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Gefühlszocker

Moderne Nomaden

9.9.2010 | Nana A. T. Rebhan | Artikel drucken

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Christian Becker und Oliver Schwabe haben die Synergie des gemeinsamen Schreibens und Inszenierens schon vor einigen Jahren entdeckt. Mit "Zarte Parasiten" präsentieren sie nach "Egoshooter" bereits ihren zweiten gemeinsamen Spielfilm. Manu verbringt Zeit bei einer älteren, einsamen Dame in deren Wohnung und Jakob etabliert sich gar als Ersatzsohn eines Ehepaares, dessen Sohn vor kurzem erst verstorben ist. Kann ein solches Geschäftsmodell funktionieren? Nana A.T. Rebhan hat sich mit den beiden Filmemachern über ihren zweiten Film unterhalten.

fluter.de: Wie kam euch die Idee zu "Zarte Parasiten“?

Oliver Schwabe und Christian Becker: Wir wollten von einem Paar erzählen, das bewusst einen eigenen Weg geht, einen anderen als den eingetretenen. Von Vagabunden, Nomaden in der heutigen Zeit. Der Begriff der Nomaden passt hier wirklich ganz gut. Unsere Parasiten bleiben auch so lange an einem Ort, wie der ihnen Nahrung, Obdach, Lebensunterhalt bietet. Dann ziehen sie weiter. Wir haben natürlich auch recherchiert. Sind auf Berichte gestoßen, die von Leuten erzählen, die im Wald wohnten, von Aussteigern, von Pilgern. Aber wir spürten von Beginn an, dass diese Recherche nur für Details in der Geschichte gut sein wird. Jakob und Manu leben zwar nomadisch und vagabundisch, aber sie veräußern sich emotional. Ihre Überlebensstrategie gibt es so nicht. Sie führen ein selbst entworfenes Leben. Davon wollten wir erzählen.

Wie sind "Egoshooter" und "Zarte Parasiten" miteinander verbunden?

Inhaltlich sind die beiden Filme verwandt, konzeptuell und formell allerdings sehr unterschiedlich. "Egoshooter“ wurde auf einer billigen Videokamera gedreht, "Zarte Parasiten“ auf Film.
"Zarte Parasiten" ist nach "Egoshooter" der zweite Teil unserer Trilogie, die sich mit Lebensmodellen und -utopien auseinander setzt. "Egoshooter" ist die Beschreibung eines Ist-Zustandes. Der Held, Jakob, strampelt, um sich aus diesem Zustand zu befreien, weiß aber nicht, in welche Richtung er gehen soll. Deshalb verhallt seine Bewegung in diffuser Ziellosigkeit. Dieser Ziellosigkeit tritt in "Zarte Parasiten" ein Lebensmodell entgegen, das Jakob und Manu verkörpern. Indem sie selbstbestimmt im Wald leben, verdienen sie ihr Geld als menschliche Dienstleister. Sehr zielgerichtet suchen sie nach immer neuen Kunden, führen dabei ein Leben am Rande der seelischen Prostitution. Für sie gibt es dazu aber keine Alternative, sie haben sich zu diesem Leben entschlossen, ihre Nische, ihre Utopie gefunden, auch wenn diese vielleicht nur zeitlich begrenzt lebbar ist.

Wie kamt ihr auf die Idee, zusammen Regie zu führen?

Angefangen hat alles mit Musik. Wir teilen eine ähnliche musikalische Sozialisierung. Das war wohl der Grundstein unseres gegenseitigen Vertrauens. Wir hatten da eine nonverbale Verständigung gefunden und dadurch einen verwandten emotionalen Umgang auch mit Filmen und Literatur. Auf dieser Basis haben wir angefangen erste Kurzfilme zu machen, dann Dokumentarfilme und Essays. Die Konsequenz daraus war es, unseren ersten gemeinsamen Spielfilm zu realisieren: "Egoshooter" und jetzt "Zarte Parasiten". So soll es auch weitergehen – gemeinsam.

Wie führt ihr Regie?

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Bei uns gibt es keine klassische Regieaufteilung. Oliver führt auch die Kamera, aber wir arbeiten beide zu gleichen Teilen mit den Schauspielern. Wir sind sehr gut vorbereitet und wissen vor Beginn der Dreharbeiten, dass wir beide 100-prozentig denselben Film machen wollen. Wenn sich dann zum Beispiel ein Schauspieler wohler fühlt, nur einen direkten Regieansprechpartner zu haben, dann ist das für uns kein Problem. In so einem offenen System geschehen wunderbare Dinge, wenn die Schauspieler/innen sich, befreit von der klassischen Hierarchie, in die Arbeit einbringen, so dass der Film von ihren Ideen profitieren kann. Aber das hat nichts mit Basisdemokratie zu tun oder mit wildem Improvisieren. Wir wissen genau, wohin wir wollen und was der Film braucht und verlieren unser Ziel – bei aller Freiheit – nicht aus den Augen.

