The Tree of Life

Die Welt in uns

Kinostart: 16.6.2011 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Filme von Terrence Malick sind geschichtliche Ereignisse, die sich selbst seinen Fans nie ganz entschlüsseln, aber ihrem Leben Struktur geben: Wo warst du, als sein letzter Film herauskam? Das war "The New World" im Jahr 2005. Seit seinem Debüt "Badlands" (1973) hat der große Unbekannte des amerikanischen Kinos überhaupt nur fünf Filme gedreht, einmal war er für zwanzig Jahre ganz verschwunden. Das bedeutet: Ab einem gewissen Alter wird die Frage nach einem neuen Malick eine von Leben und Tod. Wer so denkt wie er, denkt in kosmischen Dimensionen, hat schlicht ein anderes Gefühl von Zeit. Wer so denkt, lässt auch seinen neuen Film mit einem Bibelzitat beginnen wie diesem: "Wo warst du, als ich die Erde gründete?"

Erinnerungen ans Kindsein

So spricht Gott zum Menschen, um die Verhältnisse klarzurücken (Buch Hiob 38,4). In "The Tree of Life" zeigt Malick, wie der Mensch auf die Erde kam: In atemberaubend assoziativen Bildfolgen sehen wir so etwas wie den Urknall, die Bildung von Galaxien, erstes Leben. Mikro- und Makroorganismen bevölkern die Leinwand, Bilder von Vulkanen, Ozeanen, Quallen und Haien, sogar eine kleine Dinosaurier-Sequenz künden vom Werden der Natur. Als der Hauptprotagonist geboren wird, ist der Film fast eine Stunde alt und der Zuschauer restlos erledigt. Das ist ohne Frage großes experimentelles Kino, aber ergibt es Sinn? Wo bleibt die Geschichte?

Das Leben an sich ist die Geschichte. Die kosmischen Verhältnisse spiegeln sich – es ist natürlich viel komplizierter – im Leben der O'Briens, einer typischen 1950er-Jahre-Familie im US-Staat Texas. Der älteste Sohn Jack, in der Jetztzeit gespielt von einem gramgebeugten Sean Penn, erinnert sich an den strengen Vater (Brad Pitt), die vergötterte Mutter (Jessica Castain) und seine beiden Brüder, von denen einer, wie man im Film noch vor dem Urknall erfährt, mit 19 Jahren starb. Woher wir kommen und wohin wir gehen, diese sehr menschlichen Fragen stellen sich erst angesichts des Todes und der Trauer um den Verlust geliebter Menschen, es sind Fragen nach dem verlorenen Sinn. Sieht uns Gott? Warum antwortet er nicht, wenn man ihn braucht? Die Familie stellt diese Fragen unentwegt aus dem Off, sogar etwas zu häufig, sie ist ein Charakteristikum von Malicks Filmen. Doch es sind die Bilder des Lebens, mit denen "The Tree of Life" wirklich überwältigt und überzeugt: die Spiele der Jungs im Vorgarten, manche davon auch gefährlich und grausam, das Herumtollen mit der liebevollen Mutter, erste erotische Gefühle und die Furcht vor dem Vater bei Tisch. Dass es sich um Erinnerungsbilder handelt, verrät das fast unwirkliche, immer sommerliche Licht, die verträumt herumsuchende Handkamera, nicht zuletzt das Fehlen jeden narrativen Zwangs. Die Dinge geschehen einfach. Vielleicht war es auch so. Wie in vielen Suburb-Häusern des amerikanischen Südens stehen die Fenster im Haus der O'Briens immer offen, hier können sich die Gedanken und Erinnerungen so frei entfalten wie das Licht der Sonne, das alles durchdringt. Ohne Zweifel verarbeitet Malick hier Erinnerungen an die eigene Kindheit in Texas. Was man sieht, ist aber eher das Kindsein an sich. So unwirklich und so real sind diese Bilder, und von solcher metaphysischen Kraft. 

Wo ist Gott?

Die 50er-Jahre sind, nicht nur bei Malick, schon immer so etwas wie der amerikanische Naturzustand. Hier entstand nach dem Krieg die Welt, wie wir sie kennen. So nähert sich Malick seinen alten Themen: die Natur, der Mensch, die Vertreibung aus dem Paradies, dem freilich immer auch eine menschliche Sünde vorausging. In "The Tree of Life" ist es eher ein Versagen, vielleicht das des Vaters, der seinen Sohn im Garten das Boxen lehrt – das Überleben des Stärkeren – und damit auch das eigene Scheitern zu kompensieren versucht. Er verkörpert das Prinzip einer willkürlich strafenden Natur, die Mutter deren Gegenteil, die Anmut und Gnade. So sagt es zumindest das Voice-over. Man mag Malicks Überhöhung der Mutter zur ätherischen Lichtgestalt – einmal fliegt sie sogar – albern finden. Aber diese Umkehrung klassischer Zuschreibungen von "Mutter Natur" und gnädigem Gottvater scheint zumindest interessant.

Es bleibt die Frage, was das Ganze soll. Terrence Malick hat hier sicher nicht seinen besten Film gedreht, vielleicht eben weil er das so sichtbar vorhatte. (Der beste Film bleibt sein vollständig im Abendlicht gedrehter Spätwestern "In der Glut des Südens" von 1978.) In Cannes, wo der Film mit der Goldenen Palme prämiert wurde, war der Vergleich mit Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" (1968) allgegenwärtig, und der fällt etwas ungünstig aus. Auch wenn Malick mit Douglas Trumbull denselben Special-Effects-Designer beschäftigte: Mit Kubricks berühmter Monolithszene ("Der Morgen der Menschheit") oder der abschließenden Stargate-Sequenz können Malicks Weltraumbilder, die leider auch an die Ästhetik von Bildschirmschonern erinnern, nicht mithalten. Aber der Vergleich ist doch wertvoll. Malick ist eben kein Regie-Gott, wie Kubrick einer sein wollte. Die Beherrschung des Universums durch den Menschen ist nicht sein Thema, es gibt kein Astronautenauge, das dieses Universum erobert und vielleicht darin verglüht, sondern nur das Schaudern vor der Leere und Größe des Alls. Der Mensch spielt hier keine große Rolle, wenn es ihn überhaupt gibt, und vielleicht ist auch Gott – interessanterweise trifft Malick ja zwischen biblischer und naturwissenschaftlicher Schöpfungsgeschichte keinerlei Entscheidung – nirgends zu finden. Wenn man ihn so auf sich wirken lässt, ist dieser größenwahnsinnige und wahnsinnig prätentiöse, aber vor allem suchende Film letztlich sehr bescheiden. Aber klar, bei Malick hat selbst die Demut eine etwas andere Dimension als üblich.

The Tree of Life, USA 2011, Buch & Regie: Terrence Malick, mit Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain, Fiona Shaw, McCracken, Laramie Eppler, Tye Sheridan, Joanna Going u.a., 138 min, Kinostart: 16. Juni 2011 bei Concorde

Fotos: ©Verleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



Mehr Infos zu "The Tree of Life"

Die offizielle englische Webseite zum Film
Die deutsche Webseite zu "The Tree of Life"
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Filmtipp von Vision Kino




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