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Der anhaltende Boom von "Nollywood" ist beispielhaft für die Power, Eigeninitiative und das neue Selbstbewusstsein Afrikas. Seit dem Ende der Militärdiktatur 1993 entwickelte sich die nigerianische Home-Video-Industrie mit der Produktion von bis 1.800 Filmen zum zweitgrößten Arbeitgeber im Land. Der Dokumentarfilm "Peace Mission" von Dorothee Wenner bietet eine Tour in die vibrierende Filmstadt Lagos angeführt von der energiegeladenen Produzentin und einflussreichen Förderin "Nollywoods", Peace Aniyam-Fiberesima. Viele der nigerianischen Filmschaffenden stehen für die Vielseitigkeit und Kreativität des postkolonialen afrikanischen Kinos im 21. Jahrhundert.
fluter.de: Du hast mit deinem Film und mit deiner Arbeit für die Berliner Filmfestspiel das Phänomen Nollywood entdeckt. Wie kam es dazu?
Dorothee Wenner: 2002 habe ich auf dem Filmfest in Kapstadt von dem Phänomen Nollywood zum ersten Mal gehört. Ich dachte damals, das ist bizarr – die Delegierte der Berlinale (D. Wenner, Anm. d. Red.) hat keine Ahnung davon. Dann traf ich dort eine Filmdelegation aus Nigeria, die hatten einen Stand und Filme mitgebracht, und fand schnell heraus, was sich dahinter eigentlich verbirgt. In Nigeria hat eine mediale Revolution stattgefunden. Wo es im Kontext von afrikanischem Kino fast nur immer um Probleme geht, ist es bemerkenswert, mit welchem unglaublichen Schwung das Land Filme produziert. Und das mit der Attitüde: "Wir wissen, wer wir sind und welche Filme wir machen wollen. Wenn euch nicht interessiert, wie unsere Filme aussehen, ist uns das auch egal." Das fand ich toll.
Wie erklärt sich der Boom?
In Nigeria gab es eine starke Literaturszene. Viele Filmleute kommen auch aus dem Theaterbereich, einige brachten TV-Erfahrungen mit. Das Land hatte einen großen Hunger auf Austausch und Information. Während der Militärdiktatur konnte man keinen Fotoapparat besitzen, ohne Gefahr zu laufen, inhaftiert zu werden. Es gibt ein Bedürfnis nach freier Meinungsäußerung, Unterhaltung und die Sehnsucht nach Filmen, die speziell auf ein afrikanisches Publikum zugeschnitten sind. Das betrifft Themen, Plots, die Sprache und die Form von medialen Produkten. Das meiste, was die Zuschauer sonst zu sehen bekommen, ist abgehalfterte Ware aus den USA und Hongkong. Die Menschen wollen Rollenvorbilder und ein eigenes Starsystem. Ein weiterer Pluspunkt spielte sicher der im Rest Afrikas manchmal gefürchtete Unternehmergeist der Nigerianer.
Welche Rolle vertritt Peace Aniyam-Fiberesima innerhalb der nigerianischen Filmszene?
Dorothee Wenner
Sie ist eine der zentralen Figuren. Das System in Nollywood ist ziemlich undurchsichtig. Es ist nicht so wie in Deutschland, wo es eine Informationsstelle wie die FFA (Filmförderungsanstalt) oder das MBB (Medienboard Berlin-Brandenburg) gibt. In Nigeria gibt es viele Gilden, in denen man organisiert sein muss, um arbeiten zu können. Die Industrie ist komplett privatwirtschaftlich und es herrscht viel Rivalität unter Filmemachern. In dieser Situation spielt Peace eine übergeordnete Rolle als Gründerin und Vorsitzende der African Movie Academy: Sie spricht an, wie wichtig für die Zukunft die Ausbildung und Qualifikation ist, weil viele Filmeschaffende Autodidakten sind.
Nollywood – das sind häufig B-Pictures, Trash. Sind sie nicht mit westlichen Vorstellungen kompatibel?
Das müsstest du die Einkäufer fragen, ich entscheide das nicht. Bei der Berlinale unterscheiden wir alles Neue daraufhin, ob es bei uns auf der Leinwand laufen könnte. Hinsichtlich der Qualitätsstandards geht es manchmal auch darum, was haben die Filme für eine Länge. Wir können nicht neun Stunden zeigen – da laufen uns die Leute weg. Man kann aber Nollywood-Filme in fast jedem Afro-Shop kaufen. Das ist eine Möglichkeit, sie zu sehen.
Neben Themen wie Liebe, gesellschaftlicher Aufstieg oder Aids ist auch Religion ein Thema. Welche Rolle haben die Kirchen im Filmbusiness?
Viele Kirchen haben ihre eigenen Produktionsstätten und die werden durchaus zur Mitgliederrekrutierung benutzt. Die Leute kaufen diese Filme und gucken sie an als eine Art erweiterten Gottesdienst. Die Bedeutung der Kirchen und die Filmproduktion genauer auseinander zu nehmen, wäre allerdings ein eigenes Thema.
Wie kann afrikanisches Kino unterstützt werden?
Es gibt im Moment ein großes Interesse zu überlegen, wie man so eine Filmindustrie unterstützen kann. Auch zum Beispiel im BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit) wächst das Bewusstsein, welche Bedeutung Film- und AV-Produktionen in Ländern wie Nigeria haben. Bis zur Entwicklung eines sinnvollen Fördermodells ist es aber ein weiter Weg. Ich finde es richtig, dass die Afrikaner jetzt sagen, wir wollen selbst mitbestimmen. Als Institution Berlinale versuchen wir unsere politische Verantwortung wahrzunehmen, in dem wir zum Beispiel auf diversen Festivals Programme zu Nollywood organisieren.
Hat Nollywood Ausstrahlung auf die Nachbarnationen?
Das hat große Auswirkung, weil Länder wie Ghana, Kenia, Äthiopien und Kamerun den Aufstieg Nollywoods mit Erfolg nachmachen.
Vielen Dank für das Interview!
Susanne Gupta
Fotos: ©Absolut Medien GmbH
www.absolutmedien.de
Mehr über den Film auf der Website von Absolut Medien
www.nigeriafilms.com
Kommerzielle Website zum Vertrieb nigerianischer Filme
www.nigeriaentertainment.com
Eine weitere kommerzielle Website mit Klatsch und Tratsch über nigerianische Filmstars
www.artmatters.info
African Cine Week, Kenia
www.sithengi.co.za
Cape Town World Cinema Festival, Südafrika
www.cca.ukzn.ac.za
Durban International Film Festival, Südafrika
senegal-info.de/film.htm" target="_blank">www.senegal-info.de
Film im Senegal
www.ziff.or.tz
Zanzibar International Film Festival (ZIFF)