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Der siebenjährige Yusuf lebt in einem kleinen Dorf im waldreichen Norden Anatoliens. Oft begleitet er seinen Vater Yakup, einen Honigsammler, auf dessen Wanderungen durch das Bergland. Dann lauscht der Junge gebannt den Worten des Erwachsenen, der ihn in die Geheimnisse des Waldes einweiht und ihm sein Handwerk lehrt. Und es ist ein beschwerliches und gefährliches Handwerk, mit dem Yakup die Familie ernährt. Denn um die Bienenkörbe in den Kronen der alten Bäume aufhängen zu können, muss er erst deren mächtige Stämme mit einem Seil erklimmen.
So wissbegierig und unbefangen sich Yusuf in der Natur bewegt, so schwer tut sich der wortkarge Junge in der Schule. Trotz aller Anstrengung enden seine Versuche, Gedichte vor der Klasse vorzulesen, stets in heillosem Stottern. Allein seinem Vater vermag sich Yusuf flüsternd mitzuteilen. Doch ist Yakup immer häufiger abwesend, seit ihn ein Bienensterben dazu zwingt, mit Esel und Körben in weit abgelegene Täler zu ziehen. Als er einmal auch nach Tagen nicht heimkehrt, macht sich Yusuf mit seiner Mutter auf die Suche.
Magische Schönheit
"Bal" ist der letzte Teil von Samih Kaplanoğlus autobiografisch inspirierter "Yusuf"-Trilogie, die das Leben des Protagonisten bis zu seiner Kindheit – zu seinen Wurzeln – zurückverfolgt und mit der der türkische Regisseur nach eigener Aussage eine Rückbesinnung auf die Provinz anregen möchte. In "Yumurta" (2007, übersetzt: "Ei") zeigte er Yusuf als 40-Jährigen Dichter, der, als seine Mutter stirbt, aus der Großstadt in seine ländliche Heimat zurückkehrt. "Süt" (2008, übersetzt: "Milch") erzählte vom jungen Mann, der die Schriftstellerei für sich entdeckt und damit auf Unverständnis bei der Mutter stößt, die sich und den Sohn mühsam mit einem kleinen Milchbetrieb über Wasser hält. "Bal" nun handelt von der innigen Verbindung des kleinen Jungen zu seinem ernsten und stillen, aber sensiblen Vater und vom Schmerz, den dessen Abwesenheit bei Yusuf auslöst.
Sicherlich hat es einen besonderen Reiz, "Bal" vor dem Hintergrund der beiden ersten Teile der Trilogie zu sehen, gewissermaßen rückwirkend zu begreifen, wie sehr die Beziehung zum Vater, die Kindheit auf dem Land, Yusufs Lebensweg geprägt hat. Allerdings ist "Bal" ein Werk, das nicht nur problemlos für sich allein stehen kann, sondern seinen außergewöhnlichen visuellen Zauber in Unkenntnis der beiden Vorgängerfilme womöglich sogar noch wirkungsvoller entfaltet. Denn was an diesem wunderbaren, auf der Berlinale 2010 zu Recht mit dem Goldenen Bären belohnten Film vor allem fasziniert, ist seine originäre visuelle Kraft, die die kindliche Unmittelbarkeit, mit der Yusuf seine Umwelt wahrnimmt und erkundet, greifbar macht.
In langsamen, sorgsam komponierten Bilderfolgen fängt Kaplanoğlus Film eine Szenerie ein, die wirkt, als stamme sie aus längst vergangenen Zeiten. Inmitten urwüchsiger Natur scheinen die Menschen ein Leben wie vor Jahrhunderten zu führen. Ihre einfachen alten Häuser aus Holz und Stein kennen noch keinerlei technische Annehmlichkeiten. Und die uralten Handwerke, die sie ausüben, lassen sich wohl allein durch persönliche Überlieferung und langjährige Erfahrung erlernen. Die Welt, in der Yusuf aufwächst, ist noch nicht entzaubert, noch nicht bis ins Letzte entschlüsselt. In ihr haben sich die Dinge ihr Geheimnis bewahrt. Und indem Kaplanoğlu die Kamera ausdauernd und ruhig auf sie richtet, dabei auf jegliche Filmmusik verzichtet und stattdessen die Geräusche des Schauplatzes voll zur Entfaltung kommen lässt, verleiht er dieser fremden, eigentlich so märchenhaft anmutenden Welt eine verblüffende Gegenwärtigkeit.