Wie habt ihr eure beiden Hauptdarsteller gefunden?

Wenn wir an Jakob dachten, dann dachten wir immer an Robert Stadlober. Ganz früh war er in unser Projekt involviert. Wir schätzen seine Präsenz, die auch mit wenig Worten viel erzählt.
Jetzt mussten wir nur noch Manu finden – eine Manu, die zu Jakob passt und ihn herausfordert. Wir wollten auf keinen Fall eine Coming-Of-Age-Geschichte erzählen. Wir wollten ein erwachsenes Paar, um der Geschichte die nötige Nachhaltigkeit zu geben. So waren wir nach einigen Castings sehr froh, als Maja Schöne den Raum betrat und uns innerhalb von Sekunden überzeugte. Robert & Maja waren sofort unsere zarten Bonny & Clyde.

Wie kreiert ihr diese Atmosphäre des Schwebezustandes?

Das hat viel mit Rhythmus zu tun und elliptischem Erzählen. Wir orientieren uns an Dingen, die uns selbst gefallen. Da liegt unsere Vorliebe eher bei Werken, die mehr Fragen stellen, als Antworten zu geben. Uns gefällt es, Räume zu schaffen, die frei sind von einem konkreten Plot und sich doch harmonisch in die Erzählstruktur einfügen, ohne störend zu wirken. Solche Räume kann der Zuschauer im Idealfall betreten und sich zu Eigen machen. Da lässt es sich schweben – man wird nicht nur von einer Story vorangetrieben, sondern auch mal sich selbst überlassen.

Ihr kommt beide aus der Fotografie. Könnt ihr euer Kamerakonzept beschreiben?

Stimmt! Auch noch so ein Punkt unserer Gemeinsamkeit. Alles fing mit Fotografie an. Wir wussten von Beginn an, dass wir unsere Helden/innen lieber beobachten wollten, dass es uns wichtiger war, zu zeigen, was sie machen, als zu erklären, wieso sie etwas machen. Diesem beobachtenden Blick wollten wir aber etwas Lebendiges entgegensetzen, so dass wir uns für eine Handkamera entschieden haben. Zwar sind viele Einstellungen  starr, aber da sie aus der Hand gefilmt sind, atmet das Bild unmerklich und holt es somit aus einer reinen Statik heraus.

Was ist das Thema eurer Trilogie?

In unserer Trilogie erzählen wir von Außenseitern. Von Menschen, die bildlich gesprochen am Ufer eines Flusses sitzen und dem Strom zuschauen. Sie fühlen sich zu diesem Fluss nicht dazugehörig, schlagen einen gewagteren Weg ein, probieren etwas aus oder verfolgen konsequent eine Idee. Uns fasziniert diese Konsequenz der Figuren, sich für etwas zu entscheiden, dabei trotz aller Widrigkeiten die Richtung nicht zu verlieren oder nie eine Richtung zu finden. Um richtig oder falsch, um gut oder böse geht es uns dabei nicht. Moralische Kategorien würden unsere Figuren in ihrem Handeln einengen. Wir wollen, dass sie sich in der Wahl ihres Weges frei bewegen können.

Worum wird es im letzten Teil der Trilogie gehen?

Der dritte Teil, "Das Floß", wird noch einige Schritte weitergehen. Jakob, unser wiederkehrender Held, ist nun Anfang fünfzig und unterwegs durch Deutschland. Er will nichts finden; er ist auf der Suche. Er lebt von dem, was die Straße ihm bietet. Auf seinem Weg trifft er auf Gleichgesinnte: Er trifft auf Sven, den ein Autounfall aus der Bahn wirft, und auf Britta, die schon länger auf Reisen ist. Sie verbindet der unbedingte Wille, dem Ist-Zustand ihres Lebens etwas entgegenzusetzen. Georg, ein Freund aus Jakobs Vergangenheit, hält Jakob für eine Gefahr und hat sich in den Kopf gesetzt, ihn wieder zur Vernunft zu bringen. Gerade als Jakob angekommen zu sein scheint, zwingen ihn die Ereignisse aufzugeben – oder weiterzuziehen. In aller Konsequenz.

Das Interview führte Nana A.T. Rebhan.

Fotos: Verleih