Der Gott des Gemetzels

Schlimmer als die eigenen Kinder

Kinostart: 24.11.2011 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Noch ein Espresso?" Immer wenn Michael (John C. Reilly) das sagt, macht sich lähmendes Entsetzen breit. Ist man nicht schon viel zu lange in dieser gottverdammten Wohnung? Zwei Ehepaare haben sich getroffen, um "wie vernünftige Leute" einen Streit ihrer kleinen Söhne beizulegen – und sie hassen sich. Niemand kann Nancy (Kate Winslet) und Alan (Christoph Waltz) zwingen, noch länger hier zu bleiben, bloß weil ihr Sohn dem von Michael und Penelope (Jodie Foster) zwei Zähne ausgeschlagen hat. Es gibt Schlimmeres, und noch ein blöder Espresso vom scheinheiligen Gastgeber Michael gehört zweifellos dazu.

Doch die Gesetze der Höflichkeit kennen kein Pardon. Und um nichts anderes als Gesetze geht es in diesem Eingeschlossenendrama von Roman Polanski, dem Meister klaustrophober Ausweglosigkeit. Muss sich der Übeltäter entschuldigen? Welche Verantwortung tragen die Eltern? Die gesamte Zivilisation steht hier auf dem Spiel, und jeder hat dazu seine eigenen Ansichten. Penelope, die politisch korrekte Übermutter, beklagt die allgemeine Apathie gegenüber Opfern wie ihrem Sohn – oder hungernden Kindern in Afrika. Alan, der Zyniker, kann darüber nur lachen. Nach dem Wechsel zu harten Sachen ("Noch ein Scotch?") faselt der Anwalt über die Geburt des Rechts aus der schlechten Natur des Menschen – Alkohol macht die Menschen politisch. Nebenher muss er ständig telefonieren, in einem glasklaren Fall von Parallelfall ("Bloß kein Schuldeingeständnis!"), was die Lage keinesfalls entspannt.

Die Pointe von "Der Gott des Gemetzels" liegt darin, dass man sich als Zuschauer in allen vier Positionen – Nancy und Michael verkörpern verschiedene Stadien der Unentschlossenheit – irgendwie wiederfindet. Der Film beruht auf einem Theaterstück der französischen Autorin Yasmina Reza, das sie gemeinsam mit Polanski perfekt umgesetzt hat. Das komödiantische Timing benötigt nicht einmal einen Spannungsbogen, hier schaukelt sich nichts hoch, die Katastrophe ist von Anfang an da. Der Ton ist dabei herrlich vulgär, weniger psychoanalytisch verbrämt als im Ehekrach-Klassiker "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von 1966 mit dem Alptraumpaar Elizabeth Taylor und Richard Burton. Da wird auf wertvolle Kunstbände gekotzt und beleidigt, was das Zeug hält. Wir leben, so scheint es zumindest, in weniger ideologischen Zeiten. Man streitet sich, aber nicht wie erwachsene Leute, sondern schlimmer als die Kinder. Würden sie sich die Zähne ausschlagen, man würde sich nicht wundern.
Philipp Bühler

(Carnage) Deutschland, Frankreich 2011, Regie: Roman Polanski, Buch: Yasmina Reza, Roman Polanski, mit Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C. Reilly, 79 min, Kinostart: 24. November 2011 bei Constantin

Foto: ©Verleih



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