten der drei Schwestern. Regie führte die bisher für ihren sozialen Realismus gerühmte Britin Andrea Arnold ("Fish Tank"). Selbst über 150 Jahre danach sind die Brontës eben noch immer für jede Überraschung gut.

(Jane Eyre) Großbritannien 2011, Regie: Cary Fukunaga, Buch: Moira Buffini, nach dem Roman von Charlotte Brontë, mit Mia Wasikowska, Michael Fassbender, Judy Dench, Sally Hawkins, Jamie Bell, Imogen Poots u.a., 120 Min., Kinostart: 1. Dezember 2011 bei Tobis

Fotos: ©TOBIS Film
Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



Mehr Infos zu "Jane Eyre"

Die offizielle englische Filmwebseite
Die deutsche Webseite zu "Jane Eyre"
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