Vaterlandsverräter

Der größte Feind

Kinostart: 20.10.2011 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Bonvivant, Womanizer, Trinker, Literat – und IM der Staatssicherheit. Gäbe es den Mann nicht, könnte man meinen, sein Leben entspringe der Fantasie eines Drehbuchautoren. Aber da sitzt er, der Schriftsteller Paul Gratzik, ein alter Mann mit Hut, und laviert sich um unbequeme Fragen nach seiner Vergangenheit herum. Charisma hat er, aber zugänglich ist er deswegen noch lange nicht. Es braucht nicht nur rhetorisches Geschick, sondern auch physische Anstrengung, um zu ihm zu gelangen. Zurückgezogen lebt der inzwischen 75-Jährige auf einem alten Gehöft in der Uckermark. Man muss zu ihm wollen.

Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel wollte unbedingt, und man sieht sie öfter schwer bepackt durch Eis und Schnee zu Gratzik stapfen. Sie stellt in ihrem Film "Vaterlandsverräter" Fragen, die den alten Mann aufregen, aber nicht bloßstellen. Nur über seine Stasi-Tätigkeit will er nicht reden. Bedächtig und zuweilen druckreif formuliert er Gedanken zu seinem Leben, zuweilen ringt er sich die Worte regelrecht ab. Als Flüchtlingskind aus Ostpreußen kam er nach Deutschland, war Arbeiter im Transformatorenwerk und fing dort an zu schreiben. In den 1970er-Jahren wurde er zum viel gespielten Autor auf DDR-Bühnen, war mit Heiner Müller befreundet und wurde von schönen Frauen geliebt. Ein Ausnahmetalent, das neben dem DDR-Intellektuellenleben zwanzig Jahre lang Berichte über seine Freunde für die Stasi schrieb, seine Tätigkeit dann aber aus Gewissensgründen beendete. "Der größte Feind im ganzen Land, ist und bleibt der Denunziant", ein Satz seiner Mutter, hat ihn nie losgelassen. Und doch behauptet er, dass er bei der Stasi das Schreiben gelernt hätte.

Hendel gibt dem kranken Mann, der immer noch überzeugter Kommunist ist, viel Raum zur Selbstdarstellung und Rechtfertigung. Sie befragt alte Freunde und Kollegen, eine ehemalige Lebensgefährtin und seinen Stasi-Führungsoffizier und ist dabei, wenn er sich mit seinen erwachsenen Kindern trifft. Manche Schlüsselszenen sind mit gemalten Bildern illustriert. Sensibel zeichnet sie Gratziks aus vielen Brüchen bestehendes Leben nach und beschönigt nichts. So ist ihr ein bewegendes Psychogramm eines zerrissenen DDR-Intellektuellen und seiner komplexen Persönlichkeit gelungen, ohne falsche Betroffenheit und Besserwisserei.
Ingrid Beerbaum

Vaterlandsverräter, Dokumentarfilm, Deutschland 2011, Buch & Regie: Annekatrin Hendel, mit Paul Gratzik, Matthias Hering, Ernstgeorg Hering, Ursula Karusseit, Raphaela Schröder, Günter Wenzel u.a., 97 min, Kinostart: 20. Oktober 2011 bei Edition Salzgeber

Foto: Verleih



Mehr Infos zu "Vaterlandsverräter"

Offizielle Filmwebseite zu "Vaterlandsverräter"
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