The King's Speech

My Fair Lady umgekehrt

Kinostart: 17.2.2011 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was macht Geschichten aus dem britischen Königshaus so herrlich unterhaltsam? Unter anderem die politische Tatsache, dass sie keine große Bedeutung haben. Das war schon zu Zeiten von König George VI. nicht viel anders. Der ehemalige Prince Albert of York, der 1936 den Thron bestieg und 1952 starb, war beim Volk beliebt für seine schüchterne, etwas ungelenke Art, und weil er selbst in Zeiten des Krieges keinen großen Schaden anrichtete. Er hatte den Job nie gewollt, war in der Thronfolge gar nicht vorgesehen und fürchtete öffentliche Auftritte wie der Verurteilte den Henker. Der Grund: George VI. litt an einem nicht zu überhörenden Sprachfehler. Der Film über ihn beginnt mit einer berühmt gewordenen Rede aus dem Jahr 1925. Die Abfolge der Bilder gleicht denen einer Hinrichtung.

Wie der widerwillige König sein Stottern überwand, erzählt "The King's Speech" mithilfe von Witz, Ironie und fast der gesamten Royal Family britischer Schauspielkunst. Man will sich gar nicht ausmalen, wie ein anderer als Colin Firth den armen "Bertie" zur Karikatur gemacht hätte. Helena Bonham Carter spielt seine gute Gattin Elizabeth, die erst 2002 verstorbene Queen Mum, der eigentliche Grund seiner Beliebtheit. Sie ist es auch, die Lionel Logue (Geoffrey Rush) engagiert. Der exzentrische Australier, selbst ernannter Sprachtherapeut ohne jede Referenz, bringt Ihrer Majestät mit höchst ungewöhnlichen Methoden das Sprechen bei. Ein Bürgerlicher rettet das Königshaus.

Die Folgen einer Kindheit im Hause Windsor

Aus zwei Gründen wird das auch dringend notwendig. Zum einen ist da die Abdankungskrise um Alberts Dandybruder Edward (Guy Pearce), der für seine Liebe zu der dreifach geschiedenen Wallis Simpson auf den Thron verzichtet – der Skandal, der den Zweitgeborenen erst zum König macht. Und dann taucht jenseits des Kanals ein furchtbarer Demagoge auf, der das Empire in einen Krieg zu stürzen droht. Fasziniert beobachtet Albert die Wochenschau: Sympathisch ist er nicht, aber reden kann er, dieser Adolf Hitler.

Im Zentrum von "The King's Speech" stehen jedoch die therapeutischen Sitzungen bei Logue. Es ist ein oft feindliches Aufeinandertreffen völlig gegensätzlicher Charaktere – der Bürger und der Adlige, der Kolonisierte und sein Herrscher. Den größten Erfolg erzielt der laute Australier mit Schimpfworten. Kaum zu glauben, aber die derbsten Flüche kommen Albert, der im Privaten recht flüssig spricht, am leichtesten von der britischen stiff upper Lip. Er verflucht Logue. Er verflucht die ganze verdammte Situation. Und am allermeisten wohl sich selbst. Es ist die urkomische Umkehrung des Pygmalion-Motivs aus "My Fair Lady", in dem ein schrulliger Professor einem Straßenmädchen die Zunge zügelt. Doch liegt gerade darin auch die tragische Note. Denn natürlich hat Alberts Stottern psychologische Ursachen. Die Szenen mit dem herrischen Vater George V. (Michael Gambon) machen deutlich, wie wenig man als Kind im Hause Windsor zu lachen hatte.

Der 1937 geborene Drehbuchautor David Seidler gehört zu jenen älteren Briten, die sich noch erinnern können, wie sie zu Kriegszeiten am Radio hingen und – buchstäblich – jedem einzelnen Wort des Monarchen entgegenbangten. Seidler stotterte selbst und fand in dem tapferen König ein strahlendes Vorbild. Sein Glück war Alberts Pech. Ausgerechnet er musste zu einer Zeit auf den Thron kommen, als Radio und Fernsehen auch Staatsoberhäuptern wie ihm eine völlig neue Präsenz abverlangten. Das Repräsentieren in Uniform genügte nicht mehr. Das Mikrofon, Alberts größter Feind, stand plötzlich überall. Was Hitler als Erster begriffen hatte, dämmert im Film auch dem sterbenden Vater: "Wir sind Schauspieler geworden." Logues Arbeit mit Albert ist eher Psychoanalyse als Medienberatung; das macht die Sache so sympathisch. Aber mit diesen Auswüchsen einer neuen Medienära kämpft die Familie Windsor bis heute. Alberts Enkel Charles, an den man hier immer wieder denkt, kann ein Lied davon singen.

Für alle Schüchternen der Welt

Ob die glorreiche britische Monarchie ohne die modernen Medien überhaupt noch existieren würde, steht auf einem anderen Blatt. Das Kino jedenfalls leistet seinen Beitrag. Wie zuletzt Stephen Frears in "The Queen" wirft auch Regisseur Tom Hooper einen sehr gnädigen Blick auf die Blaublüter im Buckingham Palace. Machen sie ihre Schwächen nicht so menschlich? Nun, so kurz vor der Traumhochzeit von William & Kate ist dieser Support zwar überflüssig. Und man könnte auch unken, in einer Periode radikaler Sparmaßnahmen käme das rauschende Porträt des Kriegskönigs mit der Erinnerung an "Britain's finest hour" – das Zusammenstehen in harten Zeiten – gerade recht.

Doch sollte der Film demnächst auch noch die Krönung bei den Oscars erleben, hat das andere Gründe. Denn Hooper liefert weit mehr als gediegenes Kostümdrama für hartgesottene Anglophile. Jede Szene sprüht vor visuellem Einfallsreichtum; die Dialoge, dafür sorgt schon Bertie, sprengen den Rahmen üblicher Konversation – nicht von ungefähr sucht Hooper immer wieder die ästhetische Form des Stummfilms. Und wenn das patriotische Pathos zur großen Kriegseintrittsrede, in der sich der doppeldeutige Titel endlich erfüllt, bedenklich anschwillt, so gilt die ganze Aufmerksamkeit doch einem Mann, der den ganzen Zauber gar nicht wollte. George VI. spricht nicht nur zu seinem Volk und für die britische Krone, er spricht für alle Schüchternen dieser Welt. Er macht den Mund auf, man hält den Atem an. Go on, Bertie!

(The King's Speech) Großbritannien, Australien 2010, Regie: Tom Hooper, Buch: David Seidler, mit Colin Firth, Helena Bonham Carter, Guy Pearce, Michael Gambon, Geoffrey Rush u. a., 118 min, Kinostart: 17. Februar 2011 bei Senator

Fotos: ©Verleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



http://kingsspeech.com
Website zum Film (englisch)

www.thekingsspeech.senator.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz





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