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Gewitter im Kopf

"Das weiße Rauschen" erzählt eindrucksvoll vom Abdriften in die Krankheit

30.1.2002 | Annette Kilzer | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Am Anfang ist alles easy, alles cool. Die große Freiheit! Der 21-jährige Lukas zieht nach Köln in die WG seiner Schwester Kati - endlich raus aus dem Kleinstadtmief, rein in den prallen Großstadt-Hype. Jetzt beginnt das echte Leben, denkt Lukas, denn hier findet er alles, was es braucht, um happy zu sein: ein geiles Zimmer, coole Mitbewohner, und weit und breit keiner, der einem Vorschriften macht. Immer jede Menge Drogen am Start, Parties ohne Ende, und bei einer Dachfete lernt er ein nettes Mädel kennen, mit dem er sich - schrecklich schüchtern und herzergreifend unbeholfen zwar, aber Hauptsache erfolgreich - fürs Kino verabredet. Doch als Lukas am nächsten Abend mit seinem Date an der Kinokasse steht, rastet er plötzlich völlig aus. Statt "Taxi Driver", wie er glaubte, läuft dort nämlich "Tod in Venedig". Seine Wut eskaliert zu lautem Geschrei und Rumgefluche und steigert sich in Verfolgungswahn, in dem er fast auf die Kassiererin losgeht. Das Girl haut entsetzt ab, aber Lukas hat gar nicht richtig mitgekriegt, was da gerade mit ihm abging ...


Schon vorher hatte er mal so einen Moment, in dem er irgendwie nicht mehr er selbst war, sondern buchstäblich "neben sich" stand. Da hatte er mit Kati und deren Freund Jochen auf einem Ausflug ein paar psychedelische Pilze genommen und war glücklich giggelnd und völlig gaga durchs grüne Gras gerobbt, bis auf der Heimfahrt, im Stau auf der Autobahn, plötzlich tausend Stimmen in seinem Kopf explodierten. Da dachten sie alle noch, er sei bloß vom Psylocibin-Trip schlecht draufgekommen, aber seitdem kommen die Stimmen immer wieder. Drängende, wispernde Stimmen. Verschwörerische Stimmen, die wild durcheinander reden und Lukas einflüstern, alle anderen, auch Kati und Jochen, wollten ihm Böses. So zieht er sich von ihnen mehr und mehr zurück, verbunkert sich in seinem Zimmer, bis er schließlich aus lauter Verzweiflung aus dem Fenster springt ...

Der von der Kölner Hochschule für Medien koproduzierte Film des Österreichers Hans Weingartner schildert ein ziemlich drastisches Krankheitsbild: paranoide Schizophrenie. Doch trotz der Schwere der Erkrankung, die Lukas sogar in einen Selbstmordversuch treibt, ist daraus kein dröger, larmoyanter und erst Recht kein nach billigen melodramatischen Effekten haschender Streifen geworden. Im Gegenteil: "Das weiße Rauschen", im letzten Jahr beim Filmfest in Saarbrücken ausgezeichnet, ist cool und hip und selbst in seinen tragischsten Momenten noch eine abgeklärt lässige und zutiefst menschliche Komödie. Den Wahnsinn von innen heraus erleben: Wir Zuschauer tauchen gemeinsam mit Lukas in das Gewitter ein, das in seinem Kopf tobt. Solch eine starke Sogwirkung entwickelt der Film.

Dieses Gefühl der Authentizität verdankt er unter anderem dem aufwändig gesampleten Soundtrack, in dem Sprach-, Geräusch- und Musikfetzen einander in einer Kakophonie der Eindrücke überlagern, sowie dem Drehen mit mehreren Digi-Cams. So konnten die Schauspieler ihre Szenen quasi Dogma-mäßig in einem Take durchspielen und mussten sie nicht für die Montage in einer anderen Kameraeinstellung wiederholen. Natürlich spürt man auch die aufwändige Recherche. Regisseur Weingartner studierte vor der Filmhochschule ohnehin bereits Cognitive Science (was sich vielleicht am besten mit Gehirnforschung übersetzen lässt) und traf sich sehr lange mit einem an Schizophrenie erkrankten Jungen, mit dem er und Hauptdarsteller Daniel Brühl vor den Dreharbeiten sogar auf eine dreitägige Wanderung gingen, auf der der Patient ihnen minutiös schilderte, welche seiner vielen Persönlichkeiten gerade Besitz von ihm ergriffen hatte.

Ohnehin: Daniel Brühl! Nicht zuletzt sorgt der Shooting Star des deutschen Kinos dafür, dass sich in diesem Film Thrill und Comedy, Lebensgefühl und engagierte Aufklärung so wunderbar harmonisch und auf so hohem Niveau ergänzen. Er spielt Lukas' Wahnsinn nicht mit weit aufgerissenen Augen à la Kinski oder als brachiales Wechselspiel von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, sondern sehr subtil und sensibel. So macht er klar, dass Schizophrenie-Erkrankte (von denen es weit mehr gibt, als gemeinhin angenommen) keine irren Psychos und Massenmörder sind, sondern Menschen mit einem schmerzhaften "Ich-Verlust". Leute, die merken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Die aber nicht denken, dass in ihrem Kopf etwas verkehrt läuft, sondern mit der Welt da draußen. Misstrauen frisst sie auf, harmlose Situationen empfinden sie als Bedrohung und verschanzen sich so immer stärker hinter einem Panzer aus Lethargie und Einsamkeit. Aber Mega-Sympathico und Ober-Schnuckel Brühl verkörpert Lukas so charismatisch und liebenswürdig, dass wir trotz seiner immer heftigeren cholerischen Anfälle und seiner gesteigerten Aggressivität niemals das Mitgefühl für ihn verlieren.

So eindringlich wie hier hat man selten im Kino gespürt, wie es ist, wenn die Seele aus dem Takt gerät. Obwohl erst Januar, ist es wohl nicht vermessen zu behaupten, dass "Das weiße Rauschen" zu den ganz großen Filmen dieses Jahres zählen wird.

D 2000, Buch und Regie: Hans Weingartner, mit Daniel Brühl, Anabelle Lachatte, Patrick Joswig, Katharina Schüttler, Michael Schütz, Ilse Strambowski, ab 16, Kinostart: 31.1.02 bei X-Verleih

Foto: Verleih

Annette Kilzer arbeitet in Berlin und London als Filmkritikerin und Restauranttesterin. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine (u.a. taz, tip, lodown, Splatting Image) und hat Bücher über die Filme von Joel und Ethan Coen, Bruce Willis und Til Schweiger geschrieben.



www.dasweisserauschen.de
Website zum Film
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database
www.movieline.de
Mehr über den Film bei MovieLine

www.fluter.de
Mehr Infos zu Daniel Brühl




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