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In the Mood for Love

Der Kameramann Christopher Doyle

17.2.2004 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Ausstellung "Close to Chris" scheint zu atmen: Man meint, den Dunst der Garküchen zu riechen, hört das Klingeln der nächtlichen Fahrräder ... und landet auf den Fotografien des Kameramanns Christopher Doyle. Seit dem 7. Februar 2004 ist in Berlin nun Doyles erste deutsche Ausstellung "Close to Chris - Work by Christopher Doyle" zu sehen. Als Ausstellungsraum bietet sich der 11. Stock des Lichtturms der ehemaligen Lampenfabrik Narva, einem Industriedenkmal, geradezu an. Bei Einbruch der Dunkelheit erlebt der Betrachter ein beeindruckendes Spiel der Sinneseindrücke: In der rundum verglasten Galerie widerspiegelt das erleuchtete Panorama Ost-Berlins Doyles faszinierende Bilder.

Den Riten der Stadtmenschen auf der Spur

Wer sich heute ein Bild vom Leben in Hongkong zu machen versucht, landet unweigerlich bei den Filmen des Regisseurs Wong Kar-Wai. So stilbildend waren Mitte der 1990er-Jahre seine Filme "Chungking Express" und "Fallen Angels", dass sie kurz vor der Übergabe Hongkongs an China, der viele Stadtbewohner sorgenvoll entgegenblickten, zum ästhetischen Selbstverständnis wurden. Wongs Filme lieferten die vollkommene, modernistische Idee eines metropolitanen Lebens: schnell, hektisch, in ihren Bewegungen leicht verzerrt, mit kräftigen Farben und immer mit einer Spur Sentimentalität. Selbst wer nie einen Film Wong Kar-Wais gesehen hatte, konnte sich dieser Ästhetik nicht entziehen: Die flimmerigen Bilder zogen ihre Spur durch die Musikclip- wie durch die Werbeindustrie bis hin zur asiatischen Tourismusbranche. Ein Name ist eng verbunden mit diesem stilvollen Bilderrausch: Christopher Doyle, der langjährige Kameramann Wong Kar-Wais.

Bilder machen, Welt festhalten

Neben seinem Einsatz als "Director of Photography" hat sich der 1952 in Australien geborene Christopher Doyle in den letzten Jahren auch verstärkt der Fotografie gewidmet. Die Schönheit seiner Bilder besteht auch darin, dass Menschen in ihnen keineswegs nur Staffage sind. Das Kontinuum von Raum-Zeit-Mensch, das sich in allen Filme Wongs wieder findet, ist auch ein wichtiges Motiv von Doyles Fotografien. Der Faktor "Zeit" ist es insofern, als dass der Moment, den seine Fotos festhalten, ein rein willkürlicher zu sein scheint - der in einer Folge von Shots jedoch auch für sich genommen an Ausdruckskraft gewinnt. Der Bruchteil einer Sekunde, in der Doyle den Auslöser drückt, ist bei ihm von entscheidender Bedeutung - und dabei doch nicht wichtiger als jeder andere Augenblick. Ein schönes Paradoxon.

Camp, Sex, Style

In Asien gilt Christopher Doyle längst als der Hype unter den zeitgenössischen Fotografen, der ähnlich wie der deutsche Shooting-Star Wolfgang Tillman, Menschen in ganz bestimmten Lebenssituationen festhält. Doyles Ästhetik mit einem Lebensgefühl zu vergleichen, wäre allerdings übertrieben. In der steten Wiederholung stilistischer Mittel - schöne einsame Menschen und sinnlich überwältigende Milieus - hantieren Doyles Bilder zunächst mit reinen Klischeevorstellungen eines pulsierenden, urbanen Lebens in einer der molochartigen Metropolen Asiens. Aber Doyles unkonventionelle Handhabung des Materials, seine impulsiven Schnappschüsse, entheben seine Motive augenblicklich wieder dem Vorwurf eines Abziehbildes.

Hier gibt's was aufs Auge!

