Vor vier Jahren gewann die bosnische Autorin und Regisseurin Jasmila Zbanic (36) mit ihrem Debütfilm "Grbavica - Esmas Geheimnis" den Goldenen Bären auf der Berlinale. Ihr neuer Film "Zwischen uns das Paradies" beginnt wieder in einer heilen Welt, über die sich nach und nach die Schatten der Vergangenheit legen. Luna und ihr Mann Amar sind ein sehr verliebtes Paar, das gerne ein Kind haben will. Sie sind Muslime, leben aber sehr westlich orientiert im Nachkriegs-Sarajevo. Amar trinkt zu viel und verliert deshalb seine Arbeit als Fluglotse. Er gerät in die Hände von Wahhabiten – einer Gruppe radikaler Muslime – deren Einfluss ihn zunehmend verändert. So sehr, dass Luna schließlich nicht mehr weiß, ob Amar wirklich als Vater ihres Kindes geeignet ist. Nana A. T. Rebhan hat mit der Regisseurin Jasmila Zbanic in Berlin gesprochen.
fluter.de: Meist ist es ja so, dass sich Menschen erst am Ende eines Films näher kommen. Ihr Film erzählt die Geschichte einmal andersherum. Wie findet man diese Gesten der Entfremdung, ohne in Klischees zu verfallen?
Jasmila Zbanic: Ich habe den Film drei Jahre lang vorbereitet und habe mit vielen Frauen gesprochen, die ihrem Mann gefolgt sind, und denen, die es nicht getan haben. Beim Schreiben des Drehbuchs zeigte sich, wie schwierig es ist, Liebe zu beschreiben, ohne dabei kitschig zu werden, denn sich liebende Menschen sind nicht so interessant wie die, die ständig streiten. Einmal sind Luna und Amar zusammen im Bad. Sie sitzt auf dem Klo und Amar bittet sie zu spülen – weil es stinkt. So ein Bild erzählt von der Nähe der beiden und wie sie mit Situationen umgehen, die auch unangenehm sein könnten. Sie sind sehr offen miteinander. Dann entwickelt sich die Geschichte von der Harmonie der beiden zum gegenseitigen Verlust.
Jasmila Žbanić
Der Wahhabismus ist der zerstörerische Eindringling in deren Liebe. Können Sie diese Macht beschreiben?
Wenn sich etwas Drittes in eine Beziehung drängt, nimmt man dies als eine Art dritte Kraft wahr. Ich habe es selbst erlebt, dass ein ideologischer "Dritter" in das Leben von einem Paar eindringt. Dabei ist es egal, ob es sich beim Dritten um Sozialismus, Nationalismus oder Religion handelt, es wird sich immer ähnlich entwickeln. Es gibt dann eine Struktur, die dich formt. Diese dritte Kraft nehme ich stark in meiner Umgebung wahr. Ich könnte dieses Thema auch global abhandeln, aber ich bewege mich lieber auf mir bekanntem Boden. Erklären kann ich es nicht, nur wahrnehmen. Manchmal sind Menschen ganz plötzlich von einer neuen Geisteshaltung völlig besessen. Sie glauben, dass diese ihnen hilft, dass es ihnen besser geht. Auf einmal findet Amar Antworten auf alle seine Fragen in dieser neuen Geisteshaltung. Er verändert sich, weil er sich dort einfügt. Da beginnt sich Luna zu fragen: "Wer ist dieser Amar? Was wird aus ihm?" Immer wieder gab es Eskalationen in Bosnien, wenn sich dieses "Andere" in Beziehungen drängte. Doch ich weiß, dass dieses Dritte nicht stärker als unsere individuellen Gefühle ist.
Amar befreit sich von seiner Alkoholsucht und gerät gleich in die nächste Sucht. Gibt es da kein Entkommen?
Die eine Sucht wird durch eine andere ersetzt. Diese Erfahrung habe ich während meiner Recherche in meiner Stadt immer wieder gemacht. Diese Erfahrungen beziehen sich aber auf eine urbane Gesellschaft – auf dem Land wäre das anders. In der Stadt kommt es immer wieder vor, dass eine Sucht oder das Gefühl, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein, Menschen zum Wahhabismus gebracht hat. Viele von denen, die ich getroffen habe, waren Punks oder in einer alternativen Szene, süchtig nach Drogen oder Alkohol. Sie waren schon schwach und ein wenig angeschlagen, so konnte sich der Wahhabismus leicht bei ihnen einnisten.
