Der Titel ist natürlich dreiste Täuschung, ein Marketinggag: Nach einem glücklichen Mädchen hält man in "The Happiest Girl in the World" vergeblich Ausschau. Aber dass der ehemalige Werbefilmer Radu Jude sein Geschäft versteht, wird auch aus anderen Gründen schnell sichtbar. Es ist ein gekonnter Film über die Werbung und ihre schönen Versprechen, die jenes System am Laufen halten, das wir Kapitalismus nennen.
Ein Mädchen in Bukarest
Delia Fratila (Andreea Bosneag) gehört zu seinen Gewinnern, und zwar buchstäblich: Durch die Einsendung dreier Limonaden-Etiketten hat sie ein Auto gewonnen. Also fährt sie mit ihren Eltern nach Bukarest, um den Preis abzuholen. Doch der Kapitalismus in Rumänien ist noch jung, fast so jung wie sie selbst. Damit die Konsumenten/innen der Werbung auch glauben, muss Delia in einem Werbespot mitspielen. Es ist ganz einfach: Sie muss sich und das Auto vorstellen, einen kräftigen Schluck jener Limonade nehmen, der sie den tollen Preis verdankt, und davonfahren. Das heißt, eigentlich wird das Auto geschoben. So macht man das im Film, es muss ja nur echt aussehen. Zu einem allerdings kann man Delia partout nicht bewegen: zu lächeln, glücklich zu sein, und sei es nur für die Kamera.
Die Dreharbeiten funktionieren nach dem Loriot-Prinzip: Die erste Aufnahme sitzt fast perfekt, von da an geht's bergab. "Ich bin Delia Cristina Fratila, und ich bin das glücklichste Mädchen der Welt." Das bekommt die Gewinnerin noch hin. Aber dann passt ihr ohnehin altmodisches Kostüm nicht zum Hintergrund, der Damenbart muss ab, die Kamera war nicht eingeschaltet, kurz: Für das tollpatschige Kleinstadtmädchen beginnt ein ewig langer Tag der Demütigungen. Dabei hat sie sich schon vorher keine großen Illusionen gemacht. Denn eine wichtige Frage konnte schon bei der Anreise nach Bukarest nicht geklärt werden: Was soll mit dem Auto eigentlich geschehen, wem gehört der große Preis?
Den Westen spielen
Regisseur Radu Jude erzählt in seinem Spielfilmdebüt nicht nur von den Glücksversprechen der neuen rumänischen Konsumgesellschaft und deren Enttäuschungen, sondern auch vom komplizierten Verhältnis der Generationen. Delias nur leicht egoistische Eltern (unbedingt liebenswert: Violeta Haret Popa und Vasile Muraru) wollen das Auto verkaufen, um sich durch die Eröffnung einer Pension den Lebensabend zu sichern. Steht ihnen das nicht zu "nach allem, was wir durchgemacht haben"? Schwere Zeiten hat das ex-kommunistische Rumänien ohne Zweifel hinter sich. Delia, die gleich in Bukarest bleiben und mit dem Auto ihr Studium verschönern will, musste sie nicht erleben. In ihr spiegelt sich das junge Rumänien, das zwischen materiellem Individualismus und familiärer Verpflichtung noch keinen eigenen Weg findet. Regisseur Jude stößt einen nicht mit der Nase auf solche Zusammenhänge. Aber hinter der Komödie lauert die Angst beider Seiten, die Alten könnten von den Jungen finanziell abhängig werden.
Eine Komödie ist "The Happiest Girl in the World" ohnehin nur auf der Oberfläche, allem Slapstick zum Trotz. Nach der Umkehrung einer alten Weisheit ist hier Tragödie schlicht Komödie plus Zeit. In diesem Sinne bewahrt der Film auch ein paar alte osteuropäische Tugenden: Wie in Milos Formans "Feuerwehrball" (1967), einem Film der tschechoslowakischen Nouvelle Vague, in dem ein sozialistisches Dorffest mit angeschlossener Misswahl – auch dort spielte man ein wenig Westen – aus den Fugen gerät, erhalten die Konfusionen mit zunehmender Dauer eine bedrückende Note. Von dort jedoch ist der Weg zur rumänischen Nouvelle Vague jüngster Zeit nicht mehr weit. Der ironische Untertitel von Cristian Mungius Kommunismusdrama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" bleibt nicht die einzige Gemeinsamkeit. Jude verwendet dieselben langen Einstellungen wie auch die statische Kamera und verzichtet ebenso auf Musik. Technische Mätzchen wie den Kamerakran, den die Werbeleute in seinem Film einsetzen, braucht er nicht. Das Fazit ist ernüchternd und für sich schon wieder komisch: Zwei solch unterschiedliche Systeme wie Kommunismus und Kapitalismus lassen sich im Grunde mit denselben Methoden beschreiben.
Das neue Rumänien
Das soll nicht heißen, dass sich die Verhältnisse nicht gewandelt haben. Mit seinem Film, der letztlich nur aus einer einzigen Dutzend mal wiederholten Szene besteht, macht Radu Jude durchaus auch Werbung für das neue Rumänien. Gedreht wurde im Sommer, auf einem verkehrsumtosten Plätzchen mitten in Bukarest. Das Leben tobt hier genauso wie in Rom oder Barcelona, es herrschen südeuropäisches Flair und Temperament. Tatsächlich, denkt man zwischendurch, könnte der Film überall spielen. Überall dort, wo Werbung gemacht wird und die Menschen von einem besseren Leben träumen. Aber das ist natürlich nicht wahr. Der Film ist komisch und er berührt in seiner stillen Tragik, weil die Menschen gegen die Freuden und Zumutungen des neuen "goldenen Zeitalters" noch nicht abgestumpft sind, sondern sie als existenziell erfahren. Sollte das nur ein Bild sein, das uns der Film verkauft, hat er das sehr gut gemacht.
(Cea mai fericită fată din lume) Rumänien, Niederlande 2009, Regie: Radu Jude, Buch: Radu Jude, Augustina Stanciu, mit Andreea Bosneag, Vasile Muraru, Violeta Haret Popa, Serban Pavlu u. a., OmU, 100 min, Kinostart: 2. September 2010 bei Arsenal - Institut für Film und Videokunst e.V.
Fotos: Cornel Lazia
Philipp Bühler ist Filmjournalist und lebt in Berlin.
www.ceamaifericitafatadinlume.ro
Website zum Film (rumänisch)
www.arsenal-berlin.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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