Unter Kontrolle

Unheimliche Technik

Kinostart: 26.5.2011 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Welt hat sich verwandelt. Gewissheiten haben sich aufgelöst. Aus Sicherheiten sind Risiken geworden. Eine Zukunftstechnologie ist zum Auslaufmodell mutiert. Spästestens seit Fukushima ist alles anders. So sagt man. Ob das wirklich so ist, das wird sich erst noch herausstellen müssen in den nächsten Monaten und Jahren. Eines immerhin ist tatsächlich auf jeden Fall anders, seit in dem japanischen Kernkraftwerk der verzweifelte Kampf gegen die Kernschmelze tobt: Der Dokumentarfilm "Unter Kontrolle" kommt früher als geplant ins Kino.

Technik, die nicht begeistert

Ursprünglich wollte der Verleiher den Film von Volker Sattel im Herbst anlaufen lassen. Die Ereignisse auf der anderen Seite des Erdballs und die darauf folgenden Diskussionen hierzulande aber haben dem Film eine unerwartete Dringlichkeit verschafft. Und nicht nur das: Wenn jetzt die Kamera in aller Seelenruhe durch die Kontrollräume deutscher Atommeiler streift, wenn sie verträumt über die unter Wasser schillernden Brennstäbe fährt, wenn sie Männern mit Arbeitsschutzhelmen dabei zusieht, wie sie routiniert einer scheinbar harmlosen Arbeit nachgehen, dann haben sich die Bilder grundlegend verändert. Nun spiegeln sie weniger die Faszination mit einer geheimnisvollen Technik, sondern verstärken eher noch das Gefühl der Bedrohung: Kann es sein, fragt sich der Betrachter unwillkürlich, dass unsere angeblich so sicheren Kraftwerke veraltet wirken, als stammten sie aus einem billigen Science-Fiction-Film aus den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts?

Sattel hatte ursprünglich die Absicht, den atomwirtschaftlichen Komplex zu porträtieren. Nicht als Journalist, sondern als Filmemacher. Er wollte keine investigative Reportage drehen, die sich möglichst objektiv mit den Risiken und Chancen einer Form der Energiegewinnung auseinander setzt. Sattel ging nicht auf die Suche nach Daten und Aussagen, sondern nach Bildern und Emotionen. Er ging, nachdem er in langen Verhandlungen das Vertrauen der Kraftwerkbetreiber und -mitarbeiter gewonnen hatte, mit seiner Kamera hinein in die AKWs und Wiederaufbereitungsanlagen, in die Endlager, die offiziell keine sind, und die Betonruinen, die das Geschäft mit der Kernspaltung bereits zurückgelassen hat, um eine fremde, geheimnisvolle Welt einzufangen, die sich sonst unter dem Hinweis auf die Sicherheit weitgehend vor der Öffentlichkeit verschließt.

Die Realität überholt das Kino

Nun aber hat die Realität das Kino überholt. Eine Erfahrung, die auch Regisseur Sattel überrascht hat und mit einem gewissen Unwohlsein zurücklässt. "Der Film ist erst einmal der gleiche geblieben", sagte er nach einer Vorführung kürzlich in Berlin, "andererseits sind die Bilder auch eine Projektionsfläche und diese Projektoren können sich beim Betrachter verschieben." Dass sein Film, der ursprünglich "das Spannungsfeld zwischen einer einstigen Utopie und deren Hinterlassenschaften" beleuchten sollte, plötzlich eine schreckliche Aktualität gewonnen hat, "das hat etwas Unheimliches".

Dieses unheimliche Gefühl stellt sich nun auch beim Betrachten von Sattels höchst ästhetischen Bildern ein, auch wenn sich "Unter Kontrolle" seinem Gegenstand mit größtmöglicher Neutralität und vollkommen frei von ideologischen Vorurteilen nähert: In ruhigen Einstellungen wird die sterile Welt der Kernkraftwerke und Zwischenlager erforscht, zu Wort kommen Betreiber und Mitarbeiter, aber nur wenige Kritiker. Sattel zeigt Männer in blauen Overalls, die gelangweilt ihre Routine vor Wänden mit verwirrend blinkenden Lämpchen abspulen und in einer unverständlichen Geheimsprache reden. Er folgt ihnen in Umkleidekabinen, in Sitzungsräume und in den Turbinenraum. Er beobachtet die Wäschetrommeln, in denen die gelbe Schutzkleidung rotiert. Er studiert die Maßnahmen gegen Kontamination, die die Kraftwerksarbeiter täglich durchlaufen müssen.

Abschied von einer Utopie

Mit meist statischer Kamera, in mitunter schmerzhafter Ruhe, erschließt sich eine seltsame Welt, in der nur Männer agieren. Die einzige Protagonistin in "Unter Kontrolle" ist zuständig für den Rückbau eines abgeschalteten AKWs: Eine Frau macht den Müll der Männer weg. Diese Männer aber gehen weiter mit der Kernkraft um, so wirkt es manchmal, als würden sie im Keller mit ihrer Modelleisenbahn spielen. Sie sind, wenn sie nicht einfach nur einen Job machen, gefangen von der Begeisterung für die Technologie. Die Strahlung aber ist unsichtbar, die Bedrohung wird vom System systematisch ins Reich der Abstraktion verwiesen. Die Gefahr wirkt, zumal aus der Mitte der Atomindustrie betrachtet, irreal – wie ein Märchen, das sich Kernkraftgegner ausgedacht haben.

Das ist die grausame Ironie von "Unter Kontrolle", die der Film fast widerwillig, auf jeden Fall ungeplant entwickelt. Auch ohne die Katastrophe in Japan im Hinterkopf stellt sich unweigerlich eine Erkenntnis ein: Die Kernenergie steckt in der Sackgasse. Im Kühlturm des niemals in Betrieb genommenen Schnellen Brüters in Kalkar dreht sich ein Kinderkarussell, kein Kommentar ist nötig, um zu sagen: Die Atomkraft ist eine Technologie aus einem untergegangenen Zeitalter, als der Mensch noch fest an den immerwährenden Fortschritt ohne Rückschläge glaubte. Sie ist eine Idee im Stillstand, ein nie eingelöstes Versprechen auf eine Zukunft, die längst verloren ist. Volker Sattel hat einen Abgesang gedreht. Auch wenn er das eigentlich nicht gewollt hat. Aber nach Fukushima ist eben alles anders.

Unter Kontrolle, Dokumentarfilm, Deutschland 2010, Regie: Volker Sattel, Buch: Volker Sattel, Stefan Stefanescu, 98 min, Kinostart: 26. Mai 2011 bei Farbfilm

Fotos: ©Verleih

Thomas Winkler schreibt über Film, Musik und Sport.



Mehr Infos zu "Unter Kontrolle"

Die deutsche Webseite zu "Unter Kontrolle"
Infos zu "Unter Kontrolle" auf filmportal.de
Filminfos in der Internet Movie Database
Mehr Artikel zu "Unter Kontrolle" auf filmz.de
Filmtipp von Vision Kino
"Unter Kontrolle" auf kinofenster.de




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)