The Times of Harvey Milk

Engagement mit Herzblut

25.10.2014 | Andreas Busche | Artikel drucken

Seit nun zwei Jahren steht in der Rotunde des Rathauses von San Francisco eine Büste mit der Gravur: "I ask for the movement to continue because my election gave young people out there hope. You gotta give 'em hope." Zu Deutsch: "Ich fordere die Bewegung auf weiterzumachen, weil meine Wahl den jungen Menschen da draußen Hoffnung gegeben hat. Man muss sie in ihrer Hoffnung bestärken."

Der Mann, der diese Worte gesagt hat, durfte die Erfolge seiner Arbeit nicht mehr erleben. Harvey Milk, Mitglied des San Francisco Board of Supervisors, etwa vergleichbar mit einem hiesigen Stadtrat, und der erste öffentlich homosexuelle amerikanische Politiker in einem höheren Amt, starb am 27. November 1978 zusammen mit San Franciscos demokratischem Bürgermeister George Moscone – erschossen von Dan White, einem politischen Kontrahenten Milks, der zwei Wochen zuvor von seiner Funktion als Supervisor zurückgetreten war. Gerade mal elf Monate bekleidete Milk sein Amt, doch seine Ernennung hat wie kaum ein zweites politisches Ereignis die amerikanische Gesellschaft der letzten fünfzig Jahre geprägt. Knapp ein Jahrzehnt nach dem so genannten Sommer der Liebe war es maßgeblich seinem Engagement zu verdanken, dass auch die sexuelle Revolution der Schwulen und Lesben endlich im Mainstream angekommen war. Zwanzig Jahre später wurde er dafür vom Time Magazine zu einem der 100 bedeutendsten Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts erklärt.

Gleichgeschlechtlichen keine Chance

Anlässlich des dreißigsten Todestags von Harvey Milk kam vor zwei Jahren Gus Van Sants Biopic "Milk" in die Kinos, für das Sean Penn zurecht den Oscar für die beste Hauptrolle erhielt. "Milk" war mehr als eine Widmung an eine große Persönlichkeit; der Film zeigte auch, dass die Probleme, die Harvey Milk vor dreißig Jahren thematisierte, noch immer aktuell sind. Denn fast gleichzeitig mussten Befürworter der rechtlichen Gleichstellung Homosexueller eine herbe Niederlage einstecken. In den Bundesstaaten Arizona, Connecticut, Florida und Kalifornien wurde 2008 über einen Gesetzesantrag, der "Proposition 8", abgestimmt, der die Ehe als eine ausschließlich zwischen Mann und Frau definierte Lebensgemeinschaft in der Verfassung verankern sollte. Die Anträge wurden in drei Bundesstaaten, ausgenommen Connecticut, mit großer Mehrheit angenommen. Die Rechtsschlacht, die seit über zwei Jahren in Kalifornien, dem vermeintlich liberalsten Bundesstaat, andauert, zeigt, wie umkämpft das Politikum Homosexualität noch immer ist. Vor vier Wochen erklärte das kalifornische Gericht Proposition 8 nach einigem hin und her für verfassungswidrig.

Seit der Dokumentation "The Times of Harvey Milk", für die Rob Epstein 1985 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, hat sich scheinbar nur wenig geändert. Frappierend ist vor allem, wie sehr sich die Argumente der religiösen Rechten und anderer konservativer Hardliner von damals und heute ähneln. 1978 trat Senator John Briggs für ein Gesetz ein, das ein Berufsverbot von homosexuellen Lehrern und Lehrerinnen an kalifornischen Schulen durchsetzen sollte. Briggs kommt auch in "The Times of Harvey Milk" zu Wort. Zu sehen sind in dem Dokumentarfilm unter anderem Ausschnitte einer sehr erhellenden Fernsehdebatte, in der Milk die fadenscheinigen Argumente Briggs' mit dem für ihn so typischen Witz auseinander nimmt. Im November 1978 wurde die Briggs-Initiative von einem Großteil der Wähler schließlich abgelehnt. Es war Harvey Milks größter Triumph. Wenige Woche später starb er durch fünf Kugeln.

