Schlafkrankheit

Zwischen den Welten

Kinostart: 23.6.2011 | Jörn Hetebrügge | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ebbo (Pierre Bokma), ein deutscher Arzt, leitet in Kamerun ein internationales Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit. Schon seit vielen Jahren leben er und seine Frau Vera (Jenny Schily) in Afrika. Längst fühlt er sich dort zu Hause. Doch nun steht der Abschied bevor. Vera zieht es zurück nach Deutschland, zu ihrer Tochter Helen (Maria Elise Miller), die ein Internat in der hessischen Provinz besucht. Und während seine Frau schon mal vorausfliegt in die alte Heimat, bleibt Ebbo noch, um den Haushalt aufzulösen und seine Stelle an den Nachfolger zu übergeben – und verzweifelt. Drei Jahre später. Alex (Jean-Christophe Folly), ein junger französischer Mediziner mit kongolesischen Wurzeln, reist seit langem wieder nach Afrika. Er hat den Auftrag, ein Hilfsprojekt in einer abgelegenen Region Kameruns zu überprüfen. Dort angekommen, fühlt er sich regelrecht verloren. Zumal Dr. Velten, der Leiter des Projekts, unauffindbar scheint. Als Alex ihm schließlich begegnet, trifft er auf einen resignierten Mann: Es ist Ebbo.

Ulrich Köhlers erste beiden Kinofilme, "Bungalow" (2002) und "Montag kommen die Fenster" (2005), waren Heimatfilme der besonderen Art: präzise Beobachtungen deutscher Mittelschichtsexistenzen. Frei von Sentimentalität, verfolgten sie die halbherzigen Ausbruchsversuche ihrer Helden und legten dabei beiläufig und mit subtilem Witz die Absurditäten bürgerlicher Lebensentwürfe bloß. Mit "Schlafkrankheit" widmet sich Köhler nun einem Protagonisten, der seiner deutschen Heimat auch durch Flucht auf einen anderen Kontinent nicht entrinnen kann: Ebbo, so sehr er Afrika zu lieben und zu kennen glaubt, bleibt dort letztlich ein Mann zwischen den Welten: im Kopf gleichzeitig Idealist, Kolonialist und – so ein einheimischer Kollege – afrikanischer als die Afrikaner.

Thema und Schauplatz waren Köhler nicht fremd. Der Regisseur hat selbst Jahre seiner Kindheit als Sohn von Entwicklungshelfern in Zaire verbracht. Und diese Vertrautheit sieht man seinem Film an. Keine Spur vom bunten Exotismus, der einen bei deutschen Filmen, die in Afrika spielen, so oft peinigt. Köhler, darin ganz Filmemacher der Berliner Schule, verweigert sich billiger Folklore und dramaturgischen Zwängen, verzichtet auf musikalische Untermalung und bleibt auch seiner unaufgeregten visuellen Handschrift treu. Die ruhigen, wunderbar arrangierten Einstellungen von Stammkameramann Patrick Orth lassen den Figuren Raum und fordern zugleich auf, sich selbst ein Bild zu machen – seine vorgefertigten Bilder zu hinterfragen. So wenig Sehnsuchtsprojektion, so schwer zugänglich wie in "Schlafkrankheit" war Afrika im Kino selten. Dass die Handlung unversehens in der Zeit voranspringt und plötzlich Alex, dem afro-französischen Arzt aus Paris, folgt, verleiht dem Film zudem eine ironische Note: Der eurozentristische Blick, so zeigt sich, ist eben nicht bedingt durch die Hautfarbe, sondern Resultat kultureller Prägung. Wer sich der komplexen Wirklichkeit nähern will, muss sich wohl oder übel von der alten Schwarzweiß-Denke verabschieden.
Jörn Hetebrügge

Schlafkrankheit, Deutschland, Frankreich, Niederlande 2011, Regie & Buch: Ulrich Köhler, mit Pierre Bokma, Jean-Christophe Folly, Jenny Schily, Hippolyte Girardot, Maria Elise Miller, Sava Lolov u.a., 91 min, Kinostart: 23.Juni 2011 bei farbfilm

Foto: ©Verleih



Mehr Infos und Filmkritiken zu "Schlafkrankheit"

Die offizielle Webseite zu "Schlafkrankheit"
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