Die Haut, in der ich wohne

Das Wesen des Ichs

Kinostart: 20.10.2011 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Pedro Almodóvar wäre auch ein guter Innenausstatter geworden. Schon die Luxusvilla von Professor Ledgard (Antonio Banderas) ist ein Fest für die Augen, die Mischung aus barocker Pracht und moderner Kunst einfach sensationell. Aber wer so lebt, hat meist was zu verbergen: Der Schönheitschirurg hält eine junge Frau gefangen, der er heimlich eine neue Haut verpflanzt. Feuerfest soll sie sein, anders als die seiner verstorbenen Frau, die durch einen Unfall entstellt wurde. Das ist jetzt schon etwas vorgegriffen. Aber Almodóvars neueste Analyse von Schönheitswahn, zerstörerischen Obsessionen und sexuellen Identitäten birgt so viele Überraschungen und wechselt so oft die Richtung, dass ein bisschen Orientierung nicht schadet. Nur noch so viel: Die Ehefrau und die in einen sexy Bodysuit verpackte Vera (Elena (Anaya) sehen sich ein bisschen ähnlich.

In "Die Haut, in der ich wohne" legt der Spanier seine alten Themen unters Seziermesser. Dass sie sich mit denen alter Meister überschneiden, ist genau so gewollt. Hitchcocks "Vertigo" (1958) und den Horrorklassiker "Augen ohne Gesicht" (1960) von Georges Franju nennt er selbst als wichtige Einflüsse. Aber nichts schützt den arglosen Betrachter vor solch schreiend originellen Nebenfiguren wie dem perversen Vergewaltiger im Tigerkostüm, der plötzlich vor Ledgards Villa auftaucht. Das gibt es nur bei Almodóvar.

Die in mehrere Rückblenden verschachtelte Wahrheit rührt weit tiefer, als es die gewohnt makellosen Bilder vermuten lassen. Wer wir sind unter unserer Haut, will Almodóvar wissen. Gibt es etwas jenseits der Oberfläche, das sich nicht wegoperieren lässt? Den Professor, ein moderner Doktor Frankenstein, interessieren solche Fragen nicht. Antonio Banderas agiert in seiner Rolle – der ersten unter seinem früheren Entdecker und Mentor seit langer Zeit – so ruhig und gelassen, dass man selbst kaum merkt, welch diabolisches Werk er hier tut. Aber Almodóvar ist ihm gar nicht so unähnlich. Seine psychologischen Rätsel löst er so kühl und analytisch wie Ledgard die der Medizin. Die alten Vorlieben, Obsessionen und Fetische sind noch da, aber der Abstand dazu ist größer geworden. Zum Glück ist da noch der Mann im Tigerkostüm, eine äußerst zwielichtige Haushälterin – und eine heillos verworrene Handlung, die zwischen menschlicher Konik und Tragik so wild hin und her pendelt, dass man fast aus der Haut fährt. Es ist am Ende doch ganz gut, dass Pedro Almodóvar Regisseur geworden ist.
Philipp Bühler

(La piel que habito) Spanien 2011, Buch & Regie: Pedro Almodóvar nach dem gleichnamigen Roman von von Thierry Jonquet, mit Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Jan Cornet, Roberto Álamo u.a., ab 16, 120 min, Kinostart: 20. Oktober 2011 bei Tobis

Foto: Lucía Faraig/Verleih



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