t

Beruf: Drehbuchautor/-in

Der Autor, das unbekannte Wesen

20.2.2002 | Martin Maaß | Artikel drucken

Ich gebe es ja zu: Auch ich suche mir, wenn ich ins Kino gehe, die Filme nach den Schauspielern aus. Oder nach den Regisseuren: Was hat er/sie vorher gemacht? Mochte ich das? Hat er/sie schon mal einen Oscar bekommen? Jedes Plakat, jeder Artikel schreit die Namen von Schauspielern und Regisseuren in die Welt. Drehbuchautoren kennt dagegen keiner. Niemand geht ins Kino, um sich den Film eines bestimmten Autors anzuschauen. Dabei gäbe es ohne uns keine Filme!

Unser Kreuz als Autoren ist: Film ist ein visuelles Medium. Wir kennen, wen wir sehen. Da hilft es nicht, dass die Bilder, die alle sehen, irgendwo in der Mitte des Herstellungsprozesses eines Films entstehen. Es gibt drei Phasen, die ein Film durchläuft, bevor er in die Kinos kommt: Pre-Production, Production und Post-Production. Schauspieler spielen in der Produktionsphase eine Rolle. Regisseure in allen dreien. Autoren in der ersten. Wenn der Dreh losgeht und die Bilder entstehen, ist unsere Arbeit schon getan. Wir sind die, die ganz am Anfang stehen.

Um eins klarzustellen: Bevor auch nur an Kameras, Schauspieler oder Sets gedacht werden kann, kennen wir Autoren die Bilder schon. Aus unserem Kopf. Bevor irgendwelches Geld fließt, müssen wir die Bilder in Worte, in eine Filmhandlung umsetzen. Wir sehen eine Geschichte, die uns interessiert, Charaktere, mit denen wir uns beschäftigen, eine Situation, deren Folgen wir weiterspinnen möchten. Was immer uns packt, wir sehen es vor unserem geistigen Auge und haben den wahnwitzigen Ehrgeiz, es irgendwann per Leinwand der ganzen Welt zeigen zu wollen.

Wissen, wovon man erzählen will

Die Frage ist: Wie? Man muss wissen, wovon man erzählen will. Niemand kann über Liebe oder Sehnsucht schreiben, wenn er keine Ahnung hat, wie sich Liebe oder Sehnsucht anfühlen. Niemand kann eine Geschichte aus der Steinzeit schreiben, wenn er nichts über die Steinzeit weiß. Das ist ganz simple Lebenserfahrung. Jeder Mensch legt jeden Tag den Grundstein dazu, ein Drehbuch schreiben zu können.

Deshalb nehmen deutsche Filmhochschulen ihre Studierenden oft erst ab Mitte 20 auf. Vorher, meinen die, haben die Studierenden zu wenig erlebt, um glaubwürdige Geschichten zeigen zu können. Die Amerikaner sind da etwas weniger förmlich. Dort kommt es darauf an, was jemand zu bieten hat, auf die Ideen, die Fähigkeiten, die Sprache. Äußerliche Eigenschaften sind, zumindest für Autoren, weniger wichtig als hier.

Natürlich muss man auch über Filme einiges wissen, um einen schreiben zu können. Ein Film ist kein Roman oder Hörspiel. Jede dramatische Form hat eigene Regeln und Gesetze. Man kann viel über Drehbücher lesen, über dramatische Struktur, über Charakterentwicklung und Dialoge. Man kann all das in einer Hochschule studieren - oder auch im Kino.

Studieren im Kino

Schreiben selber ist ein Handwerk, das man lernen kann - und üben muss. Inspiration auf der anderen Seite der Waagschale ist immens wichtig, aber sie trägt ohne das Handwerk nicht weit. Wer denkt, man braucht nur jede Menge Ideen, der irrt sich. Ideen muss man zusammenbringen und ordnen können. Strukturen können Ideen hervorbringen und einen dann unterstützen, wenn der göttliche Funke ausbleibt. Und das ist nicht so selten.

Das allerwichtigste für einen Drehbuchautoren ist die Fähigkeit, mit anderen zu reden, sie zu verstehen, und Kritik oder Änderungswünsche zu ertragen. Kommunikation ist beim Film das A und O. Erstens ergeben sich Gelegenheiten zum Einsteigen dann am ehesten, wenn man Leute kennt, die mit Film zu tun haben. Zweitens ist Film ein sehr komplexes Medium, das in Teamwork entsteht.

Als Autor hat man mit Produzenten, Dramaturgen und Regisseuren zu tun. Alle kennen sich mit Film aus und denken, dass sie das Drehbuch viel besser selber schreiben könnten. Man muss mit ihnen reden, auf sie hören, sie überzeugen. Egal, ob man an einem eigenen Stoff oder als "Lohnschreiber" arbeitet. Es ist selten, dass all diese Menschen übereinzustimmen und sich ihre Ideen ergänzen. Meistens prallen Egos und Überzeugungen aufeinander, und irgendwer trifft eine Entscheidung, nicht immer im Interesse des Stoffes.

Eine Art Geburt - aber wer ist eigentlich der Vater?

Das Ganze ist ein Entwicklungsprozess, eine Art Geburt, die oft viele Monate dauert. Einerseits ist man erleichtert, wenn das Drehbuch dann fertig ist, aber andererseits fragt man sich auch, wer eigentlich der Vater ist. Eigene Ideen können verloren gehen, ungeliebte fremde Einzug halten. Wer damit nicht umgehen kann, kann nicht professionell arbeiten. Man muss ein Drehbuch, wie ein Kind auch, irgendwann loslassen können und ihm sein eigenes Leben gönnen. Es ist wichtiger als man selbst.

Das gilt noch stärker für den fertigen Film, auf den wir Autoren weiter nicht allzu großen Einfluss nehmen können. Aus einem gegebenen Drehbuch können unendlich viele unterschiedliche Filme werden: Wir schauen irgendwann nur noch zu. Wir fühlen, wie bei Kindern auch, ein unlösbares Band zwischen uns selbst und unserem Film, selbst wenn wir das Gör am Ende nicht besonders mögen. Und keiner von uns Autoren kann seinen Stolz leugnen, wenn er sein Baby auf der Leinwand sieht. Auch wenn unter "Ein Film von" ein ganz anderer Name steht ...

Foto "Barton Fink": Cinepad.com

Martin Maaß, Jahrgang 1967, ist Autor und Journalist in Berlin. Hat selber Publizistik studiert, kann es aber als Grundlage beider Berufe nicht empfehlen. Erster Kinofilm "Planet B - C.I.Angel" gerade in Post-Production. Weitere Projekte in Arbeit.



www.drehbuchautoren.de/berufsbild.htm
Hard facts zum Berufsbild beim Verband Deutscher Drehbuchautoren

www.hff-potsdam.de
Infos zum Dramaturgie-Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg

www.dffb.de
Drehbuchakademie der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin

www.filmakademie.de
Studiengang Film und Medien an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg

www.filmstudium-hh.de
Studiengang Drehbuch an der Universität Hamburg

www.filmschule.de
Drehbuch-Ausbildung an der Internationalen Filmschule Köln