Abgebrannt

Sehnsucht nach Gleichgewicht

Kinostart: 22.9.2011 | Kristina Detemple | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Tut das nicht weh?", fragt jemand mit Blick auf Pelins tätowierte Arme. "Das Leben ist Schmerz." Die etwa 30-jährige Pelin (überzeugend: Maryam Zaree) ist Tätowiererin und lebt mit ihren drei Kindern in Berlin, allein erziehend. Sie hetzt vom JobCenter zum Supermarkt, vom Tattoostudio zur Schule: getrieben von Geldsorgen, zerrissen zwischen Erwartungen, die anderthalbjährige Tochter auf dem Arm, die Söhne im Schlepptau. Nachts, wenn die Kinder schlafen: Wäscheberge und Sex mit Edin (unterkühlt: Lukas Steltner), Pelins Freund oder Ex-Freund, so genau wissen sie es selbst nicht. Tristesse in gedämpfter basslastiger Musik.

Edin gibt Pelin zwei Versprechen: ein Tattoostudio für sie zu eröffnen – und ihre Wohnung abzufackeln. Das Ehrverbrechen-Potenzial des Settings wird nicht über das Gezeigte hinaus thematisiert, sondern wirkt durch das Unausgesprochene. Ähnlich Pelins familiärer Hintergrund: Nur kurze Flashbacks zeigen die in der Gegenwart abwesende Familie. Als der vierjährige Elvis Drogen in Edins Tasche für Bonbons hält und beinahe stirbt, bricht Pelin zusammen, Burnout, und das Jugendamt tritt auf den Plan. Ortswechsel zur Mutter-Kind-Kur ans Meer. Mit derselben Entschlossenheit, mit der Pelin vor dem Familiengericht für diese Chance gekämpft hat, bricht sie nun daraus aus. Es könnte Leichtigkeit geben, doch Edin zwingt Pelin in eine Rolle, deren Tragik darin liegt, dass Pelin sehenden Auges auf die Katastrophe zusteuert, die sie nicht verhindern kann.

Verena S. Freytag erzählt diese Tragödie loyal mit ihrer Protagonistin, ohne sich Urteile anzumaßen oder sich auf Klischees von Hartz IV und Multikulti einzulassen. Die Kritik an Sozialstaat und verleugneter Klassengesellschaft wird dennoch deutlich. So wie der Dialog über den Schmerz von Tätowierungen Pelins Haltung zum Leben umreißt, funktioniert die gesamte Geschichte: Das Nichtausgesprochene und die Bildsprache wiegen schwer, und Wahrheit sucht niemand zwischen den Zeilen.
Kristina Detemple

Abgebrannt, Deutschland 2011, Buch & Regie: Verena S. Freytag, mit Maryam Zaree, Tilla Kratochwil, Lukas Steltner, Cecil von Renner, Leon Samuel Kilian u.a., 103 min, Kinostart: 22. September 2011 bei missingFILMs

Foto: ©Verleih



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