Kick off Kirkuk

Leben im Ausnahmezustand

Kinostart: 10.2.2011 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das Fußballstadion von Kirkuk im Nordirak liegt wie ein abgestürzter Planet in der zerstörten Stadtlandschaft. An den Rändern des riesigen Spielfelds haben etwa 300 kurdische Flüchtlingsfamilien sich aus dem Müll der Zivilgesellschaft, die es in diesem von Krieg und Armut heimgesuchten Landstrich so gut wie nicht mehr gibt, ein Zuhause gezimmert.

Kirkuk liegt etwa 80 km entfernt von Arbil, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan und dem Zentrum der Erdölindustrie im Irak. Saddam Hussein und sein Regime versuchten die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen, indem sie die hier lebenden Kurden vertreiben ließen. Die kurdischen Familien flüchteten aus ihren Wohnungen und Häusern in die Berge, um das nackte Leben zu retten. Nach der Gefangennahme des Diktators kehrten sie zurück in die Stadt, ohne Chance, je wieder im eigenen Bett zu schlafen. Ihre Ansprüche konnten sie nicht geltend machen, ihre Wohnungen und Häuser wurden auf Anweisung des Regimes durch sunnitische Araber besetzt.

Gebaut für den Jubel der Massen zerfällt nun das Stadion wie eine römische Ruine. Im Sommer knallt gnadenlos die Hitze und die Winterstarre lässt alles Leben erfrieren. Hier in den elenden Hütten wird geboren und gestorben, hier vegetieren auch der Mittzwanziger Asu, sein jüngerer Bruder Diyar zusammen mit ihrer Mutter ohne Hoffnung auf eine irgendwie zu gestaltende Zukunft, mit einer Vergangenheit voller Schrecken und Angst im Nacken. Diyar, etwa zehn Jahre alt, humpelt mühevoll auf Krücken. Eine Landmine zerfetzte sein Bein, aus seiner Jeans ragt die Prothese. Nie wieder wird er Fußball spielen können. Es gilt, den Tag zu überleben, wenn etwa der Laster mit dem Wassertank kommt und alle gegen alle um ihre Tropfen kämpfen. Hilfen gibt es keine und die Politiker lügen müßige Versprechungen.

Doch Asu und sein Kumpel Jumbo trotzen dem Elend wenigstens den Genuss eines Fußballspiels ab. Irgendwie stellen sie es auf die Beine, organisieren einen Fernseher, einen Beamer, eine Leinwand, Lautsprecher. Und Asu wagt zu träumen: Von einem Fußballspiel zwischen kurdischen und arabischen Kindern im Stadion. Mit einer wendigen Kamera, die ein wenig an die frühen Pasolini-Filme erinnert, erzählt Shawkat Amin Korki seine Geschichte einer Freundschaft und die einer heimlichen Liebe.

Geboren wurde Shawkat Amin Korki 1973 im kurdischen Teil des Iraks, zwei Jahre später floh seine Familie in den Iran. Mit seinem zweiten Spielfilm zeigt er Alltagsszenen aus dem Ausnahmezustand. Immer wieder knallen Schüsse und Explosionen in der Tonspur, ein Teil davon war sicherlich nicht inszeniert. Während der Dreharbeiten, Korki arbeitete vorwiegend mit Laiendarstellern, wurde das Team massiv bedroht. Shawkat Amin Korki: "Kirkuk ist zu einem Albtraum geworden. Es war beinahe unmöglich, ein Team zu finden, welches bereit war, die Arbeitsumstände in dieser Stadt zu akzeptieren. Aber ich musste es tun."
Silke Kettelhake

(Kick Off) Irak 2009, Buch & Regie: Shawkat Amin Korki, mit Shwan Atuf, Govar Anwar, Rojan Hamajaza, Mohamad Hamed, Nasir Hassan, Soheila Hasan u.a., OmU, 81 min, Kinostart: 10. Februar 2011 bei mîtosfilm

Foto: Verleih



www.mitosfilm.com
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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