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Das Zweite Deutsche Fernsehen gilt gemeinhin als weitgehend unverdächtig, ein allzu junges Publikum anzusprechen. Einmal aber befand sich der öffentlich-rechtliche Fernsehsender doch tatsächlich am Puls der Popkultur: Anfang der achtziger Jahre finanzierte die Mainzer Anstalt den Film eines vollkommen unbekannten New Yorker Regisseurs namens Charlie Ahearn über ein in der Bronx entstandenes Kultur-Phänomen, das Jahre später unter dem Namen HipHop einen weltweiten Siegeszug antreten sollte. "Wild Style" wurde 1982 im ZDF ausgestrahlt, ein Jahr bevor er überhaupt in den USA veröffentlicht wurde. Der Film löste eine Revolution aus.
Von New York in die Welt
Denn bis dahin waren Rap, Graffiti und Breakdance immer noch weitgehend vor allem in New York zu Hause. Eine Straßenkultur, der im Jahr 1979 der Hit "Rapper's Delight" der Sugarhill Gang zwar einen kurzen Moment der weltweiten Aufmerksamkeit verschafft hatte, die danach aber wieder weitgehend auf die Bronx oder Brooklyn beschränkt blieb. Das änderte erst "Wild Style": Der Spielfilm beförderte HipHop zu einer globalen Jugendkultur. Erstmals konnten Jugendliche, ohne selbst die weite Reise nach New York antreten zu müssen, sehen, womit sich ihre afroamerikanischen und puertoricanischen Altersgenossen dort beschäftigten. Dass sie aus dem Nichts, trotz Armut, in einer Stadt, die aussieht wie ein Kriegsgebiet, völlig neue Ausdrucksformen entwickelt hatten. Die Handlung, die "Wild Style" erzählte, war dabei herzlich egal: Der Graffiti-Maler Zoro ist unglücklich verliebt, er versucht als Künstler zu reüssieren und lässt sich treiben durch ein New York, dessen Brachen und Ruinen zum Abenteuerspielplatz werden. Weil Zoro nachts nicht nur U-Bahn-Waggons besprüht, sondern auch Clubs besucht, bietet sich vor allem reichlich Gelegenheit, um möglichst ausführlich Graffiti-Malern beim Sprühen, Rappern beim Reimen, DJs beim Plattenauflegen und Breakdancern beim Tanzen zusehen zu können.
Family Tunes
Am Set mit Charlie Ahearn
"Wild Style" war zwar offiziell ein Spielfilm, aber im Herzen eine Dokumentation: Ahearn rekrutierte seine Darsteller allesamt in der Szene. Der damals sagenumwobene Graffiti-Maler Lee Quinones spielte offiziell Zoro, aber eigentlich sich selbst. Die heute noch berühmte Rock Steady Crew oder der legendäre Grandmaster Flash traten gleich unter ihren eigenen Namen auf. Dass die Bilder grobkörnig waren, die Schnitte grobschlächtig und die Dramaturgie voller Löcher, das verstärkte nur noch den authentischen Eindruck.
Überall ist "Wild Style"
So wurde der Film für viele zu einer Initialzündung: Die Protagonisten des in den achtziger Jahren entstehenden deutschen HipHop, ob in Heidelberg, Hamburg oder Stuttgart, geben nahezu alle Ahearns Film als entscheidende Motivation an, die Techniken der in der Bronx geborenen Kultur aufzugreifen und sich zu eigen zu machen. Plötzlich tauchten Graffitis an deutschen Wänden auf, Jugendliche verarbeiteten in Raps ihr Leben, Breakdancer bevölkerten die Fußgängerzonen. Ein Effekt, der in vielen anderen Ländern ebenfalls zu beobachten war: Wie keine andere Jugendkultur passte HipHop mit seinen vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten zu den jeweiligen Lebensumständen vor Ort – um denen eine Stimme zu geben, die eigentlich keine haben.
Dabei war es wohl erst "Wild Style", der den HipHop zu einer Kultur mit gemeinsamen Wurzeln formte. Während DJs, Breakdancer und Rapper durch die Musik eine gemeinsame Grundlage hatten, waren die Graffiti-Maler oft noch außen vor. Indem der Film einen der ihren ins Zentrum setzte, schmiedete er die zum Teil unabhängig voneinander bestehenden Einzelphänomene endgültig zu einer einheitlichen Kultur. Dank an das ZDF, dass HipHop zur weltweit prägenden Jugendkultur des vergangenen Vierteljahrhunderts aufsteigen konnte!
Thomas Winkler
Fotos: Verleih
www.wildstylethemovie.com
Die Website zum Film
www.weltbild.de/3/15833915-1/dvd/wild-style.html
Der Film ist u.a. zu bestellen bei weltbild.de für 12,99 Euro.
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