Von Menschen und Göttern

In aller Stille

Kinostart: 16.12.2010 | Stefan Stiletto | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mit der Religion im Kino ist das so eine Sache. Als dramaturgischer Rahmen lässt sie sich noch gut verkaufen, vor allem in düsteren Krimis und Thrillern wie "Der Name der Rose" (1986), "Sieben" (1995) oder "The Da Vinci Code". Schwieriger aber wird es, wenn tatsächlich die aufrichtige Überzeugung einer Filmfigur im Mittelpunkt steht. Wer religiös ist, mag schnell einen Zugang finden. Wer aber damit nichts am Hut hat, lässt sich durch Filme nicht bekehren. Im Gegenteil: Allzu religiöse Geschichten schrecken ab, denn schließlich will man im Kino nicht bekehrt werden. Und lässt man sich dennoch darauf ein, bleibt oft nicht mehr als ein recht distanzierter Einblick in einen geschlossenen Kreis und der auf der Leinwand zur Schau getragene Glaube eine Behauptung.

Ein regelrechter Glücksfall ist daher, was Xavier Beauvois in dem Drama "Von Menschen und Göttern" gelingt. Sein Film ist geprägt von solcher Menschlichkeit, dass die Frage, ob man nun selbst an einen Gott glaubt oder nicht, ganz nebensächlich wird. Und das, obwohl das Setting und die Hauptfiguren kaum religiöser sein könnten: Die Handlung setzt im Herbst 1993 in einem abgelegenen Trappistenkloster im algerischen Atlasgebirge ein und die Protagonisten sind neun alte Mönche.

Freiheit

Schon lange leben die französischen Mönche dort. Obgleich sie durch ihre Klostermauern sichtbar von dem nahe liegenden Dorf getrennt sind, verbindet sie mit der muslimischen Bevölkerung ein überaus freundschaftliches Verhältnis. Selbstverständlich suchen die Menschen ärztlichen und sogar seelischen Rat bei Bruder Luc. Und ebenso selbstverständlich nehmen die Mönche teil an den religiösen Festen im Dorf, wenn etwa ein Junge beschnitten wird.

Doch die Lage ist seit einigen Jahren auch angespannt. Seitdem die Wahl der radikalen islamischen Heilspartei ins algerische Parlament 1992 durch militärischen Druck verhindert wurde, sorgen bewaffnete fundamentalistische Terroristen für Schrecken und rufen schließlich sogar alle Ausländer und Ausländerinnen zum Verlassen des Landes auf. Als eine Gruppe kroatischer Bauarbeiter in der Nähe des Klosters ermordet wird, bittet der Bezirksvorsteher die Mönche zu sich und empfiehlt ihnen, zu ihrer eigenen Sicherheit nach Frankreich zurückzukehren. Keine zwei Monate später, an Heiligabend, stürmen Terroristen das Kloster, fordern Medikamente und ärztliche Versorgung für einen ihrer Mitstreiter. Noch gelingt es den Mönchen um Abt Christian, eine Eskalation zu verhindern. Nicht mehr zu verleugnen allerdings ist die Gefahr, in der sie sich befinden.

Verlockend ist das Angebot der Regierung, sie bei der Ausreise zu unterstützen. Für die normale Bevölkerung aber gibt es keine Freiheit der Wahl. Sie muss bleiben und ist den Terroristen ausgeliefert, deren Gewalt sich auch gegen Muslime wendet. Und so stellt sich für die Mönche eine ebenso persönliche wie moralische Frage: bleiben und weiterhin helfen? Oder gehen?

Gleichheit

Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit: Sieben Mönche des Klosters in Tibhirine wurden Ende März 1996 entführt, zwei Monate später fand man ihre abgetrennten Köpfe. Bis heute sind die exakten Umstände der Tat ungeklärt, wenngleich die Aufklärung von Präsident Sarkozy unlängst – und in Reaktion auf den Erfolg von "Von Menschen und Göttern" in Frankreich – zur Chefsache erklärt wurde. Auch eine Verwicklung der Regierung wird nicht ausgeschlossen.

Doch Beauvois geht es in seinem Film weder darum, einen Krimi zu erzählen, noch um eine möglichst akribische Rekonstruktion der Tat. Er interessiert sich nicht für politische Verstrickungen, weist keine Schuld zu, klagt nicht an, sondern verneigt sich vor Menschen, die ihr Leben als Aufgabe betrachten, ohne sich blind dem Schicksal hinzugeben. Die zudem bereit sind, ihr eigenes Leben selbstlos aufzugeben, um Humanität zu bewahren. Und doch werden die Mönche in dem Film nicht zu Helden stilisiert. Sie bleiben immer Menschen, mit ihren Ängsten und Zweifeln, mit ihren Versuchen, die Welt zu verstehen.

Die Kraft, um schließlich doch zu bleiben und der Gefahr zu trotzen, liegt in "Von Göttern und Menschen" zwar begründet in dem tiefen Gottvertrauen der Männer. Aber sie erheben sich nicht über Menschen anderer Religionen, suchen statt nach Unterschieden vielmehr nach Gemeinsamkeiten. So offen sind sie, dass sie damit sogar den Anführer der Terroristen für einen kurzen Moment beeindrucken und irritieren. Gerade im Moment ist dieses Bild einer Möglichkeit, wie Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen zusammen leben können, umso bedeutsamer. Christentum und Islam werden nicht gegeneinander ausgespielt, und der Islam wird keineswegs mit Islamismus auf eine Stufe gestellt.

Brüderlichkeit

Beeindruckend ist, dass Werte wie Humanismus, Nächstenliebe und Toleranz nicht nur behauptet werden. Sie werden durch die Bilder und durch die Inszenierung spürbar – und zwar über die Religionen (oder Religion überhaupt) hinweg. Beauvois lässt sich viel Zeit, um den ritualisierten Alltag der Mönche mit den liturgischen Gebeten zu beobachten, verzichtet auf eine untermalende Filmmusik und setzt insbesondere auf eine ruhige, statische Kameraführung. Diese Zurückhaltung spiegelt sich auch in dem asketischen Leben der Trappisten, das auch auf eine Rückbesinnung verweist, auf das, was wirklich wichtig ist.

So erzählt "Von Menschen und Göttern" – trotz des bekannten tragischen Endes – aus einer überraschend hoffnungsvollen Perspektive über das Nebeneinander von Kulturen und Religionen, über Pazifismus und Ideale. Die frohe Botschaft des Films ist in der Tat universell. Darin liegen seine große Stärke und seine große Chance.

(Des hommes et des dieux) Frankreich 2010, Regie: Xavier Beauvois, Buch: Xavier Beauvois, Etienne Comar, mit Lambert Wilson, Michael Lonsdale, Olivier Rabourdin, Philippe Laudenbach, Jacques Herlin u.a., 123 min, Kinostart: 16. Dezember 2010 bei NFP

Foto: Verleih

Stefan Stiletto ist Medienpädagoge und lebt in München.



www.vonmenschenundgoettern-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film
www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz




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