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Die meisten Straßenkinder erzählen von Gewalt in der Familie, von Unverständnis und Lieblosigkeit und dem Wunsch, diesem Zustand endlich zu entkommen, und sei es in die Clique der Drogen-Punks auf dem Berliner Alexanderplatz oder am Bahnhof Zoo.
Ähnlich ergeht es auch Antoine im Paris von 1959: Er ist ein ungewolltes Kind, ein Betriebsunfall, und das lassen ihn seine Mutter und sein Stiefvater täglich spüren. Antoine ist der Esser zu viel am Tisch, ein Kind, das Aufmerksamkeit fordert und braucht, die ihm niemand geben will. Auch die Schule kann die häuslichen Spannungen nicht auffangen und ausgleichen, im Gegenteil: Ende der 1950er-Jahre wird hier ein rigides Regiment geführt. Platz für ein gutes Wort, ein Lob gibt es nicht. Die Schule ist eine Pflichtveranstaltung, an der Antoine mit täglich wachsender Abneigung und Desinteresse teilnehmen muss.
Zusammen mit seinem Freund René beginnt er durch ein frühlingshaftes Paris zu schlendern, sie rauchen ihre ersten Zigaretten, teilen sich den Wein, machen Halt vor einem Kinoplakat, es kündigt einen Film des Truffaut-Freundes Jacques Rivette an, lungern auf dem Rummelplatz herum, wo sich der Regisseur in seinem Debütfilm einmal mehr an seinem großen Vorbild Alfred Hitchcock orientiert und sich ganz wie der Altmeister einen Gastauftritt gönnt.
Mit seinem ersten Langfilm begründete der damalige Filmkritiker Truffaut eine neue, revolutionäre Filmepoche – die "Nouvelle Vague". Die Autoren und Filmkritiker der französischen Filmzeitschrift Les Cahiers du cinéma um den Gründer und Filmrezensenten André Bazin schwärmten von amerikanischen Gangsterfilmen, wenn sich die Flüchtenden auf nassem, schwarzem Asphalt gegenseitig killen wie in den Filmen von Howard Hawks. Es waren insbesondere die Autoren François Truffaut, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Eric Rohmer und Claude Chabrol, die nach dem Aufkommen des italienischen Neorealismus eine neue Formensprache und Erzählweise für ihr Großstadtkino suchten. Truffaut kritisierte den zeitgenössischen Film radikal: Er sprach von "geleckter Fotografie, ausgeklügelten Einstellungen und komplizierten Belichtungseffekten"; Blendwerk, das die eigentliche Geschichte, die persönliche Geschichte verfehlte. "Les Quatre Cents Coups" bleibt dicht an seinem Helden Antoine, verlässt ihn nie.
Es geht gar nicht anders als die Position von Antoine zu übernehmen. Es wird auf ihn eingeschrien, geschlagen, und die Mutter, der eigentliche Vater spielen überhaupt keine Rolle mehr. Die Mutter, die alles andere will, als ein Kind großzuziehen, versucht ihren Jungen zum Komplizen zu machen, weil sie fremdgeht. Auf niemanden ist Verlass. Der Regisseur François Truffaut verarbeitete mit seinem Erstlingsfilm, der gleich die Goldene Palme in Cannes gewann, seine eigene Kindheit und Jugend. François Truffaut wurde 1932 als uneheliches Kind geboren. Seine Mutter heiratete, doch der Junge wurde zur Großmutter abgeschoben und erst mit zehn Jahren kam er wieder zurück. Truffaut erlebte für immer prägende Ereignisse, landete in Erziehungsheimen wie Antoine Doinel und trat freiwillig in die Armee ein, aus der er "unehrenhaft" entlassen wurde.
Der Filmkritiker Truffaut sorgte mit seinem ersten Spielfilm, der ein Cinéma-Vérité-Paris aus der Perspektive eines kommenden Teenies zeigt, für Aufruhr. So etwas gab es noch nicht – und gibt es heute noch viel zu selten: dass jemand die Position eines Kindes, des Jugendlichen annimmt, ihn verteidigt und auch noch lieb hat. Zum Ende des Films rennt Antoine, auf der Flucht aus einem Erziehungsheim, als wenn er noch einmal mit dem Leben neu anfangen will: ohne zurückzublicken, ohne Halt zu machen. Endlich ist er am Meer. Truffaut friert diesen Moment des Ankommens im Nichts des Wattenmeers in einem Still ein. Im Übrigen wird der deutsche Titel dem französischen nicht gerecht. Les quatre cent coups meint: Ich kann vierhundert Mal Mist bauen. Und vielleicht liebt ihr mich ja doch.
Silke Kettelhake
Fotos: Verleih
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