"I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the Negro streets at dawn looking for an angry fix …" ("Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgehungert hysterisch nackt, wie sie sich im Morgengrauen durch die Negerviertel schleppten auf der Suche nach einem wütenden Schuss …") – mit diesem mitreißenden Anfang zieht das Gedicht "Howl" von Allen Ginsberg seine Leserinnen oder Zuhörer direkt in seinen Bann. Ginsberg ist eine der zentralen Figuren der so genannten Beat Generation, der neunseitige Text mit eindeutigen autobiografischen Referenzen an sein unangepasstes Leben mit viel Sex, Drugs und Jazz ein Meilenstein in der US-amerikanischen Literatur.
Der Dokumentarfilmemacher und zweifache Oscar-Preisträger Rob Epstein ("The Times of Harvey Milk") und sein Co-Regisseur und -Autor Jeffrey Friedman sind das Wagnis eingegangen, einen Spielfilm über das berühmte Gedicht von Ginsberg und seine bewegte und bewegende Geschichte zu machen: 1955 trug Ginsberg den Text das erste Mal öffentlich vor, 1957 wurde sein Verleger Lawrence Ferlinghetti, der "Howl" in kleiner Auflage veröffentlicht hatte, wegen der Verbreitung obszöner Inhalte angeklagt und vor Gericht gestellt: Zu dieser Zeit lebte Ginsberg in San Francisco, in dem Text beschrieb der homosexuelle Schriftsteller unter anderem explizit schwulen Analverkehr – in den biederen und prüden USA der Nachkriegszeit ein riesen Skandal.
Großstadt-Hipster mit Herzblut
Die Gerichtsverhandlungen gegen "Howl" und Ferlinghetti sind einer von mehreren Bestandteilen des Films, für dessen Umsetzung seine Macher ein Genremix mit sehr unterschiedlichen Stilmitteln und Erzählsträngen gewählt haben. Die Original-Gerichtsprotokolle waren eine Grundlage für das Drehbuch sowie Interviewaufnahmen mit Ginsberg und das Gedicht selbst – nicht mehr und nicht weniger. Ginsberg-Darsteller James Franco bringt, vor allem bei den Szenen, in denen er "Howl" rezitiert, genau das richtige Maß an ungestümem Herzblut und feingeistigem Charisma für den jungen Ginsberg mit. Franco, der zudem sehr "Fifties" aussieht, transportiert überzeugend den absoluten Drang der rebellischen "Beatniks" nach Freiheit und Selbstbestimmung in allen Lebenslagen und ihr starkes Bedürfnis, ihre Eindrücke und Erfahrungen zu publizieren. Die schillernden Großstadt-Hipster der "Beat Generation" hielten damit der Nachkriegsgesellschaft inmitten der McCarthy-Ära mit ihren rigiden, konservativen Regeln den Protest-Spiegel vor und stellten als Avantgarde mit alternativen Lebensentwürfen bereits die Weichen für die spätere Hippie-Bewegung.
Ein weiteres Element des Films sind Interviews mit Ginsberg in seinem näheren Umfeld, meist in seiner Wohnung, in denen er die Umstände der Entstehung des Textes offenlegt: So habe er angefangen, Gedichte zu schreiben, weil er verliebt war und sich ausdrücken musste. Ihm war klar geworden, dass Dichtung eine rhythmische Artikulation von Gefühlen ist. Die Annäherung an die Improvisation des Jazz aka Bebop, wie ihn Ginsberg und seine Mitstreiter/innen hörten und der auch den Film kongenial untermalt, führte zu Experimenten mit Sprache und Stil. Obwohl Ginsberg nachweislich mindestens mehrere Monate an "Howl" arbeitete, wirkt der Text wie ein in sich geschlossener Gefühlsausbruch, den der Autor in kurzer Zeit in einem Rauschzustand geschrieben haben könnte. Gewidmet hat Ginsberg das Gedicht Carl Salomon, den er bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie kennen gelernt hatte.
Epstein und Friedman filtern aus dem epochalen Werk konkrete Erlebnisse, Beziehungen und Erfahrungen heraus und bebildern sie, ohne den Text zu analysieren oder zu interpretieren. Bei dem Genre-Crossover, für das sich die Filmemacher entschieden haben, spielt auch eine starke Farbvariation zwischen Schwarzweiß bei den Vortragsszenen in verrauchten Studentenkneipen bis Grellbunt eine große Rolle: In ausgeprägten Animationssequenzen hat der Graphic-Novelist Eric Drooker, der bereits vor Ginsbergs Tod mit diesem zusammenarbeitete, die lyrisch entworfenen Bilder des Gedichts zu einem psychedelischen Bilderrausch visualisiert.
Revolutionäres Werk
Es ist nachzuvollziehen, was Epstein und Friedman mit diesem Genremix bezwecken wollten – summa summarum ist es aber etwas zu viel, zu überladen. "Howl" ist durchgehend ein so starker und sinnlicher Text, dass er eine solche massive Bebilderung nicht bräuchte. Gerade die Comicszenen sind heikel, weil deren Gestaltung zutiefst subjektiv, also Geschmackssache ist, sicherlich nicht alle anspricht und eigentlich auch von der Wortgewalt des Gedichts ablenkt und die verbalen Eindrücke im Kopf der Zuschauenden manipuliert. Letztendlich geht die Rechnung der Filmemacher aber doch auf: Die Mischung der verschiedenen Stilelemente fügt sich zu einem einheitlichen Ganzen zusammen, das ergibt sozusagen einen ähnlich positiven Verlauf wie bei der Gerichtsverhandlung gegen das Gedicht: Denn nach der Befragung verschiedener Zeugen durch den Staatsanwalt – David Strathairn in dieser Rolle gewohnt elegant und scharfzüngig – spricht der konservative Richter Clayton Horn (Bob Balaban) den Verleger Ferlinghetti (Andrew Rogers) frei. Anschließend werden Allen Ginsberg und das revolutionäre Gedicht berühmt. Denn die Anhörungen vor allem respektabler Literaturwissenschaftler führten dazu, "Howl" keineswegs als jugendgefährdende Schundliteratur anzusehen, sondern vielmehr als einen wichtigen Ausdruck gesellschaftlicher Realitäten der damaligen Zeit. Das Urteil lockerte grundsätzlich die Zensur und verbesserte so die Publikationsbedingungen in den USA.
Wie weit der Einfluss von "Howl" bis in die Gegenwart reicht, zeigt sich darin, dass am Tompkins Square Park im New Yorker East Village, wo der 1997 verstorbene Ginsberg seinen Lebensabend verbrachte, alljährlich das "Howl Festival" stattfindet, bei dem sich die Subkultur sämtlicher Kunstgattungen selbst intensivst feiert.
(Howl) USA 2010, Buch & Regie: Rob Epstein, Jeffrey Friedman, mit James Franco, David Strathairn, Jon Hamm, Bob Balaban, Todd Rotondi, Aaron Tveit, u.a., 84 min, Kinostart: 6. Januar 2011 bei Pandora
Fotos: ©Verleih
Stefanie Zobl ist Journalistin in Berlin.
http://howlthemovie.com
Website zum Film (englisch)
http://howl.pandorafilm.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film
www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de
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