Easy Money

Wirtschaftsstudent auf Abwegen

Kinostart: 15.9.2011 | Stefan Stiletto | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Selbst für eine Studentenbude sieht das winzige Wohnheimzimmer alt und schäbig aus. Wie ein Fremdkörper wirken da die Zeitungsausrisse an den Wänden, die Männer in stylischen Designeranzügen zeigen. Werbefotos aus einer anderen Welt und eine Blaupause dafür, wie man sich kleidet, wenn man zur schwedischen High Society gehören will. Für JW sind diese Fotos alles, was er hat. Er kommt nicht aus einer reichen Familie und hat keinen Papa, der für eine ausgelassene Party der Sprösslinge schon einmal die Villa auf dem Land samt Pool räumt. Aber JW weiß, dass Kleider Leute machen. Und so lebt er ein geheimes Doppelleben.

Gel und Koks

Als Ghostwriter für Hausarbeiten an der Uni, mit schicken Anzügen und Gel im Haar erschleicht sich JW die Anerkennung seiner schnöseligen Kommilitonen. Das Geld für die teuren Klamotten wiederum beschafft er sich, indem er nachts als Taxifahrer ohne Lizenz für den kleinkriminellen Abdulkarim in Stockholm arbeitet. Als er sich auf einer Party in Sophie verliebt, die aus einem wohlhabenden Elternhaus kommt, spürt er umso schmerzlicher, wie wichtig ein hoher Kontostand ist. Gerade recht kommt es ihm da, dass Abdulkarim groß ins Drogengeschäft einsteigen will und den talentierten JW als wirtschaftlichen Berater nur allzu gut brauchen kann. Der Traum vom großen Geld rückt ein wenig näher.

Immer tiefer wird JW dabei in das kriminelle Netz um Abdulkarim und dessen Gegner verwickelt. Seitdem er dem Spanier Jorge, der erst vor kurzem aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und dessen Hilfe Abdulkarim braucht, das Leben gerettet hat, lebt dieser auch in JWs Wohnheimzimmer. Jorge wiederum wird von dem serbischen Kopfgeldjäger Mrado gesucht. Erst als die Auseinandersetzungen zwischen den Parteien immer brutaler werden, erkennt auch JW, in was er hineingeraten ist und dass sein Leben in diesem Spiel nicht viel wert ist.

Geld – Macht – Liebe

Von dem skurrilen liebenswerten Humor, der so viele andere Filme aus Schweden auszeichnet, ist "Easy Money" meilenweit entfernt. Daniél Espinosa inszeniert stattdessen einen ruppigen, harten Gangsterfilm, in dem es keine Helden gibt und keine Polizisten. Die Seite des Gesetzes wird vollkommen ausgespart – und so sind die Gangster allein verantwortlich für die moralischen Richtlinien. Moral aber bedeutet hier vor allem Geld. Denn Geld ist Macht. Und manchmal, so hofft JW, öffnet Geld auch die Tür zur großen Liebe.

Espinosa zeigt in seiner Verfilmung des Romans von Jens Lapidus eine Gesellschaft, in der es nur Verlierer gibt. Die Reichen verhalten sich so abstoßend dekadent und arrogant, das man sich lieber von ihnen fern halten will. Die anderen sind skrupellose Gauner und Killer ohne Loyalität. Dass ausgerechnet JWs wirtschaftswissenschaftliches Studium ihm das Know-how für seine späteren illegalen Geschäfte liefert und als Ansporn dient, wirkt wie ein zynischer Kommentar. Wir befinden uns mitten im Sumpf aus serbischen Killern, arabischen Kleinkriminellen, deutschen Dealern und spanischen Ex-Knackis, die sich von den korrupten wohlhabenden Bankdirektoren letztlich nur durch ihren Hang zu roher Gewalt unterscheiden. Denn Verbrecher sind sie alle.

In gleißendem Licht

Wenngleich auch Jorge und Mrado durch knappe, prägnante Episoden an emotionaler Tiefe gewinnen und mehr sind als nur eindimensionale bad guys, sticht doch JW als Identifikationsfigur heraus. Wie fremd er sich im Kreis der Reichen fühlt und wie sehr er sich nach Anerkennung sehnt, ist nur allzu nachvollziehbar. Nur trifft er die falschen Entscheidungen. Der smarte Underdog steht damit ganz in der Tradition der tragischen Figuren des Film Noir, die in Versuchung geraten und deren Scheitern schließlich verfolgt wird.

Ansonsten aber kopiert der Film dieses Genre nicht, sondern sucht eine eigenständige visuelle Umsetzung. Statt langer Schatten setzt er auf überbelichtete Bilder, die die Figuren zu Schemen werden lassen, Schärfe und Grenzen auflösen und nicht selten so grell sind, dass sie in den Augen weh tun. Der stakkatohafte, atemlose Stil der Romanvorlage wiederum findet seine Entsprechung in der extrem dynamischen Montage und die unruhige Handkamera fängt nur flüchtige Momentaufnahmen ein.

Geradezu brav wirkt die Verfilmung der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson im Vergleich. Der Verlockung eines Dreiteilers aber konnte wohl auch der Autor Lapidus nicht widerstehen. Zwei weitere Fortsetzungen sollen noch folgen. So wundert es nicht, dass bereits in "Easy Money" Handlungsstränge offen gehalten werden. Als Leitmotiv dient dabei JWs Suche nach seiner Schwester, die vor einiger Zeit spurlos verschwunden ist. Viel wichtiger aber ist, dass Espinosas Film auch sehr gut als abgeschlossene Geschichte funktioniert und einmal mehr beweist, dass gerade Europa einen grandiosen Hintergrund für Gangsterfilme bietet und Stockholm nicht nur aus idyllischen bunten Häusern besteht.

(Snabba Cash) Schweden 2011, Regie: Daniél Espinosa, Buch: Maria Karlsson nach dem Roman "Spür die Angst" von Jens Lapidus, mit Joel Kinnaman, Matias Padin Varela, Dragomir Mrsic, Mahmut Suvakci, Jones Danko, Lisa Henni u.a., ab 16, 124 min, Kinostart: 15. September 2011 bei Senator

Fotos: ©Verleih/Stills by Frank Ashberg

Stefan Stiletto ist Medienpädagoge und lebt in München.



Mehr Infos zu "Easy Money"

Die offizielle schwedische Filmwebseite
Die deutsche Webseite zu "Easy Money"
Filminfos in der Internet Movie Database
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