t

Zarte Parasiten

Bittere Zeiten

Kinostart: 9.9.2010 | Philipp Bühler | Artikel drucken

Image 26786

Image 26786

Alles streitet über den Wert sozialer Dienstleistungen. Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne) haben die Lösung gefunden: Betreuung, Pflege, Sterbebegleitung – gegen Geld verkauft das seltsame Pärchen Bedürftigen seine Zuwendung. Weil das aber bekanntlich wenig einbringt, und weil sie es wohl auch so wollen, campieren sie einfach im Wald. Abends gehen sie mit Grubenlampen ins Bett. Morgens streicheln sie sich zärtlich die Käfer vom Gesicht. Allzu romantisch darf man sich das nicht vorstellen, eher wie das "Blair Witch Project" auf dem feuchten Boden des deutschen Sozialstaats.

Während Manu eine alte Dame betreut, findet Jakob eine Stelle als Ersatzkind. Martin (Sylvester Groth) und Claudia (Corinna Kirchhoff), die um ihren toten Sohn trauern, lassen ihn nur zögernd in ihr Leben, dafür sind die späteren emotionalen Verwerfungen umso heftiger. Erschwert wird das Verständnis solcher Beziehungen durch den originellen Regieeinfall, die Motive der beiden Hilfsleister in der Schwebe zu lassen. Kurzzeitig hält man sie für mögliche Betrüger, und vielleicht sind sie das sogar. Die Regisseure Christian Becker und Oliver Schwabe ("Egoshooter", 2004) klagen eine Gesellschaft an, die Liebe und Zuneigung nur noch als verkäufliche Ware betrachtet.

Leider ist in "Zarte Parasiten" zwischen liebloser Gesellschaft und liebloser Inszenierung so furchtbar schwer zu unterscheiden. Es fängt damit an, dass die konkreten Abmachungen nie gezeigt werden. Dass die beiden überhaupt Geld nehmen, wird lange verschwiegen. Die Idee von Kommunikation – gerade auf dieser reinen Verhandlungsebene könnten menschliche Gefühle sichtbar werden – ist dem Film suspekt. Die ganze Aussage von Becker und Schwabe steckt in der gewollt "kalten" Inszenierung, die keinen bornierten Manierismus des neuen deutschen Films auslässt: Die Schauspieler/innen müssen den ganzen Film über betreten dreinschauen; wichtige und vorzugsweise unangenehme Szenen – Jakob und Manu haben vor der alten Dame Sex – werden kontextlos abgebrochen; Musik gibt es kaum, Licht gar nicht. Es ist eine dunkle, nasse, umsonst nach Liebe schreiende Welt. Man hat das schnell begriffen, will es sich aber nicht bis zum bitteren Ende ansehen.
Philipp Bühler

Zarte Parasiten, Deutschland 2009, Regie: Christian Becker, Oliver Schwabe, mit Robert Stadlober, Sylvester Groth, Maja Schöne, Corinna Kirchhoff, Gerda Böken u. a., 90 min, Kinostart: 9. September 2010 bei Filmlichter

Foto: Verleih


www.zarteparasiten.de
Website zum Film
www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film