Alles koscher!

Ein Mann, zwei Religionen und jede Menge Probleme

Kinostart: 30.6.2011 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

In Zeiten religiöser Konflikte, hitziger Einwanderungsdebatten und sonstiger moderner Identitätskrisen erfreut sich die Culture-Clash-Komödie großer Beliebtheit. Hier vergewissert sich die Gesellschaft ihrer gemeinsamen Werte – alles halb so schlimm! Dabei verlaufen fast alle dieser Filme nach demselben Muster: In einem meist riesigen Ensemble sind Fundamentalisten und Gemäßigte auf beiden Seiten ungefähr gleich verteilt, man streitet sich ein wenig und am Ende wird geheiratet. Das ist in "Alles koscher!" gar nicht viel anders. Doch was den zentralen Konflikt angeht, gibt es keine zwei Seiten. Es gibt auch nur eine Hauptfigur. Ein einzelner Mann, ein Pionier multikultureller Toleranz und Völkerverständigung, kämpft den Kampf der Kulturen ganz allein mit sich selbst.

Kampf der Kulturen

Denn der Londoner Familienvater Mahmud (Omid Djalili) ist Moslem und Jude gleichzeitig. Das heißt, er ist natürlich Moslem, und als solcher wohl der normalste Moslem, den das Kino je gesehen hat: Aufgewachsen in London, glaubt er an seinen Londoner Fußballverein und trägt dessen Trikot. An Gott glaubt er vorzugsweise an Feiertagen, als Familienvater hat er genug zu tun. Sieht er Islamisten in den Nachrichten, schaltet er gelangweilt auf MTV – seine heimliche Liebe gilt nicht dem Terror, sondern dem britischen Synthie-Pop der 1980er. Dass ihm sein Sohn einen erzkonservativen islamischen Prediger als Schwiegervater ins Haus schleppt, ist ihm andererseits auch egal. Soll doch jeder leben, wie er will. Genau das wird zum Problem.

Laut Geburtsurkunde nämlich ist Mahmud nicht nur adoptiert, sondern eindeutig Jude mit Namen Solly Shimshillewitz. Man sollte nicht unterschätzen, welche Tragweite eine solche Enthüllung selbst für einen gemäßigten Moslem hat: Für Mahmud bricht eine Welt zusammen. Dennoch versucht er sich seiner neuen Identität vorsichtig zu nähern. Warum? Nun, er will seinen sterbenskranken jüdischen Vater im Krankenhaus besuchen. Vor allem aber: weil es sonst keine Komödie gäbe.

Mahmud oder Solly?

"Alles koscher!" versucht sich gar nicht erst an tiefenpsychologischen Identitätsreflexionen, kommt dafür aber schnell auf den Punkt. Warum, fragt sich Mahmud nach ein paar Klicks durchs Internet, hasst alle Welt die Juden? Wenn sie angeblich die Welt beherrschen, warum jammern sie dann andauernd? Und warum ist eigentlich, wie sein Sohn behauptet, die Freiheit Palästinas "unsere Sache"? Als frischgebackener Jude sieht er die Dinge in einem ganz anderen Licht.

Ein nicht sehr schlauer, aber grundvernünftiger Mensch macht sich das erste Mal in seinem Leben darüber Gedanken, was solch angeblich selbstverständliche Begriffe wie Religion und Identität eigentlich bedeuten – das ist der Sinn solcher Körpertausch-Komödien. Mahmud muss erst in die Haut eines anderen schlüpfen, muss sich auf einer Palästina-Demo so fremd fühlen wie auf einer jüdischen Bar-Mitzwa, um seine eigene Persönlichkeit zu entdecken. Und dabei ist er tatsächlich sehr allein. Der teils haarsträubende Humor resultiert schließlich daraus, dass niemand von seinem Problem weiß – und wissen darf. Muss er doch zugleich immer noch der gute Moslem sein, will er seinem Sohn auf der Hochzeit keine Schande machen. Erst der Gruppendruck beider Seiten zwingt ihn in den klassischen Konflikt von stiller Anpassung und Überkompensation, so dass er ungewollt zum islamistischen Hassverbrecher, Ungläubigen und multikulturellen Helden gleichzeitig mutiert – natürlich geht ein guter Moslem auf die Pali-Demo, aber nicht mit jüdischer Kipa.

Londoner Multikulti

Die besten Szenen hat der Film aber im Schnellunterricht bei Mahmuds einzigem Vertrauten, dem jüdischen Taxifahrer Lenny (Richard Schiff). Mit diebischer Freude lehrt der ihn die Finessen des Jüdischseins: das schulterzuckende jiddische "Oi", das verzweifelte "Weh". Lenny, ein allein stehender Alkoholiker und charakterlich etwas destruktiv, ist selbst kein besonders gläubiger Jude. Auf den Familienfeierlichkeiten, zu denen er Mahmud bringt, ist auch er nur Zaungast. So entsteht nach und nach auch ein Bild des multikulturellen London, in dem Religionszugehörigkeit nicht für alle, aber für die meisten keine große Rolle mehr spielt. Hier lassen sich Konflikte humorvoll ausdiskutieren und beilegen, die in der übrigen Welt enormen Zündstoff bergen. Ausgerechnet der liberalen BBC hat das Drehbuch gereicht, um aus der Finanzierung auszusteigen.

Dabei ist der britische Stand-Up-Comedian Omid Djalili, auf den "Alles koscher!" sichtlich zugeschnitten wurde, in seinem eigenen Programm weitaus schärfer. Mit unvergleichlicher Mimik und frechem Mundwerk macht er sich dort über Radikale aller Seiten genauso lustig wie über übereifrige Toleranz-Verfechter der Political Correctness. Regisseur Josh Appignanesi, selbst Jude, der nach eigenen Worten zeitlebens für einen Pakistani gehalten wurde, drängt hingegen zur Versöhnung. Anders als zuletzt "Four Lions" ist sein Film keine Satire. Gewagte Szenen, in denen Mahmud gequält über böse Judenwitze seiner Kollegen lacht oder sich gar in KZ-Kleidung imaginiert, bilden die Ausnahme. Der filmisch nüchterne, fast schmucklose Stil legt nahe: Das alles ist weniger britischer Humor als britischer Realismus. Über Ideologien und Loyalitätskonflikte, gegenseitige Schuldzuweisungen und Opferdiskurse siegt die moderne Wirklichkeit. Die ist schließlich kompliziert genug.

(The Infidel) Großbritannien 2010, Regie: Josh Appignanesi, Buch: David Baddiel, mit Omid Djalili, Richard Schiff, Archie Panjabi, Matt Lucas, Igal Naor, Amit Shah u.a., 105 min, Kinostart: 30. Juni 2011 bei Senator

Fotos: Verleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



Mehr Infos zu "Alles koscher!"

Die offizielle englische Webseite zum Film
Die deutsche Webseite zu "Alles koscher!"
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Alles koscher!" auf filmz.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de





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