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"Bal" ist ein betörend sinnlicher Film. Aber nicht, weil die Kamera in Schauwerten schwelgt, sondern im Gegenteil, weil es dem Regisseur gelingt, durch eine äußerst konzentrierte und reduzierte Anwendung filmischer Mittel das Gezeigte mit Leben zu erfüllen. So läuft der Film bei aller Metaphorik, die schon im Titel anklingt, auch nie Gefahr, in aufgesetzten Symbolismus zu verfallen. Natürlich steht der Honig für mehr als nur für ein Lebensmittel. Er ist eine magische Substanz, gewissermaßen eine Essenz des Waldes, die Yusuf in sich aufnimmt und die für immer ein Teil seines Wesens sein wird, so wie auch der Vater in ihm lebendig bleibt. Wenn aber Yusuf den Finger neugierig in den Honig steckt und ihn ableckt, dann zeigt das Kaplanoğlu als das, was es vor allem anderen ist: als eine ganz konkrete sinnliche Erfahrung eines Kindes.
Die Liebe des Vaters
Dass "Bal" niemals droht ins Süßliche zu kippen, liegt auch an seinem jungen Hauptdarsteller Bora Altaş, dessen ernstes Kindergesicht den Film trägt und ihm eine Emotionalität verleiht, die frei ist von jeder Sentimentalität. "Sein" Yusuf ist ein verschlossener Junge, der an seiner Unfähigkeit sich mitzuteilen leidet, gerade auch weil er empfänglich ist für die Schönheit der Sprache. Gegenüber der Mutter wirkt er störrisch. Umso anrührender erscheint jedoch seine Vertrautheit mit dem wortkargen Vater, einem sanften Mann, der so gar nicht dem Bild des strengen Patriarchen entspricht, das man hierzulande gemeinhin mit türkischen Vätern verbindet. So versucht Yakup überraschend einfühlsam, Yusufs Sprechblockade zu lösen, indem er ihn dazu bringt, ihm seine Träume leise ins Ohr zu sprechen. Eine Szene, die von einer ungemeinen Zärtlichkeit erfüllt ist. Und so erklärt sich die fast schon heroische Beharrlichkeit, mit der Yusuf immer wieder versucht, das Vorlesen in der Schulklasse zu meistern, um endlich einen jener billigen roten Plastikanstecker zu bekommen, mit denen der Lehrer die guten Schüler ausgezeichnet, denn wohl auch aus dem Willen, sich der Liebe des Vaters würdig zu erweisen.
Auch wenn "Bal" in seiner bewussten Langsamkeit und Kargheit den gängigen Mechanismen des Unterhaltungskinos kategorisch gegenübersteht, so liegt doch von Beginn an eine enorme Spannung über dem Geschehen. Dem Film vorangestellt ist ein Prolog, der Yakup beim Erklettern eines Baumes zeigt. Als plötzlich das morsche Geäst bricht, hängt der Honigsammler hilflos zwischen Himmel und Erde – zwischen Leben und Tod. Das Bild bleibt als düstere Vorahnung präsent, bis sie sich in Yakups Verschwinden letztlich bewahrheitet. Als er endlich mit der lang ersehnten Auszeichnung von der Schule nach Hause kommt, rennt Yusuf in den Wald, um schließlich erschöpft zwischen den weit ausgreifenden Wurzeln eines großen Baumes einzuschlafen. So geborgen wie auf dem Schoß des Vaters.
(Bal) Türkei, Deutschland 2010, Regie: Semih Kaplanoğlu, Buch: Semih Kaplanoğlu, Orçun Köksal, mit Bora Altas, Erdal Besikçioğlu, Tülin Özen, Alev Uçarer, Ayse Altay u. a., Schwarzweiß, OmU, 103 min, Kinostart: 9. September 2010 bei Piffl
Fotos: Verleih
Jörn Hetebrügge lebt und arbeitet als freier Autor und Journalist in Berlin.