Tee im Harem des Archimedes

Desolate Jugend aus den Pariser Vorstädten

Kinostart: 9.5.2011 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

In Frankreichs Klatschspalten war kürzlich ein kleiner Rassismus-Skandal zu vermelden: Der französische Fußball-Nationaltrainer Laurent Blanc soll bei einem Verbandstreffen eine Quotenregelung für Nachwuchs-Spieler afrikanischer Herkunft befürwortet haben, weil der robuste Körperbau der Afrikaner der Spielkultur der "Équipe tricolore" nicht förderlich sei. Die Pläne wurden publik, weil ein anwesender Journalist das Gespräch aufgezeichnet und veröffentlicht hatte. Ein peinlicher Faux Pas, doch in Frankreich scheint das in etwa zum guten Ton zu gehören. Überraschend war vielmehr, dass dieses rassistische Bonmont ausgerechnet aus dem Mund Blancs kam, der 1998 als Kapitän erstmals eine multikulturelle französische Nationalmannschaft zum Weltmeistertitel geführt und damit die "Grande Nation" für einen historischen Moment geeint hatte. In der allgemeinen Euphorie wurden die offiziellen Landesfarben der Tricolore sogar in "black-blanc-beur" – Schwarz, Weiß, Braun für die maghrebinischen Spieler – umbenannt. Trotzdem pflegen die Franzosen bis heute ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Landsleuten mit Migrationshintergrund. Man erinnert sich noch gut an die Aufforderung des ehemaligen Innenministers Nicolas Sarkozy anlässlich der Unruhen in den Pariser Banlieues 2005, die jugendlichen Randalierer einfach "wegzukärchern".

Streetwise statt Hochkultur

Als der aus Algerien stammende Autor und Filmemacher Mehdi Charef 1985 sein Regiedebüt "Tee im Harem des Archimedes" auf den Filmfestspielen in Cannes vorstellte, war allein schon die Vorstellung eines ethnisch integrierten Frankreichs blanke Utopie. Die gesellschaftlichen Gräben waren tief. Der siebzehnjährige Algerier Madjid, Charefs Alter Ego, bekommt dies täglich zu spüren. Auf der Straße wird er schief angeguckt, einmal hetzt ein Nachbar im Treppenhaus zu seiner Belustigung seinen Hund auf ihn. Doch Madjid und sein straßenschlauer Freund Pat schlagen die gewöhnlichen Rassisten mit ihren eigenen Waffen. Als die Jungen in der Metro einem Passanten die Brieftasche stehlen, verhält Madjid sich auffällig genug, so dass er sofort von einigen Mitfahrern gestellt und gewaltsam durchsucht wird. Pat entkommt mit der Beute.

Spiralen der Langeweile

Vieles in "Tee im Harem des Archimedes" erinnert an ein Spiel: das Flanieren durch die Straßen, das gelangweilte Abhängen mit den Freunden auf Häusertreppen und in der einzigen Kneipe ihres Viertels oder die kleinen Diebstähle und Trickbetrügereien, um sich über Wasser zu halten. Das war damals ein völlig neuer Ton im französischen Kino, das sich aus seiner Geschichte heraus immer als bürgerliches Forum verstanden hatte. Auch wenn das französische Kino auf eine lange sozialkritische Tradition zurückblickt, sind selbst unter dem Sozialisten François Mitterand die Anliegen der französischen Immigranten, ähnlich wie in Deutschland die so genannten "Gastarbeiter", im Kino kaum thematisiert worden. Mit "Tee im Harem des Archimedes" meldete sich erstmals ein Immigrant der zweiten Generation selbst zu Wort, um seine Sichtweise der französischen Gesellschaft zu zeigen. Eine Sichtweise, die mit dem Selbstverständnis einer großen Kulturnation wenig zu tun hat. Der Film basierte auf Charefs Jugenderinnerungen als Migrantenkind in den Pariser Vorstädten der 1960er-Jahre, die er zuvor bereits in Buchform veröffentlicht hatte: eine Mischung aus Jugendroman und Schelmenstück im Stil von Mark Twains "Tom Sawyer und Huckleberry Finn", eine gesellschaftliche Realität von der Peripherie her beschreibend.

Isolation und Familienunglück

Die Jugendlichen bewegen sich ziellos durch diese Peripherie. Madjid würde gerne eine Ausbildung anfangen, auch um das ewige Lamentieren seiner Mutter nicht mehr hören zu müssen, die die vielköpfige Familie allein durchfüttern muss. Madjids Vater hat seit langer Zeit kein Wort mehr gesprochen. Jeden Abend muss Madjid ihn aus der Kneipe abholen: einen gebrochenen Mann, der sich selbst aufgegeben hat. Aber Madjids Streben nach ein wenig Anerkennung und ein wenig Teilhabe werden immer wieder Steine in den Weg gelegt. Das Arbeitsamt bietet keine Ausbildungsplätze für Migranten an und sein Sachbearbeiter ist ein Rassist. Also landet Madjid zwangsläufig auf der Straße, zusammen mit Pat und den anderen Kids. Pat hat die Hoffnung sowieso längst aufgegeben. Arbeit interessiert ihn nicht, er schlägt sich lieber mit Diebstählen und Zuhälterei durch; einmal verhökern er und Madjid eine alkoholkranke Mutter für eine schnelle Nummer an die Bewohner einer Barackensiedlung. Charef schildert das ohne Vorbehalt, auch das ist ein Teil seiner Realität. Moralisch urteilen sollen andere.

La Règle du Jeu

"Tee im Harem des Archimedes" beschrieb schon zehn Jahre vor Mathieu Kassovitz' Jugenddrama "Hass" ein zutiefst desolates Bild von den Pariser Banlieues. Madjid und Pat sind nicht die einzigen Figuren, die keinen Ausweg mehr sehen. Ein Nachbar Madjids trinkt und prügelt seine Frau. Josette, die während der Arbeit ihren Sohn bei Madjids Familie unterbringt, verliert Mann und Job und will sich irgendwann lieber aus dem Fenster stürzen als weiterzuleben. Und Pats Schwester behauptet, einen Bürojob zu haben, geht in Wirklichkeit aber auf den Strich. Einziger Hoffnungsschimmer des Films ist eigentlich die Freundschaft der Jugendlichen, die sich gegen das Bollwerk aus Langeweile, Perspektivlosigkeit und Frustration zusammenraufen. Charef hat vor allem mit Laiendarstellern gearbeitet, was seinem Film eine schöne Glaubwürdigkeit verleiht. Er verzichtet weitgehend auf Inszenierungen, sondern lässt den Darstellern ihren Freiraum und, noch wichtiger, ihre eigene Sprache. Der Migrant Madjid beherrscht das Französische besser als der Analphabet Pat. Der Filmtitel spielt auf eine Verwechslung im Schulunterricht an, in dem ein Schüler das Theorem des Archimedes erklären soll. Pat sagt es ihm falsch vor, und so wird aus dem Theorem ein "Tee im Harem".

Die Banlieues haben ihre eigenen Regeln. Im heutigen Sprachgebrauch wird das auch gerne mit "Parallelgesellschaft" umschrieben. "Tee im Harem des Archimedes" zeigt, dass dieses Gesellschaftskonstrukt nicht ethnisch, sondern sozial bedingt ist. Am unteren Ende der Hierarchien zählt nur noch Solidarität.

Andreas Busche

Fotos: Verleih







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