Requiem for a dream

Bis zum Exzess und noch weiter

Kinostart: 6.12.2010 | Fabian Wolff | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Den ganzen langen steinigen Brighton Beach entlang auf Coney Island, New York, schleppt Harry (Jared Leto) den Fernseher seiner Mutter. Gerade mal lumpige 50 Dollar rückt der missmutige Pfandleiher Rabinowitz raus, genug, damit sich Harry und sein Freund Tyrone (Marlon Wayans) Heroin kaufen können – für den nächsten Schuss und das nächste Geschäft. Die beiden träumen davon, groß ins Drogentickerbusiness einzusteigen. Dann könnte Harrys kokainistische Freundin Marianne (Jennifer Connelly) einen Modeladen aufmachen und es gäbe reinen Stoff für alle. Wenig später kauft Harrys Mutter Sara (Ellen Burstyn) ihren Fernseher zurück, um endlich wieder ihre Lieblingsquizshow zu sehen. In die ist sie als Kandidatin geladen, doch das rote Kleid, das sie bei ihrem großen Auftritt tragen möchte, passt ihr nicht mehr wirklich – aber dafür gibt es ja diese Diätpillen auf Rezept. Morgens, mittags, abends und vorm Schlafengehen, nicht vergessen! Junkies, allesamt.

Drogenträume, Traumdroge

Traurig zwar, aber eigentlich nichts Besonderes, bekannte Gestalten aus Bahnhofsgegenden: So driften die Figuren in "Requiem For A Dream", das zum Kultfilm gewordene Zweitwerk des Regisseurs Darren Aronofsky von 2000, durchs Leben. Hubert Selby Jr., Autor der Vorlage von 1978, schuf mit seinem Roman "Last Exit Brooklyn" eine Unterschichtenchronik ganz im Stil der Beat-Autoren: Geschichten von Betrügern und Verlierern, die vom ganz großen Glück träumen, während sie sich mit kleinen Delikten über Wasser und auf einem konstanten Dopaminlevel halten. In "Trainspotting" stehen sie für eine nihilistische Ablehnung falscher Konsumidyllen, in "Gridlock'd" für all die Opfer moderner entmenschlichter Bürokratie. Doch auch die "angelheaded hipsters", von denen Allen Ginsberg in seinem Gedicht "Howl" spricht, die sich auf der Suche nach einem "angry fix" durch die Straßen schleppen, verkörpern eine wütende Jugend kurz vor der Revolution.

Darren Aronofsky gehört zu einer Generation junger Regisseure, die sich nicht scheut, mal so richtig loszulassen und aufzudrehen. Er bedient sich all der Stilmittel, die als wenig filmisch, eben als Clipästhetik gelten: exzessiver Zeitraffereinsatz, Splitscreens, Verfremdungen. Nahaufnahmen der Drogenekstasen: Venen, Blutbahnen und sich weitende Pupillen, schnell aneinander geschnitten. Sein Blick bleibt trotzdem immer präzise – Aronofsky verliert nie die Kontrolle.

Ganz im Gegensatz zu seinen Figuren. Der Traum vom großen Drogengeschäft platzt für Harry und Ty, als ein Bandenkrieg ganz New York lähmt. Mary geht Anschaffen. Die Diätpillen von Harrys Mutter sind nichts anderes als ärztlich verschriebenes Speed, das langsam ihren Realitätssinn zersetzt, bis sie sich von ihrem Kühlschrank bedroht fühlt. Und es wird alles immer noch schlimmer, während das Kronos Quartet die Filmmusik von Clint Mansell spielt, wuchtig und zärtlich zugleich. Ab Minute 90 ist "Requiem for a Dream" so ziemlich unerträglich und herzzerreißend.

Eine klischeebeladene Schauergeschichte, die man den Kindern erzählt, damit sie kein Pot rauchen? Die Figuren nehmen Drogen und verlieren Freiheit, Verstand und Körperteile. Die Sucht nach Opiaten lässt die Hölle Realität werden, Amphetamin frisst kleine Löcher ins Gehirn und Koks ist nur für Arschlöcher gut. Und dieses ganze "Free Your Mind!"-LSD-Gerede aus den Sechzigern war vielleicht nur eine Lüge? "Requiem for a Dream" hingegen ist keine Lüge. Nicht, weil der Film den schlechtmöglichsten Ausgang seiner Geschichte präsentiert, sondern weil er Menschen zeigt und versteht, die einander lieben, trotz aller Hindernisse, trotz Drogen, Pech und ihrer selbst. Und letztlich sind wir das doch alle, jeder von uns mit seiner kleinen Hoffnung auf Geborgenheit und Glück und Liebe. "Love? What is it? Most natural painkiller. What there is love", hatte William S. Burroughs vor seinem Tod in sein Tagebuch geschrieben. Vielleicht ist das der Traum. Aber manchmal bleibt auch der schönste Traum eine Illusion, und man wacht mit dem Gesicht in der Scheiße auf. "Requiem For A Dream" trauert um den Traum, aber er trägt ihn nicht zu Grabe.
Fabian Wolff, 21, ist freier Autor und Student und lebt in Berlin.

Fotos: Verleih

 

 



www.requiemforadream.com

Website zum Film (englisch)

 

http://www.apple.com/trailers/artisan/requiem.html

Der US-Trailer als Quicktime Movie

 

www.imdb.de

Mehr über den Film in der Internet Movie Database





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