Die Einsamkeit der Primzahlen

Die Hölle in den Köpfen

Kinostart: 11.8.2011 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Traumata in der Kindheit – noch 25 Jahre danach vergiften sie das Leben von Alice und Mattia. Sie sind darüber Eigenbrötler geworden, doch so kostbar und besonders geblieben, dass ihr Schöpfer, der italienische Autor Paolo Giordano, sie mit Primzahlen vergleicht; Zahlen, die nur durch Eins und durch sich selbst teilbar sind. Ob das ausreicht, ihnen jene Einsamkeit anzudichten, die der Titel von Giordanos Debütroman konstatiert, mögen andere entscheiden. Ansonsten: Ein gewisser Abstand zwischen Solitären schadet nie. Giordano witterte in Alice und Mattia trotzdem ein Schicksalspaar und sein Roman "Die Einsamkeit der Primzahlen" wurde ein Renner – nicht nur in Italien. Dessen Verfilmung durch den Regisseur Saverio Costanzo hingegen ist eher zum Davonlaufen. Episch inszeniert er, wozu die Vorstellungskraft der Leser durchaus in der Lage war: wie Alice, deren Mutter unter starken Depressionen litt, als Kind zur erfolgreichen Skiläuferin getrimmt wird und folgenschwer verunglückt. Wie das seitdem humpelnde Mädchen zur Zielscheibe des Spotts ihrer Mitschülerinnen wird, den sie auf eigene Art verdaut. Und: wie der achtjährige Matti einmal nicht auf seine geistig behinderte Schwester aufpasst, die seitdem verschwunden bleibt. Wie er zum Mathegenie und sonderbaren Grübler wird und sich regelmäßig die Haut zerritzt. Schwere Bilder, die selten ohne musikalischen Ballast bleiben.

Der Film erzählt die Geschichte nicht linear, sonst hätten die bemerkenswert von Alba Rohrwacher (Alice) und Luca Marinelli (Mattia) gespielten Protagonisten vielleicht ihre Geheimnisse zu schnell verloren. Man lernt die beiden als fröhliche Kinder kennen, wird Zeuge ihrer seelischen Verwundung, ihrer Schuldgefühle und Vereinsamung, ihres Selbsthasses. Man beobachtet, wie sie ihren Weg suchen, sich begegnen und wieder verlieren, wie Mattias Körper um 15 Kilo anschwillt und sich Alice beinahe zum Skelett runterhungert. Grausame Episoden und bewegende Bilder, die Hölle in Alices und Mattias Köpfen brennt lichterloh. Und sonst? Bestenfalls Verständnis blitzt zwischen den beiden auf, wenn sie ausnahmsweise mal ihr persönliches Leid vernachlässigen. Doch Liebe? Leidenschaft? Zu freudlos und zwanghaft sind die beiden, zu lästig scheinen ihnen ihre Körper. Nach knapp 118 Minuten währendem Hin- und Herzappen durch diverse Lebensstadien wünscht man Alice und Mattia nur die Begegnung mit einem guten Psychoanalytiker. Unvorstellbar, dass diese Primzahlen im Verbund ihr Leiden an sich selbst noch potenzierten.
Cristina Moles Kaupp

(La Solitudine dei Numeri Primi) Italien, Deutschland, Frankreich 2010, Regie: Saverio Costanzo, Buch: Paolo Giordano, Saverio Costanzo, nach dem Roman von Paolo Giordano, mit Alba Rohrwacher, Luca Marinelli, Isabella Rossellini, Martina Albano, Arianna Nastro, Tommaso Neri u.a., 118 min, Kinostart: 11. August 2011 bei Filmwelt

Foto: ©Verleih



Mehr Infos und Filmkritiken zu "Die Einsamkeit der Primzahlen"

Die deutsche Webseite zu "Die Einsamkeit der Primzahlen"
Credits zum Film in der Internet Movie Database
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