Aber das Leben geht weiter

Dokument der Versöhnung

Kinostart: 19.5.2011 | Jarek Godlweski | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wer kennt sie nicht, die Geschichten älterer Familienmitglieder? Meist sind es Fragmente, einprägsam zugespitzte Anekdoten, die bei Festen die Runde machen. Manchmal bleiben diese für immer unvollständig erzählt und verbergen ihren oft dramatischen geschichtlichen Zusammenhang. Karin Kaper und Dirk Szuszies gehen in ihrem Dokumentarfilm "Aber das Leben geht weiter" zwei Familiengeschichten nach. Ihr roter Faden findet in dem polnischen Ort Platerówka seinen Knoten. Platerówka, früher Niederlinde, liegt im deutsch-polnischen Grenzgebiet, östlich von Görlitz. Hierher verschlägt es die Filmemacherin mit ihrer Mutter Ilse sowie der Tante Hertha und es kommt unter anderem zu Begegnungen mit Menschen aus deren Jugend. So lernt der Zuschauer drei polnische und drei deutsche Frauen aus mehreren Generationen kennen, die in vertrauter Runde ihre Familienschicksale erzählen, die sich kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in diesem Dorf kreuzten. Geprägt sind ihre Erzählungen vor allem durch Kriegserfahrungen, Flucht, Vertreibung, aber auch Solidarität.

Im Vordergrund dieser Dokumentation steht die Geschichte der Bauernfamilie Queißer, die nach Kriegsende die östlichen "Reichsgebiete" verlassen musste, welche 1945 im Zuge des Potsdamer Friedensabkommens Polen zugesprochen wurden. Gleichzeitig wird das Schicksal der polnischen Familie Żukowski geschildert, die 1940 von der Sowjetarmee aus Ostpolen vertrieben und nach dramatischen Irrwegen 1945 in dem ehemals deutschen Ort angesiedelt wurde. Somit dokumentiert der Film anhand persönlicher Erzählungen die deutsche Geschichte um Flucht und Vertreibung und bereichert diese durch die bisher weniger besprochene polnische Perspektive. "Aber das Leben geht weiter" ist eine Geschichtsdokumentation im Stile einer Oral History, die durch die teilweise Präsenz der Regisseurin und die intime Erzählweise der Figuren ihren familiären Charakter beibehält. Der Film ist klassisch aufgebaut und arbeitet mit Interviews, die mit Fotos, altem Super-8-Material oder Zugreisebildern unterschnitten werden. Diese Dokumentation versucht nicht neue Formen der Geschichtsdarstellung auszuloten. Vielmehr gibt sie ihren Zeitzeuginnen den Raum, ihr Schicksal vollständig zu erzählen. Obwohl dies an manchen Stellen zu gewissen Längen führt, stellt der Film zum 20. Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags ein versöhnliches Dokument dar.
Jarek Godlweski

Aber das Leben geht weiter, Dokumentarfilm, Deutschland 2010, Buch & Regie: Karin Kaper, Dirk Szuszies mit Karin Kaper, Ilse Kaper, Hertha Christ, Edwarda Żukowska, Maria Wojewoda, Gabriela Matniszewska u.a., 104 min, Kinostart: 19. Mai 2011 bei Karin Kaper Film

Foto: ©Verleih



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