Almanya - Willkommen in Deutschland

Jibberisch für Anfänger

Kinostart: 10.3.2011 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was bin ich denn nun, Deutscher oder Türke? Das fragt sich irritiert der sechsjährige Cenk Yilmaz, als er weder von seinen deutschen noch von seinen türkischen Mitschülern in die Fußballmannschaft gewählt wird. In Yasemin Samderelis prallbunter Familienkomödie "Almanya - Willkommen in Deutschland" erfährt der Junge plötzlich, dass er "irgendwie anders" ist. Dabei hat er eine deutsche Mutter, ist – wie bereits sein Vater Ali – in München geboren und spricht nur Deutsch. Im Unterricht erklärt ihm die Lehrerin, dass der Geburtsort Anatolien seines türkischen Großvaters Hüseyin nicht zu Europa gehört. Die Karte markiert Istanbul als Grenze – eine Metapher für all die unsichtbaren Grenzen, die Cenk früh zu spüren bekommt.

Leben mit zwei Kulturen

All die Absurditäten, die das Leben zwischen und mit zwei Kulturen mit sich bringt, sind Thema der türkischstämmigen, 1973 in Dortmund geborenen Regisseurin, die sie allerdings mit viel Witz und Ironie angeht. Wenige Filme versuchten bisher so unverkrampft die Probleme von Einwanderern aus der Türkei zu schildern. Mit Empathie wird das Publikum gewonnen, indem die Filmemacherin es die kindliche Perspektive der Migranten einnehmen lässt. Das erlaubt unaussprechliche Dinge beim Namen zu nennen.

Yasemin Samdereli hat bereits Drehbücher für die beliebte TV-Serie "Türkisch für Anfänger" geschrieben und war Regisseurin der Multi-Kulti-Liebeskomödie "Alles getürkt" (2002). Nun hat sie mit ihrer Schwester Nesrin das Drehbuch für ihren ersten Kinofilm geschrieben, inspiriert von lustigen Anekdoten aus der eigenen Kindheit und Familienerinnerungen. Ihr Film über einen Gastarbeiter im deutschen Wirtschaftswunderland und dessen Familie stimmt positiv und nimmt die Normalität zum Maßstab, wie sie für das liberale Elternhaus der Geschwister Samdereli typisch war. So porträtiert "Almanya - Willkommen in Deutschland" auch eine gut integrierte Familie und nicht – wie in deutschen Filmproduktionen oft üblich – eine Problemfamilie. Dargestellt werden nicht "Muslime", "Türken" oder "Arbeitskräfte", sondern "Menschen", die uns mit ihren Hoffnungen, Träumen und Auseinandersetzungen interessieren.

Eine Familie in Deutschland

Die Geschichte beginnt, als Großvater Hüseyin Yilmaz, der kurz vor seiner Einbürgerung steht, seine Großfamilie bei einem Essen mit der Mitteilung überrascht, er habe sich in der Türkei ein Haus gekauft. Nun will er, dass die gesamte Familie dorthin reist. Canan, die Cousine des kleinen Cenk, ist wie die anderen von der Idee nicht gerade begeistert. Die Studentin hat andere Sorgen. Sie ist von ihrem Freund ungeplant schwanger und weiß nicht, wie sie es ihrer Mutter sagen soll. Um Cenk über seine Wurzeln aufzuklären, beginnt sie ihm die Familienlegende zu erzählen. Diese Geschichte in der Geschichte holt episodenhaft die Vergangenheit der Großeltern zurück und beschreibt deren Ankunft in der Bundesrepublik in den 1960ern, während gleichzeitig – in umgekehrter Richtung – die Familie zurück zu ihren Wurzeln reist.