Schwul, lesbisch, queer: Nur der Mensch zählt

"The Times of Harvey Milk" zeigt Milk als Menschen, der, so klischeehaft die Formulierung auch sein mag, zwischen dem Privaten und dem Politischen keinen Unterschied machte. In einer seiner historischen Reden zur Briggs-Initiative forderte er alle Schwulen auf, sich zu outen, um den Befürwortern der neuen Gesetzesvorlage zu zeigen, gegen wen diese eigentlich stimmten: die eigenen Kinder, Arbeitskollegen, den Nachbarn. Homosexualität sollte endlich ein öffentliches Gesicht bekommen und nicht länger als unheilbare Krankheit einer gesellschaftlichen Minderheit betrachtet werden. Das Outing war für ihn ein entscheidender Schritt zur Emanzipation.

Auf der Gewinnerseite

Milk war auch ein cleverer politischer Stratege. In Aufnahmen von Straßenkampagnen richtet sich eines seiner Wahlkampfteams explizit an ethnische Bevölkerungsgruppen. Wenn erst einmal eine gesellschaftliche Minderheit diskriminiert wird, wer ist dann wohl die nächste, fragen sie die Passanten. Milk wusste sich die politische Wetterlage stets zunutze zu machen. Nach zwei vergeblichen Anläufen, in den Stadtrat gewählt zu werden, half ihm eine Änderung in den Wahlstatuten: 1977 stellten erstmals die einzelnen Bezirke direkt ihre Kandidaten/innen ab. Da sich Milk in den siebziger Jahren bereits den heimlichen Titel als "Bürgermeister des Castro Distrikts" verdient hatte, war seine Wahl in den Stadtrat nur eine Formalität.

So wird "The Times of Harvey Milk" nebenbei auch zum zeitgeschichtlichen Portrait eines ganzen Stadtteils. Milks politischer Erfolg war eng mit dem Aufschwung des Castro Distrikts in San Francisco verbunden, in dem in den siebziger Jahren Schwule die große Mehrheit stellten. Hier eröffnete Milk sein kleines Fotogeschäft, das ihm später als Wahlkampfzentrale diente, und hier erarbeitete er sich seine Reputation als Freund des kleinen Mannes und der gesellschaftlich Unterdrückten. Weggefährten beschreiben im Film sehr anschaulich die überbordende Energie in Milks Team, die einer historischen Revolution fast zwangsläufig den Weg ebnen musste.  
Harvey Milk hat weit über die Ränder der schwul-lesbischen Community hinaus politisches Ansehen genossen. Sein Tod war eine große politische Tragödie. 30.000 Menschen versammelten sich in der Nacht seines Todes spontan auf den Straßen San Franciscos, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Dan White wurde aufgrund verminderter Zurechnungsfähigkeit zu fünf Jahren Gefängnis wegen Totschlags verurteilt.

Die Tonbänder des Toten sprechen die Wahrheit

Die Frage, ob Milk Opfer einer grassierenden "Schwulenpanik", wie es der Staatsanwalt Jim Hammer anlässlich des 25. Jahrestags der Milk/Moscone-Morde formulierte, geworden ist, beantwortet "The Times of Harvey Milk" eindeutig: Die Jury wurde von der Verteidigung ausschließlich mit Heterosexuellen besetzt. Bis heute scheiden sich über die Motive Whites, der Mitte der achtziger Jahre im Gefängnis Selbstmord beging, die Geister. Milks letztes Vermächtnis blieben seine Tonbandaufnahmen, die er für den Fall eines gewaltsamen Todes gemacht hatte. Aus ihnen zitiert der Film reichlich. In ihnen wird noch einmal deutlich, wie klarsichtig und leidenschaftlich Harvey Milk für seine politischen und gesellschaftlichen Rechte bis zum Ende gekämpft hat.

Andreas Busche

Foto & DVD-Coverabbildung: ©Edition Salzgeber



www.imdb.de
Mehr über den Film auf den Seiten der Internet Movie Database

www.sundance.org/festival

Der Film wurde auf dem Sundance Festival als beste Dokumentation mit dem Special Jury Prize ausgezeichnet. Zudem erhielt er 1985 den Oscar in der Kategorie Dokumentarfilm.