In die Berliner Ausstellung haben knapp dreißig solcher Motive Eingang gefunden: großformatige Fotografien, in Glaskästen erleuchtete Foto-Collagen und eine Video-Installation. Die Auswahl zeigt, wie vielschichtig und variabel die Arbeiten von Christopher Doyle tatsächlich sind. "Einen Film wie 'Chungking Express'", sagt Doyle, "könnte ich heute gar nicht mehr machen. Ich würde ihn völlig in den Sand setzen. Das war zu einer ganz bestimmten Zeit an einem ganz bestimmten Punkt meiner Karriere. Kar-Wai und ich haben uns schon lange davon fortbewegt."

Eintauchen leicht gemacht

Die Fotografien in "Close to Chris" reflektieren sowohl Doyles Methode - seinen genauen und dann auch wieder sehr nonchalanten Blick für seine Umwelt - als auch die Filme, an denen er in den letzten fünfzehn Jahren mitgewirkt hat: Neben den Wong-Kar-Wai-Filmen (weitere sind "Happy Together" und "In the Mood for Love") gehören dazu Gus van Sants Hitchcock-Remake "Psycho", Philipp Noyces "Der stille Amerikaner" oder das Schwertkämpfer-Epos "Hero" von Zhang Yimou. Man sieht so zum Beispiel das in warmes, mitunter schmerzhaft gleißendes Licht getauchte Appartment aus "In the Mood for Love", in dem sich Schönheit und Verfall abzeichnen. Ein unscharfes Selbstpoträt Doyles, gebrochen in einem Schminkspiegel. Oder eine sehr körnige Fotografie eines Mannes von hinten, vor einem Schiff stehend, stark dominiert von Blau-Schwarz-Kontrasten. Auch wenn sie wunderschön organisiert wie Kompositionen anmuten, ist das Faszinierende dieser Fotos doch ihre Sprödheit. Im Kontrast dazu steht das großformatige "Firehouse", das herausragende Bild der Ausstellung. Alles ist hier in Bewegung und das Feuer der erleuchteten Großstadt verschmilzt mit den Figuren, die innerhalb des Bildes keinen Bezug zueinander finden.

Facts & Fiction

Was Doyle an genau diesen Motiven interessiert hat - und er will dies auf keinen Fall als Arbeitsthese verstanden wissen, mehr als Thema seiner Arbeit - ist, wie sich der Übergang der Realität des Films zur Realität eines Filmsets vollzieht. Und an welchem Punkt Fantasie und Wirklichkeit ineinander übergehen. Tausenden von Fotografien hat er diesem Augenblick zwischen dem "Cut" des Kameramanns und dem Wiedereintauchen der Schauspieler gewidmet. Die Bilder in "Close to Chris" befinden sich mitten in diesem Prozess. Jedes einzelne Motiv, auch aus dem Kontext einer bildlichen Abfolge bloßer Schnappschüsse gelöst, hat einen bleibenden Wert - als Moment-
aufnahme. Wer will sich schon anmaßen, die Bedeutung eines Augenblicks gegen einen anderen abzuwägen? Christopher Doyle sicher nicht. Und darum muss er auch immer weiter reisen und weiter fotografieren, damit er auch bloß nichts verpasst.

Fotos: Christopher Doyle

Andreas Busche lebt in Berlin und schreibt für und über die Kulturindustrie.

Die Ausstellung "Close to Chris - Work by Christopher Doyle" läuft noch bis zum 20. März 2004.

Adresse: Narva Turm in der Oberbaum City, 11. Stock, Rotherstraße 11, Berlin-Friedrichshain

Öffnungszeiten: Donnerstags ab 16 Uhr und nach Verabredung. Tel.:
030-293 35 10



www.idz.de
Website des Internationalen Designzentrums, Ausstellungsort

www.dvd-narr.info/kameradb.php?kameraid=341
Informationen zu Christopher Doyle

www.hff-potsdam.de
An der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam kann man Kamera studieren.

www.hff-muc.de
An der Filmhochschule in München finden sich ebenfalls hervorragende Möglichkeiten, um Kamera zu studieren.

www.fernsehakademie.de
Auch an der Bayerischen Fernsehakademie ist ein Kamerastudium möglich.

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