Nachts im Dunkeln auf Gebäuden und Brücken rumklettern, unerlaubt markante oder provokative Statements in Form von Postern, Stencils/Schablonen oder Skulpturen hinterlassen, irrwitzige Verfolgungsjagden mit der Polizei – das Leben von Streetartists ist ziemlich aufregend. Gänsehaut und Adrenalinstöße auslösende Aktionen zeigt auch das Video-Material von Thierry Guetta, ab 1999 eifriger Chronist der Streetart- und Graffitibewegung.
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Der Franzose mit dem wallenden Backenbart plus Hut ist ein Original. Und er hat einen guten Riecher: In den 1990ern macht Guetta in Los Angeles viel Geld mit dem Verkauf von Second-Hand-Klamotten. Ein neues Betätigungsfeld findet er in Form der weltweit aufkeimenden Streetart-Bewegung. Er, der ohnehin eine Video-Manie hat und zwanghaft alles mitfilmen muss, was um ihn herum geschieht, dokumentiert die Arbeit der Künstler nahezu lückenlos. Den Streetartists kommt Guettas Obsession ebenfalls sehr zugute, denn ihre Arbeit, gekennzeichnet durch Spontanität, Kurzlebigkeit und immer hart an oder gar über der Grenze zur Illegalität, kann nur auf diese Weise für die Nachwelt konserviert werden.
Lady Di statt Queen Elisabeth
Den Einstieg in die Untergrund-Szene findet Guetta über seinen Cousin, genannt "Space Invader", der die gleichnamige Computerspiel-Figur als Mosaik dekorativ an öffentlichen Orten platziert. Mit der Zeit lernt Guetta immer mehr von dessen Mitstreitern kennen. Vorläufiger Höhepunkt ist die Begegnung mit Banksy, dem ungekrönten König der Szene. Der Brite tritt immer vermummt und mit verfremdeter Stimme auf, seine ursprüngliche Identität ist nicht bekannt – selbstverständlich wird viel darüber spekuliert. Seine Tarnung ist kein Spleen, sondern Selbstschutz, denn Banksy könnte wegen seiner Arbeit im Gefängnis landen: Er verbindet plakative Straßenkunst humorvoll und mutig mit subversiven politischen Inhalten, er übt mit seinen Projekten Gesellschafts- und Konsumkritik: Auf gefälschten 10-Pfundscheinen, die er massenweise unter die Leute brachte, ersetzte er Queen Elisabeth durch Lady Dis Konterfei. Weltberühmt machte ihn die Guerilla-Aktion an der Mauer um die palästinensische Westbank, wo er die Illusion von Löchern in der Mauer mit Blick auf Traumstrände oder glücklich spielende Kinder erzeugte.
Fortan ist Guetta bei jeder Kunstaktion Banksys mit der Kamera dabei, auch als dieser 2006 am Jahrestag von 9/11 eine wie ein Guantanamo-Häftling gekleidete Puppe in Disneyland neben der Achterbahn anbringt – ein riesiger Skandal, bei dem der bauernschlaue Guetta fast zur Verantwortung gezogen wird, weil er sich filmend in der Nähe aufhält. Trotz massivem Druck vom FBI hält er aber dicht und gehört ab sofort zu Banksys "inner circle".
Überraschende Wendung
Bis zu diesem Ereignis ist der Debütfilm von Banksy – denn der Künstler selbst zeichnet für den so genannten "Streetart Disaster Movie" verantwortlich –, eine vor allem kurzweilig-dynamisch-anregende Dokumentation über Streetart und einige ihrer wichtigsten Protagonisten wie Shepard Fairey, der mit dem Obama/Hope-Plakat berühmt wurde, oder auch Seizer, Borf und Ron English; es ist eine Insider-Geschichte aus der Mitte der Bewegung, unterstützt von dem tollen Soundtrack des Portishead-Songwriters Geoff Barrow.
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Doch ein Banksy wäre kein echter Banksy, bliebe es bei derlei braver und einfach durchschaubarer Kontinuität: Der Künstler hat den Schalk im Nacken und so dreht sich die Geschichte, Banksy übernimmt die Bildführung. Der Meister selbst, der das Geschehen in seinem Film in Interviews, in denen er selbstverständlich unkenntlich gemacht ist, staubtrocken und mit einer ordentlichen Brise Sarkasmus kommentiert, erklärt bereits zu Beginn, dass er einen Film über Guetta viel interessanter findet als über sich selbst. Er macht den Franzosen zu seinem Hauptakteur. Seinem treuesten und vermutlich verrücktesten Anhänger legt er nahe, aus der enormen Fülle seines Videomaterials einen Film zu machen. Als Guetta an diesem Projekt scheitert, regt er ihn dazu an, selbst Streetartist zu werden.
Jeder ist ein Künstler
Umtriebig wie er ist, krempelt Guetta sogleich die Ärmel hoch, nennt sich Mr. Brainwash und bereitet die Ausstellung "Life is beautiful" in Los Angeles vor – gemäß der Feststellung des großen deutschen Künstlers Joseph Beuys: "Jeder ist ein Künstler." Mr. Brainwash, der über keinerlei künstlerische Kompetenzen verfügt, lässt von zahlreichen Helfern zusammenhangslose, bedeutungsfreie Street- und Popart als Massenware herstellen – die Inspiration dafür holt er sich aus dem großen Ideen- und Kreativitätspool, den er jahrelang mit der Kamera eingefangen hatte. Dank der Unterstützung seiner alten Freunde Banksy und Shepard Fairey, die sich bis dahin nicht vorstellen können, was für ein Kunst-Monstrum da entsteht, und trotz des von ihm hausgemachten Vorbereitungschaos wird die Ausstellung ein voller Erfolg: Mr. Brainwash ist schlagartig berühmt und verdient als Shootingstar der Bewegung Millionen mit seinen Werken. Die Frage liegt auf der Hand: Ist Mr. Brainwash echt oder ist Banksys Film nur ein Mockumentary und Mr. Brainwash eine sehr sorgfältig und konsequent ausgearbeitete Kunstfigur von Banksy?
Damit ist dem Künstler ein Schelmenstück gelungen, denn selbstverständlich entschlüsselt Banksy den raffinierten Coup nicht. Er lässt einfach stehen, wie leicht und spielerisch sich der Kunstmarkt und die Medien manipulieren lassen, indem er die Grenzen von Realität, Inszenierung und Fiktion verwischt und damit grundsätzlich die Glaubwürdigkeit übertragener Informationen hinterfragt. Zudem stellt er kritisch die Bedeutung und den Wert von Kunst zur Disposition. Das macht "Exit Through The Gift Shop" zu einem einzigartigen, gleichermaßen unterhaltsamen wie geistreich-selbstreflektierten Film über das Metier. Und – wer auch immer wirklich hinter Mr. Brainwash steckt: Auch über Banskys Film hinaus stellt er weiterhin fleißig und regelmäßig aus in den USA – bis heute.
(Exit Through the Gift Shop), Dokumentarfilm, USA, Großbritannien 2010, Buch & Regie: Banksy, OmU, 86 min, Kinostart: 21. Oktober 2010 bei Alamode
Fotos: Verleih
Stefanie Zobl ist Journalistin in Berlin.
www.banksyfilm.com
Website zum Film (englisch)
www.exit-through-the-gift-shop.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz