Kaboom

Trash, Sex, Mystery

Kinostart: 16.6.2011 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Im amerikanischen Kino sind High School und College die maßgeblichen Orte jugendlicher Identitätsfindung. Der oft gescholtenen High-School-Komödie kommt als populärstem Format des klassischen Coming-of-Age-Topos die nicht zu unterschätzende Aufgabe zu, die existenziellen Scharmützel als immer wieder neue, eingängige (und eindeutige) Situationen und Konstellationen zu inszenieren. Das Genre häuft all die verschiedenen Momente des Heranwachsens zu einem fragilen Konstrukt aus scheuen Befindlichkeiten und rampensauartigen Exzessen an. Der amerikanische Regisseur Gregg Araki hat wohl verstanden, dass der Schulfilm der Logik einer Initiation zu folgen hat. Allerdings schwebt dem ehemaligen Enfant Terrible des New Queer Cinema ein "Coming-of Age" zu seinen Konditionen vor.

Sein neuer Film "Kaboom" gibt in dieser Hinsicht ein paar praktische Anleitungen. Der smarte Smith zum Beispiel träumt davon, dass es ihm sein so gut gebauter wie unbedarfter Zimmergenosse, der auch noch auf dem Namen Thor hört, einmal so richtig besorgt. Das erzählt er in der Mensa seiner besten Freundin Stella, die sich gerade mit der überirdisch schönen Lorelei vergnügt, welche Smith kürzlich ebenfalls in einem Traum erschienen ist. Doch Thor schleppt jede Nacht eine andere, alkoholisierte Studentin aus den unteren Semestern ab. Was ihn nicht davon abhält, an sich selbst einen Fellatio zu praktizieren (Jugend forscht!). Smith platzt etwas verdattert in dieses Schlüsselmoment von Arakis Kino, das auf sexuelle Zuschreibungen oder falsche Scham gänzlich verzichtet – sowohl im Blick des notgeilen Smith als auch in der grotesken Akrobatik des unterbelichteten Thor. Sex bei Araki kennt kein Vor- und schon gar kein Nachspiel: Er entfaltet sich hemmungslos als großes Kontinuum der Lüste und multiplen Orgasmen.

Und als hätten die Jungs und Mädchen mit ihren sexuellen Verwirrungen nicht schon genug zu schaffen, taucht schließlich noch eine Endzeit-Sekte am College auf, die den Weltuntergang vorbereitet. Araki versteht es, wie außer ihm vielleicht nur Larry Clarke, die Begierden und Sehnsüchte der Popkultur zu bedienen. In "Kaboom" hat er die Akzente gut gesetzt. Seine Darsteller kann er sich aus den hübschesten Indie-Kids auswählen, der Soundtrack ist handverlesen, und die großartige Kelly Lynch hat einen prägnanten Kurzauftritt als Smiths Mutter. John Waters, der Elder Statesman des schwulen Trash, hat Araki kürzlich als seinen inoffiziellen Nachfolger auserkoren. Dafür wird ihm in den Credits von "Kaboom" brav gedankt.
Andreas Busche

Kaboom, USA, Frankreich 2010, Buch & Regie: Gregg Araki, mit Thomas Dekker, Haley Bennett, Chris Zylka, Roxane Mesquida, Juno Temple u.a., 86 min, Kinostart: 16. Juni 2011 bei Edition Salzgeber

Foto: Verleih



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