Am 10. September 1964 wurde am Bahnhof Köln-Deutz der millionste "Gastarbeiter" mit Blasmusik begrüßt. Dass sie einst von Deutschland "gerufen" und geehrt wurden, daran will Yasemin Samdereli erinnern. Durch einmontierte Fotos, dokumentarische schwarzweiße Archivaufnahmen und kitschige Schlager entsteht ein nostalgisches Zeitkolorit. Die Regisseurin erfindet mit dem Lebensweg von Hüseyin Yilmaz die Geschichte des Eine-Million-und-ersten-Gastarbeiters und entrollt sie in idyllischen Bildern: der attraktive Hüseyin als Ziegenhirte im anatolischen Dorf, die romantische Entführung von Fatma, die er heiraten wird, dann die Armut in der Großstadt und das Versprechen, durch Arbeit in der Bundesrepublik reich zu werden. Nach dem Nachzug von Frau und den drei Kindern kommt Cenks Vater Ali als viertes Kind in München zur Welt.

In der Fremde

Die Deutschen in den Augen der Neuankömmlinge sind kleine, fabelhafte Beobachtungen. Der Humor sorgt dafür, dass Vorurteile schnell außer Kraft gesetzt werden und beide Seiten mit- und übereinander lachen können. So träumt etwa der kleine Muhamed vor der Abreise, wie der ans Kreuz geschlagene Jesus als Kannibale über ihn herfällt. Deutsche schlafen mit ihren Hunden im Bett und sind dreckig, was Fatma veranlasst, als Erstes die Toilette in der neuen Wohnung zu schrubben. Und vor allem: Diese Deutschen sprechen eine seltsame Sprache, nämlich "Jibberisch". Die ist nicht nur für die Familie Yilmaz unverständlich, sondern bleibt selbst den Ohren eines deutschsprachigen Kinopublikums fremd und versetzt es so in die Lage der Familie Yilmaz. Die Kunstsprache unterstreicht den fremden Sprachklang; ein Stilmittel, das auch schon Charlie Chaplin in "Der große Diktator" einsetzte. Zugleich wird gezeigt, wie die Kinder immer "deutscher" werden. Im Prozess der Aneignung des Fremden stört die Kultur des Vaters nur ("Schnurrbärte sind nicht schön!"). Das Weihnachtsfest klappt in der Nachahmung nicht so, wie es sein soll. Lange Gesichter, als Mutter Fatma unverpackte Geschenke unter einen mickrigen Tannenbaum legt.

Über Heimat und Identitäten

Viel sagend ist auch eine Episode, in der das alte Ehepaar Yilmaz deutsche Pässe bekommt. Für Fatma, die ihr bestes Kleid anzieht, ein feierliches Ereignis und ein Zeichen für Anerkennung. Doch ihr Mann kann sich nur schwer als Deutscher fühlen. Mit dem Pass verbindet er Selbstaufgabe, deutsche Leitkultur und Schweinsbraten. Was bedeutet Nationalität? Geht die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft einher mit dem Verlust der eigenen kulturellen Indentität?

Bewusst wird in "Almanya - Willkommen in Deutschland" auf Ehrenmorde und langweilige Stereotypen verzichtet. Fanatiker, Kriminelle, Kopftuchmädchen oder autoritäre Väter treten nicht auf. Großvater Hüseyin nimmt es locker, als Canan ihm ihre Schwangerschaft beichtet. Auch Alis deutsche Frau wird ohne Probleme als Teil der Großfamilie Yilmaz akzeptiert. "Almanya" führt vor, dass muslimische Lebenswelten weit vielfältiger sind, als manch einer glauben will.

Almanya - Willkommen in Deutschland, Deutschland 2010, Regie: Yasemin Samdereli, Buch: Nesrin und Yasemin Samdereli, mit Vedat Erincin, Petra Schmidt-Schaller, Denis Moschitto, Aylin Tezel, Lilay Huser u.a., 97 min, Kinostart: 10. März 2011 bei Concorde Filmverleih

Fotos: Verleih

Susanne Gupta ist Filmemacherin und freie Autorin.



www.almanya-film.de
Website zum Film (deutsch, türkisch)

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz

www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de





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