Nader und Simin - Eine Trennung

Universelles Meisterwerk

Kinostart: 14.7.2011 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Es ist geradezu schmerzhaft, Nader (Peyman Moadi) beim Organisieren seines Alltags zuzusehen: Seine Frau Simin (Leila Hatami) ist vor kurzem ausgezogen, neben seiner nicht näher bezeichneten Vollzeitarbeit kümmert er sich um seinen dementen Vater (Ali-Asghar Shahbazi); die elfjährige Tochter Termeh (Sarina Farhadi) hat sich vorerst dafür entschieden, bei ihrem Vater zu leben.

Zur Unterstützung, insbesondere für die Betreuung des Vaters, wenn er außer Haus ist, hat Nader Razieh (Sareh Bayat) eingestellt. Sie ist schwanger, streng gläubige Muslimin und aus einfachen Verhältnissen; der Kontakt kam über eine persönliche Empfehlung zustande. Auch hier gibt es Schwierigkeiten, denn Razieh, deren Gatte arbeitslos und verschuldet ist und den sie durch ihre Tätigkeit unterstützen möchte, arbeitet ohne dessen Wissen und Zustimmung für Nader. Sie hadert zudem aufgrund ihres Glaubens sehr mit ihrem Gewissen, weil ihr Arbeitgeber ein allein stehender Mann ist und sein Vater der intimen körperlichen Zuwendung bedarf, wenn er beispielsweise eingenässt hat.

So ist jeden Tag aufs Neue unsicher, ob Razieh am darauffolgenden Tag wiederkommen wird. Nader bringt scheinbar eine Engelsgeduld für dieses Chaos auf – bis zu dem Moment, als er von der Arbeit nach Hause kommt und seinen Vater alleine und bewusstlos an sein Bett gefesselt vorfindet – von Razieh keine Spur. Die angestaute Spannung löst sich: Als die Haushaltshilfe zurückkehrt, kommt es zur heftigen Auseinandersetzung, an deren Ende Nader sie ziemlich unsanft aus der Wohnung wirft.

Der schwierige Weg zur Wahrheitsfindung

Ab diesem Zeitpunkt gerät sein Leben vollends aus den Fugen: Der Streit kommt vor Gericht, denn Razieh erleidet eine Fehlgeburt und gibt Nader die Schuld dafür. Es geht dabei darum, ob Nader wusste, dass Razieh schwanger war, oder nicht – kann ihm nachgewiesen werden, dass er sie aus der Wohnung schubste, obwohl er es wusste, drohen ihm mehrere Jahre Haft wegen Mord.

Moderne, gebildete Mittelklasse und religiös fundamentalistische Unterschicht kollidieren hier mit voller Wucht. Der iranische Regisseur Asghar Farhadi lässt seine Darsteller viel reden und verhandeln, aber keineswegs zu viel; wenn Worte nicht mehr helfen, kommt es auch zu Handgreiflichkeiten zwischen Nader und Raziehs aufbrausendem Ehemann Hodjat (Shahab Hosseini). Unterschiedliche gesellschaftliche und religiöse Codes und Regeln, Ehrenrettung und Familienbande verzurren sich zum schier unauflöslichen Konflikt. Das dabei entstehende Netz aus Unaufrichtigkeit, Ausreden und Widersprüchen lässt aber nicht den Eindruck von berechnender Vorsätzlichkeit entstehen, vielmehr geht es um Verdrängung und um das, von dessen Richtigkeit die jeweilige Figur überzeugt sein möchte. Niemand bekommt moralisch den "Schwarzen Peter" zugeschoben. In ihrem durch die gesetzliche und gesellschaftliche Situation eng gesteckten Rahmen handeln die Figuren durchaus integer, die Empathie der Zuschauer kann gerecht unter ihnen aufgeteilt werden, auch wenn alle von ihnen durchaus auch große Charakterschwächen zeigen. Durch Nachfragen des Gerichts und vor allem der beiden Töchter Termeh und Somayeh, die einen ungetrübten, klaren Blick auf die Verhältnisse zu haben scheinen, kommt nach und nach die Wahrheit ans Licht.

