Wie soll man Gewalt begegnen? Lieber mit Vernunft und Friedfertigkeit oder soll man dem Angreifer Paroli bieten, um ihn abzuwehren? Insbesondere auf die Aggressionen Jugendlicher adäquat einzuwirken, ist heutzutage eine große gesellschaftliche Herausforderung. Der individuelle Umgang mit Gewalt in unterschiedlichen Erscheinungsformen ist das zentrale Thema des neuen Films der dänischen Regisseurin Susanne Bier. Es sei angemerkt, dass die deutsche Übersetzung des dänischen Originaltitels einseitig deutend und damit irreführend ist, denn "Hævnen" bedeutet "Vergeltung" oder "Rache" – zumindest gibt sie aber einen Hinweis auf ein Drama geradezu biblischen Ausmaßes.
Der Arzt Anton (Mikael Persbrandt) ist Pazifist, seine Überzeugung, Konflikte grundsätzlich friedlich lösen zu können, scheint unerschütterlich. Einen Großteil seiner Zeit verbringt er in Afrika. In einem Flüchtlingscamp sichert er die medizinische Versorgung der Menschen, deren Lage katastrophal ist. Verschärft wird diese noch durch einen sadistischen Warlord, der mit seinen Anhängern Angst und Schrecken unter den Leuten verbreitet und schwangeren Mädchen und Frauen die Föten aus dem Leib schneidet. Eines Tages wird Antons Überzeugung als Mensch und Arzt auf die Probe gestellt, als der Mörder mit einer schweren, infizierten Wunde zu ihm in Behandlung kommt …
Zu Hause in Antons dänischer Heimat gibt es ebenfalls Probleme: Seine Frau Marianne (Trine Dyrholm) kann ihm einen Seitensprung nicht verzeihen und möchte sich trennen. Der ältere seiner beiden Söhne, Elias (Markus Rygaard), wird in der Schule gemobbt. Der von seinen Mitschülern "Rattengesicht" genannte schüchterne und sensible Junge findet in Christian (William Jøhnk Nielsen) einen Freund. Dieser ist neu an der Schule und fühlt sich mit seinen Problemen ähnlich allein gelassen wie Elias: Seine Mutter ist vor kurzem gestorben, sein Vater Claus (Ulrich Thomsen) ist beruflich viel unterwegs und in der wenigen Zeit, die er zu Hause ist, mit seinem eigenen Schmerz beschäftigt.
Christian repräsentiert in Susanne Biers dramaturgischem Konstrukt so etwas wie den Gegenpart zu Anton; er hat eine ganz andere Vorstellung von Konfliktlösung und ist überzeugt, Angriffe nur durch noch massivere Gegenwehr abwenden zu können: So schlägt er, als er Elias Peiniger nach einer verbalen Warnung ein weiteres Mal dabei erwischt, wie sie seinen Freund schikanieren, deren Anführer krankenhausreif und bedroht ihn mit einem Messer. Sein Konzept scheint vorerst auch aufzugehen, denn Elias wird fortan in Ruhe gelassen. Dann spitzt sich die Lage an einem anderen Schauplatz zu: Anton gerät bei einem Heimatbesuch auf einem Spielplatz in einen Streit mit einem anderen Vater, der umgehend handgreiflich wird. Da sich Anton seiner Natur und Überzeugung gemäß nicht wehrt, sondern den Angriff auch bewusst vorbildhaft für die anwesenden halbwüchsigen Jungs an sich vorbeirauschen lässt, sinnt Christian stellvertretend für ihn auf Rache – das Unglück nimmt seinen Lauf.
Susanne Biers Film funktioniert wie ein ausgetüfteltes Planspiel, bei dem verschiedene ethische und moralische Positionen und daraus resultierende Möglichkeiten zu agieren oder reagieren gegenübergestellt werden. Herkunft und Bildung mögen dabei eine gewisse Rolle spielen, sind aber nicht maßgeblich beteiligt. Sowohl Antons als auch Christians klare Haltung werden in Anbetracht der erlebten Realitäten in Frage gestellt. Bier plädiert zwar eindeutig für eine gewaltfreie Konfliktlösung und Nächstenliebe, garantiert aber keinen hundertprozentigen Erfolg damit. Nach einer radikalen Zuspitzung, aus der keine der von den Protagonisten gewählten Strategien einen Ausweg zuzulassen scheint, gibt es am Ende die reinigende Katharsis, alle sind einsichtig – ein Happyend ganz in Hollywoodmanier.
Obwohl es ziemlich schade ist, eine so komplexe und differenzierte Geschichte am Ende eindimensional positiv einzuebnen und auslaufen zu lassen, ist Biers Film intellektuell anregend, emotional mitreißend und wirkt auch auf der sinnlichen Ebene – tolle Bilder, toller Soundtrack – sehr stark. Besondere Erwähnung soll auch den Schauspielern zukommen, die sowohl in der Einzel- als auch Ensembleleistung überragend agieren – neben den durch zahlreiche Kinofilme bekannten erwachsenen Darstellern stechen William Jøhnk Nielsen und Markus Rygaard als Christian und Elias durch ihr intensives und tief gehendes Spiel heraus. Vollkommen nachvollziehbarerweise wurde der Film mit dem Oscar sowie dem Golden Globe für den besten ausländischen Film ausgezeichnet.
(Hævnen) Dänemark, Schweden 2010, Regie: Susanne Bier, Buch: Anders Thomas Jensen, mit Mickael Persbrandt, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Markus Rygaard, William Jøhnk Nielsen u.a., 113 min, Kinostart: 17. März 2011 bei Universum
Fotos: ©Verleih
Stefanie Zobl ist Journalistin in Berlin.
www.ineinerbesserenwelt-film.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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