Taste the Waste

Blick in die Mülltonne

Kinostart: 8.9.2011 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Filme, die besten jedenfalls, ergreifen den Menschen. Manche Filme bringen einen zum Lachen, andere wiederum zum Weinen. Einige Filme schaffen es sogar, wieder an das Gute zu glauben. Die wenigsten Filme aber bringen einen dazu, mal genauer in den eigenen Mülleimer zu schauen. "Taste The Waste" ist so ein Film. Dort, im Abfall, wird man wohl auch ein paar Lebensmittel finden. Lebensmittel, die man eigentlich noch essen könnte. Vielleicht ein Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war. Obst, das nicht mehr so frisch aussah. Oder die Reste vom Abendessen, für die sich kein Platz mehr im Kühlschrank finden ließ. Im eigenen Mülleimer beginnt, was der Kölner Filmemacher Valentin Thurn in "Taste The Waste" dokumentiert hat: eine unglaubliche Verschwendung, die weltweite Konsequenzen hat.

Eine Welt der Verschwendung

Thurn beginnt seine Recherche dort, wo alles endet. Zusammen mit jungen Schweizern kriecht er in Mülltonnen und findet dort ein Abendessen. "Für mich was das schon eine Überwindung", erzählt Robert über das erste Mal, als er im Abfall wühlte. Mittlerweile ist die Ernährung aus der Tonne Alltag. Aber die Aktivisten sammeln und verzehren das, was andere wegschmeißen, nicht nur, weil es Geld spart. Das Wühlen im Müll ist für einen wie Robert auch ein Beitrag im Kampf gegen das, was er die "Totalentwertung der Lebensmittel" nennt.

Das ist der Ausgangspunkt, von dem aus "Taste The Waste" eine Weltreise durch die Welt der Verschwendung antritt und ihre, oft unfreiwilligen, Protagonisten trifft: die französischen Supermarktmitarbeiter etwa, die Fleisch entsorgen und beklagen, dass das nicht einmal mehr dem Roten Kreuz gespendet werden darf. Den deutschen Bauern, der schätzt, dass er 40 bis 50 Prozent seiner Kartoffeln auf dem Feld verrotten lassen muss, weil sie zu klein oder zu groß sind, um den Verkaufskriterien des Handels zu entsprechen. Die Mitarbeiterin des österreichischen Instituts für Abfallwirtschaft, die zugeben muss, dass sie beim Einkauf auch lieber den Apfel mit der Druckstelle liegen lässt: "Den soll jemand anderes kaufen." Den britischen EU-Bürokraten, der erklärt, warum die Gurke nicht mehr krumm sein darf und dass ein Apfel mindestens einen Durchmesser von 55 Millimetern haben muss. Den amerikanischen Farmer, der erzählt, dass seine Tomaten mit Farbscannern überprüft werden, ob sie auch das richtige Rot haben. Den Direktor der Bananenplantage in Kamerun, der die strengen Normen seiner europäischen Abnehmer beklagt, selbst aber die örtlichen Kleinbauern vertreibt. Oder den Entwicklungsforscher, der den "nächsten Welternährungsschock" prophezeit: "Unser Wegwerfen führt indirekt zu Hunger anderswo auf der Welt."

Genuss statt Konsum

Die einzige prominente Stimme, die Thurn zu Wort kommen lässt, ist die von Carlo Petrini. Der italienische Erfinder der Slow-Food-Bewegung sagt, was er immer sagt: Genuss bedeutet nicht, viel zu essen, sondern mit Bedacht zu konsumieren. Damit fasst Petrini die Botschaft von "Taste The Waste" zusammen: Denn der Film ist vor allem ein Appell an die Verbraucher, ihre Konsumgewohnheiten zu ändern, um die sinnlose Vernichtung von Lebensmitteln einzudämmen und Nachhaltigkeit zu fördern.

Dass das dringend nötig ist, daran lässt der Film keinen Zweifel. 90 Millionen Tonnen Lebensmittel werden allein in der EU alljährlich weggeworfen. Das, so macht Thurn diese irrwitzigen Zahlen anschaulich, ergibt eine Kolonne von Lastwagen, die um den Äquator reichen würde. Das Wegwerfverhalten hat fatale Folgen: Nicht nur könnte man mit dem, was in den reichen Industrieländern tagtäglich im Müll landet, problemlos alle Hungernden der Welt ernähren. Wir Privilegierte schaden uns auch selbst: Das Methangas, das auf Müllkippen entsteht, wenn Bakterien die Lebensmittelreste zersetzen, zerstört die Ozonschicht der Erde. Mit einer Halbierung dieser Lebensmittelreste könnte genauso viel gegen den Klimawandel getan werden wie durch die Stilllegung jedes zweiten Autos weltweit.

Vorschläge zum Bessermachen

Wie das gehen soll, zeigt Thurn anhand einiger positiver Beispiele auf. Er besucht die Mitarbeiter der Berliner und der Pariser Tafel, die Lebensmittel vor der Vernichtung retten und Bedürftige damit versorgen. Er zeigt den japanischen Schweinezüchter, dessen Tiere sich von recyceltem Futter ernähren. Und er lässt den deutschen Bäcker zu Wort kommen, der Brot und Brötchen zu Heizpellets verarbeiten lässt, die wiederum seine Backöfen betreiben: "Wenn alle Bäcker in Deutschland das so machen würden wie wir, könnten wie uns ein Atomkraftwerk sparen." Befürworter der beispiellosen Ressourcenvernichtung, Verteidiger der Verschwendung tauchen dagegen nicht auf. Vielleicht hat Thurn keine gefunden.

Am eindrücklichsten aber wird "Taste The Waste", wenn die Menschen schweigen und Thurn die Bilder sprechen lässt: wenn ein Container Shrimps neben den Mülltonnen landet, wenn Backwaren von Baggern zu kleinen Bergen zusammengeschoben werden, wenn noch zuckende Fische in der Tonne landen.

Diese Bilder sind effektiv, kunstvoll sind sie nicht. "Taste The Waste" wird keine Preise gewinnen, weil seine Bildsprache so bahnbrechend ist. Thurn bedient sich bei den klassischen Mitteln des Dokumentarfilms: Er zeigt, was man sehen kann. Er fragt Menschen, was sie denken. Er lässt den Zuschauer selber entscheiden, was der davon halten will, ob er sich ändern wird. Und wenn man dann noch mit anderen Augen in den eigenen Mülleimer schaut, dann hat "Taste The Waste" schon viel erreicht.

Taste the Waste, Dokumentarfilm, Deutschland 2011, Buch & Regie: Valentin Thurn, mit Sylvain Sadoine, Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Thomas Pocher, Véronique Abouna Ndon u.a., OmU, 88 min, Kinostart: 8. September 2011 bei W-Film

Fotos: Verleih

Thomas Winkler



Mehr Infos zu "Taste the Waste"

Die deutsche Webseite zu "Taste the Waste"
"Taste the Waste" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Taste the Waste" auf filmz.de
Filmtipp von Vision Kino
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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