Farhadis Film funktioniert über weite Strecken wie ein Kammerspiel, das sich in Naders Wohnung und in verschiedenen öffentlichen Gebäuden abspielt. Es beginnt vor Gericht mit dem offiziellen Teil der titelgebenden Trennung: Simin möchte ihr repressives Heimatland verlassen, um ihrer Tochter eine bessere und freiere Zukunft zu geben. Nader kann wegen seines kranken Vaters nicht mit. Die Scheidung, die es Simin möglich machen würde, alleine zu gehen, weist der Richter jedoch zurück, denn rechtlich gesehen ist die angestrebte Ausreise kein zwingender Grund für eine Scheidung. Diese scheinbar ausweglose und festgefahrene Situation zieht den weiteren fatalen Verlauf der Geschichte nach sich, möchte man meinen.

Goldener Bär für Asghar Farhadi

Spätestens seit der letzten Berlinale, bei der "Nader und Simin" sowohl den Goldenen Bär als bester Film als auch beide Silberne-Darsteller/innen-Bären für das ganze Ensemble bekam, ist die schwierige Situation iranischer Filmemacher allgemein bekannt. Farhadis Kollege Jafar Panahi konnte seinen Platz in der Berlinale-Jury nicht einnehmen, da er kurz zuvor unter Hausarrest gestellt worden war und nicht aus dem Iran ausreisen durfte. Diese augenscheinliche Repression eines gesellschaftskritischen, bekannten Künstlers rief sehr viel Solidarität hervor. Auch Farhadi kritisiert die iranischen Verhältnisse. Die Lesart seiner Filme ist aber offensichtlich so vielseitig möglich, dass er nicht nur arbeiten darf, sondern auch im Iran höchst erfolgreich ist. Sein jüngstes Werk fügt der im Westen medial oftmals geschaffenen Schwarz-weiß-Wahrnehmung der Situation im Iran viele Schattierungen hinzu, dabei spielen sehr unterschiedliche Faktoren eine Rolle, die nicht allein am Regime und der Scharia festzumachen sind. Einige Mechanismen scheinen gesellschaftlich derartig verinnerlicht zu sein, dass sich die Menschen auch ohne Druck und Einschränkungen von oben oder außen das Leben gegenseitig schwer machen.

Da dies keineswegs nur ein iranisches Phänomen ist, funktioniert Farhadis Film auch auf der universellen Ebene sehr gut. Es werden keine exotischen Interna verhandelt, sondern zwischenmenschliche Beweggründe, die sehr gut nachzuvollziehen sind. Dass Farhadi diese zudem unprätenziös, differenziert und komplex darzustellen weiß und die Dramaturgie dieser spannenden Irrungen und Wirrungen trotzdem glasklar ist, macht den Film zu einem Meisterwerk.

Das letzte Bild des Films zeigt, auch wenn der Streit zwischen den beiden Familien beigelegt ist, wieder Simin und Nader auf dem Flur des Gerichts. Bei den vielen wichtigen, persönlichen Entscheidungen, die getroffen werden müssen, greift immer wieder der Staat ein. Aber man wartet vergeblich auf die Entscheidung der Tochter, bei welchem Elternteil sie künftig leben möchte – der Film wird vorher ausgeblendet.

(Jodaeiye Nader az Simin) Iran 2011, Buch & Regie: Asghar Farhadi, mit Leila Hatami, Peyman Moadi, Shahab Hosseini, Sareh Bayat, Sarina Farhadi, Babak Karimi u.a., 123 min, Kinostart 14. Juli 2011 bei Alamode

Fotos: Verleih

Stefanie Zobl ist Journalistin und lebt in Berlin.



Mehr Infos und Filmkritiken zu "Nader und Simin - Eine Trennung"

Die deutsche Webseite zu "Nader und Simin - Eine Trennung"
Credits zum Film in der Internet Movie Database
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