Sind Menschen in Bosnien auch durch ihre Kriegserfahrungen anfälliger für radikale Ideen als anderswo?
Ja, die Wunden des Krieges sind bei vielen Menschen noch nicht verheilt. Einer, der verwundet ist, ist auch sensibler und zerbrechlicher. Der Frieden, den wir heute sehen, ist in gewisser Weise auch hart und brutal. Viele Menschen, die verwundet sind, lassen sich leicht manipulieren. Ihre Entscheidungen fallen dramatischer und radikaler aus als bei Menschen, die keine Kriegsvergangenheit haben. Als Filmemacherin interessiere ich mich für Menschen, die verborgene Probleme haben. Die Zuschauer sollten diese selbst entdecken können, Gründe und Motive sollten sich ihnen erschließen können.
Wie haben Sie diese spezielle Atmosphäre in Ihrem Film kreiert? Sie ist sehr nah an der Realität, hat aber doch auch etwas Schwebendes.
Zum einen nutzt du technische Dinge, wie etwa Farben. Andererseits gebe ich meinem Team und meinen Schauspielern auch einen speziellen Song, der auf das Thema passt. Für diesen Film war es ein traditionelles bosnisches Lied. Das Gefühl, das man hat, wenn man den Song hört, hat viel mit dem Film zu tun. Das Lied ist sehr sanft. Wenn man es hört, bekommt man sofort ein Gefühl für die Stimmung des Films.
In einer sehr berührenden Szene singt ein ehemaliger Kriegskamerad von Amar ein arabisches Gebet. Diese Szene wirkt sehr authentisch. Ist das wirklich ein Schauspieler?
Ja, es ist ein Schauspieler. Er hat ganze zwei Monate geübt, um alles richtig auszusprechen. Das war harte Arbeit, er musste all diese Laute lernen, die es in unserer Sprache nicht gibt. Die Menschen, die uns beim Drehen beobachtet haben, sagten, dass das wirklich aus seinem Herzen zu kommen scheint, dass er es wunderbar macht und dass es sehr schade ist, dass er nicht zu ihnen gehört. Er hat sich auch monatelang einen Bart wachsen lassen und wollte diese Rolle richtig verkörpern. Viele Leute haben ihn gefragt, ob er wirklich ein Schauspieler ist. Das war das größte Kompliment für ihn.
Würden Sie sich als feministische Filmemacherin bezeichnen?
Was ist das? Ich würde ja sagen, aber wir müssten darüber diskutieren, was das bedeutet. In meinem Land gibt es für gewöhnlich keine spannenden Frauenrollen in Filmen. Sie sind entweder Heilige oder Huren. Etwas anderes gibt es nicht. Als ich klein war und Filme gesehen habe, gab es für mich in ihnen keine Möglichkeit zur Identifikation. Das will ich mit meinen Filmen ändern.
Ihr Film ist eine bosnisch-kroatisch-deutsch-österreichische Koproduktion. Ist es für Sie unverzichtbar, mit europäischen Geldgebern zu arbeiten?
In Bosnien werden jährlich nur ein bis zwei Spielfilme gedreht, diese werden dafür aber oft auf internationalen Festivals ausgezeichnet. Das klingt erst mal paradox. Zur Finanzierung braucht man auf jeden Fall Partner aus anderen Ländern. Ich weiß, dass ich in Bosnien von zahlreichen Talenten umgeben bin. Nicht nur auf dem Filmgebiet, sondern in allen Kulturbereichen.
Wie ist die Kino-Infrastruktur in Bosnien? Ist es einfach, Ihren Film dort zu sehen?
In Bosnien-Herzegowina befinden wir uns praktisch im dunklen Mittelalter – in den meisten Städten gibt es keine Kinosäle mehr. Vor dem Krieg war die Lage ganz anders, denn das damalige sozialistische System war sich der Bedeutung des Films bewusst und unterstützte die Produktion. Ich werde aber um jeden Preis versuchen, den Menschen in allen Teilen meines Landes zu ermöglichen, meinen neuen Film zu sehen. Und wenn es keine Kinos gibt, dann zeige ich ihn eben in Hotels oder Sporthallen.
Das Interview führte Nana A. T. Rebhan, deren eigener Film bald in die Kinos kommt.
Fotos: "Zwischen uns das Paradies" /©Verleih