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Das schmale Mädchen mit den wässerigen, leuchtenden Augen, der Pubertätshaut und dem tief ins Gesicht gezogenen No-Name-Kapuzenpulli heißt Mia, 15 Jahre alt, ihre allein erziehende Mutter ist Prekariatsmitglied, die kleine Schwester trampelt mit Fluchen, Paffen und Ordinärsein schon eifrig in die Fußstapfen der großen Vorbilder ihrer Familie.
In britischen Vorstädten geht es ähnlich zu wie in allen Brennpunkten der Industrienationen: Wütende Hoffnungslosigkeit, trotziger Hedonismus und nagende Sehnsucht nach einer anderen Welt schlagen sich in Dauersuff und Dauerparty, in beispielloser Frechheit, vulkanartig herausbrechender Verzweiflung und oberflächlicher Gefühllosigkeit auch gegenüber der eigenen Familie, den Nachbarn und Freunden nieder.
Andrea Arnold kann diese "real suburban storys", für die New-British-Cinema-Regisseure wie Mike Leigh Maßstäbe setzten, meisterhaft inszenieren: Mit "Red Road", ihrem ersten Langspielfilm, gewann sie 21 Preise, darunter auch 2009 den Jurypreis der Cannes-Juroren. In "Red Road" musste sich eine durch den Verlust ihrer jungen Familie traumatisierte Frau damit auseinander setzen, auf einer ihrer Überwachungskameras – sie arbeitet für eine Sicherheitsfirma – in einem Hochhausbewohner denjenigen wiederzuerkennen, der für den tödlichen Unfall ihres Ehemannes und des gemeinsamen Kindes verantwortlich war.
Tanzträume
Auch Mia, die ihren kantigen Körper mal traumwandlerisch sicher, mal linkisch wie ein Füllen durch die schmutzigen Hochhaus-Pfade von "Fish Tank" schiebt, wird in ihrem Zusammenleben mit Mutter und Schwester von einem Mann aus dem Gleichgewicht gebracht: Es ist der neue, attraktive Freund der jugendlichen Mutter, der trotz Mias unhöflicher Fassade Interesse an dem Mädchen zu entwickeln scheint, der Mias Ambitionen, als Tänzerin zu arbeiten, ernst nimmt, ihr sogar Talent bescheinigt und ihr Mut macht. Mias Traum, den viele ihrer Freundinnen träumen, die alte Showbusiness-Idee vom Entdecktwerden und den ganzen Schul- und Familienscheiß hinter sich lassen, scheint durch seinen Zuspruch tatsächlich eine Zeit lang in greifbare Nähe zu rücken.
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Der Zuschauer, der diese Art Geschichten kennt, weiß angesichts Mias authentischer Stolperschritte, die sie in der trostlosen Umgebung einer Abbruchwohnung Alcopops-angeschickert aufs Parkett legt, natürlich die ganze Zeit um die Sinnlosigkeit ihrer Bemühungen. Er hat den zu freundlichen Freund längst im Verdacht, auch nur ein weiterer Hallodri, Lügner oder noch viel Schlimmeres zu sein. Und so ist die nahende Katastrophe nur eine Konsequenz der Umstände, ein bitterer Schritt auf Mias Weg ins öde Erwachsenenleben.
Leben im Aquarium
Das Besondere an der Geschichte ist darum nicht die Gnadenlosigkeit und Erwartbarkeit der Geschehnisse, ist bei allem Druck nicht die Story selbst, sondern die Inszenierung und vor allem die Schauspielerinnen: Die bei einem Streit mit ihrem Freund auf der Straße entdeckte Katie Javis, die damals arbeitslos war und keine Schauspielerfahrung hatte, spielt Mia unerschrocken, umfassend und schmerzhaft real. Problemlos gibt sie den Szenen mit Michael Fassbender, der die Rolle des neuen Freundes übernahm, eine atemberaubende Intensität, die man wiedererkennt, egal ob man mal männlicher, weiblicher oder noch zu definierender Teenager war, ob man Fisch, Fleisch oder genau dazwischen ist. Die trockene, dokumentarische Kamera, die an Mias Gesicht und ihrem Blick klebt, ihre sinnlosen Versuche, dem Aquarium der Hochhaussiedlung zu entkommen, beeindruckend bebildert, lässt auch verzeihen, dass manche von Arnolds Kompositionen einen Hang zum Sozialkitsch haben: Das ehemals weiße Pferd, das Mia befreien will, sind genau wie der rote Luftballon eher Holzhammersymbole, wie sie schlechte Fernsehfilme gern einsetzen.
Das Ende des Films könnte man als neuen Anfang lesen, aber gleichzeitig auch als Wiederaufnahme der Kreise zwischen Schulproblemen, Drogen, beengter Wohnung und sozialen Schwierigkeiten: Auch wenn es eine Person schafft, dem Brennpunkt zumindest für eine Weile zu entfliehen – die, die sie liebt, bleiben schließlich dort zurück.
(Fish Tank) Großbritannien 2009, Buch & Regie: Andrea Arnold, mit Katie Jarvis, Michael Fassbender, Kierston Waring, Rebecca Griffiths, Sydney Mary Nash u. a., 122 min, Kinostart: 23. September 2010 bei Kool
Fotos: Verleih
Jenni Zylka ist Autorin und Geheimagentin.
www.fishtankmovie.com
Website zum Film (englisch)
www.fishtank-film.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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